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Griechischer Skiprofi Ginnis : Mit der Sirtaki-Taktik zum großen Ziel

Griechischer Stangentanz im Schnee: Alexander Ginnis in Flachau Bild: AFP

Jenseits von Costa Cordalis wurde Griechenland nie mit Wintersport in Verbindung gebracht. Nun holt Alexander Ginnis erstmals für das Land Punkte im Ski-Weltcup. Sein Weg dahin war alles andere als einfach.

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          Es erinnerte an eine Art Stangentanz, die der Fahrer mit der Startnummer 45 zwischen den letzten drei Toren vollführte, um sich beim Slalom in Flachau noch soeben ins Ziel zu retten. Der Oberkörper weit in Rücklage, eine Hand im Schnee, doch die Hüfte flink und die Skier jeweils auf der richtigen Seite an den Stangen vorbei: geschafft – es reichte für Alexander Ginnis aus Athen: Platz elf. Nur 1,99 Sekunden Rückstand auf den Tagessieger und 24 Weltcuppunkte für Griechenland.

          Es waren die ersten Zähler in der 53 Jahre alten Geschichte des alpinen Ski-Weltcups für einen Fahrer aus der Nation, die die Olympischen Spiele in der Antike erfunden hat – aber jenseits von Costa Cordalis noch nie mit Wintersport in Verbindung gebracht wurde. Und im Gegensatz zu dem in den 1970er Jahren bekannten Schlagersänger, den es später mit Exotenstatus in die Langlaufloipen verschlug, betreibt der 26 Jahre alte Alexander Ginnis, genannt AJ, den Skisport als Profession und mit Können.

          Schon sein Vater war begeisterter Skifahrer, der am Mount Parnassos in der Nähe von Delphi eine Skischule betrieb. Logisch, dass der sportbegeisterte Junge seine gesamte Freizeit im Schnee verbrachte. Ihn als „Flachlandgrieche“ zu bezeichnen, wäre eine Verunglimpfung des 2455 Meter hohen heiligen Berges, der dem Gott Apollon geweiht ist. Und obwohl der Blick von der Piste malerisch über Olivenhaine schweift, sind zwischen 1600 und 2300 Metern über dem Meeresspiegel immerhin 17 Lifte in Betrieb. Und drei der 36 Pistenkilometer gelten sogar als schwer.

          Dennoch zog es seinen Vater Anfang des Jahrtausends wie so viele seiner Landsleute beruflich nach Mitteleuropa. Er siedelte sich im Salzburger Land an, und der kleine AJ, damals elf Jahre alt, begann für den Skiklub Kaprun Rennen zu fahren. Aus dieser Zeit stammt sein alpenländischer Akzent, der ihn nicht unbedingt als Grieche ausweist. Doch der blonde Kerl mit den braunen Augen hat auch noch eine zweite Staatsbürgerschaft vorzuweisen: dank seiner amerikanischen Mutter.

          „Bisher hat es noch nie einen Griechen gegeben, der Weltcuppunkte sammeln konnte. Das will ich ändern“: Sagte Alexander Ginnis. Und er schaffte es.
          „Bisher hat es noch nie einen Griechen gegeben, der Weltcuppunkte sammeln konnte. Das will ich ändern“: Sagte Alexander Ginnis. Und er schaffte es. : Bild: EPA

          Einen weiteren Sprung in eine „Neue Welt“ wagte er mit 15, besuchte fortan die Green Mountain Valley School in Vermont und begann sogar für das amerikanische Skiteam Rennen zu fahren. Mit Erfolg: Bei der Junioren-WM 2015 gewann Ginnis Bronze im Slalom. Neben ihm auf dem Siegerpodest standen der Norweger Henrik Kristoffersen und der Österreicher Marco Schwarz. Hinter ihm kamen der Schweizer Loïc Meillard und der Franzose Clément Noël ins Ziel. Alle vier trumpfen seit Jahren im Weltcup auf. Ginnis dagegen musste noch einige Umwege gehen. Zwei Kreuzbandrisse bremsten ihn. Und vor allem starb sein Vater und Mentor überraschend früh.

          Seine Mutter, so erzählte es Ginnis später dem Südtiroler Magazin Sportnews.bz, sagte damals: „Das Geld ist knapp, ich weiß nicht, ob sich das mit dem Skifahren noch ausgeht.“ Und dann wurde auch noch das amerikanische Slalom-Team wegen Perspektivlosigkeit aufgelöst. Doch Ginnis verzagte noch immer nicht. Er sammelte über Crowdfunding Geld für seine Karriere, brachte gut 20.000 Dollar zusammen, und zog fortan als Einzelkämpfer über die Skipisten dieser Welt.

          Als dann der griechische Verband anfragte, ob er nicht für das Land seines Vaters starten wolle, wenn er ohnehin keine Mannschaft im Rücken habe, sagte er zu. Er wählte die Sirtaki-Taktik, um seinen Traum weiter leben zu können: Langsam anfangen und dann immer schneller werden. Und definierte als persönliches Ziel: „Bisher hat es noch nie einen Griechen gegeben, der Weltcuppunkte sammeln konnte. Das will ich ändern“. Am Sonntag hat AJ Ginnis aus Athen seinen persönlichen Olympiasieg geschafft.

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