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Polnischer Skisprung-Held : Malysz macht sich aus dem Staub

Adam Malysz: Von der staubigen Rallye zurück zum weißen Schnee. Bild: Picture-Alliance

Als erfolgreicher Skispringer machte Adam Malysz sein Land einst glücklich. Danach düste er im Rallyeauto um die Welt. Nun kehrt er an die Schanzen zurück – aber nicht mehr als Sportler.

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          Es sah stimmungsvoll aus, erfüllte seinen Zweck aber nur bedingt: Die Organisatoren hatten sich einiges einfallen lassen am vorvergangenen Wochenende, um die Veranstaltung auch zu später Stunde atmosphärisch aufzuwerten. Sobald die Sonne hinter dem 3000 Meter hohen Gipfel des Titlis verschwand, wurde es schlagartig bitterkalt im Engelberger Hochgebirgstal. Vor einem großen Metallfass, in dem Kaminholz angezündet wurde, versammelten sich Fans, um den Frost aus den Gliedern zu vertreiben.

          Adam Malysz machte die eisige Luft weniger aus: Er richtete seine Handschuhe, zog die Kapuze ins Gesicht und packte mit an, als es darum ging, die langen Latten zu verstauen. Der ehemalige Skisprung-Champion und neue Sportdirektor des polnischen Verbands sieht sich in seiner Aufgabe nicht als Büroangestellter, sondern „an der Seite der Athleten“. Eine lange Aufwärmphase brauchte der 39-Jährige im ungewohnten Job nicht.

          Neues Feuer im polnischen Team

          Malysz war, nach seinem Abtritt als Aktiver, nie wirklich weg aus dem Skisprung-Geschäft, in dieser Saison ist er aber wieder mittendrin im Geschehen. „Es fühlt sich gut an“, sagte er in Engelberg, „so habe ich es mir vorgestellt.“ Sein Wort hat nicht nur intern Gewicht, sondern auch im Kreis der Trainer und Offiziellen, die beim Weltcup im Zielbereich in einem Zelt zusammenkommen, um sich über die renovierte Schanze und ihre Keramikspur auszutauschen, die von den Springern ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit verlangt.

          Malysz, der Rückkehrer, hat in der Kürze der Zeit vieles bewegt in der Equipe der Polen, die sich vielversprechend wie lange nicht mehr präsentiert: „Der Start war gut, und wir tun alles dafür, dass es noch besser wird“, sagte er bei der Generalprobe für die Vierschanzentournee, bei der auch der erstarkte Kamil Stoch als Anwärter auf einen Podestplatz gehandelt wird. Malysz war zwischen 1995 und 2011 ein Meister seines Fachs: Er gewann vier WM-Titel, sicherte sich genauso oft den Gesamtweltcup, holte bei Olympia in Salt Lake City (2002) und Vancouver (2010) viermal Silber und Bronze. Als er seine Flug-Karriere beendete, wurde der gelernte Dachdecker bodenständig, wechselte kurz darauf das Arbeitsgebiet und fand sein Auskommen in einem Gewerbe, in dem ihn nicht weniger Risiko begleitete: Malysz, der von sich sagt, ihm verschaffe „das Agieren am Limit“ große Lust, fuhr mit einigem Erfolg Rallye.

          Zuletzt saß er hinter dem Steuer eines X-raid Mini; und wenn sein wichtigster wirtschaftlicher Partner, ein Energieversorgungsunternehmen, nicht im Frühling den Sponsoring-Vertrag gekündigt hätte, würde er in diesen Tagen nicht durch Schweizer Schnee stapfen, sondern sein Equipment nach Südamerika einschiffen lassen, wo am 2. Januar in Paraguay die Dakar beginnt. „Eine Million Euro hat gefehlt“, berichtete Malysz vom vorläufigen Aus der zweiten großen Profession seines Sportlerlebens, von der er aber hofft, sie irgendwann und irgendwie doch fortsetzen zu können. Die Suche nach Geldgebern geht jedenfalls weiter. Einen Interessenkonflikt befürchtet er nicht: „Wenn ich nächstes Jahr die Dakar fahren würde, könnte ich bei der Tournee nicht dabei sein“, sagte Malysz, „doch das wäre kein Problem, denn wir haben ein Team aufgestellt, das funktioniert.“

          Auf seine Initiative hin wurde Stefan Horngacher als Chefcoach verpflichtet. Der Tiroler brachte die vorhandene Qualität wieder zum Vorschein. In der Hierarchie der Mannschaft steht Kamil Stoch oben, und mit Maciej Kot, Dawid Kubacki und Piotr Zyla verfügt sie über zusätzliche Top-Ten-Aspiranten. Horngacher war zuvor die rechte Hand von Werner Schuster beim Deutschen Skiverband. Der Bundestrainer machte aus der Bedeutung seines verlorengegangenen Landsmanns keinen Hehl: „Er ist ein Techniker, kennt sich mit dem Material aus, kann ein Team führen. Stefan ist einfach ein sehr guter Allrounder.“

          Die Jungs von Horngacher

          In Polen fand Horngacher schon einmal sein Auskommen, als er mithalf, von 2004 bis 2006 die Nachwuchsförderung zu professionalisieren. „Kamil und die anderen“, sagte Malysz, „sind seine Jungs. Er weiß, was sie schon können und was er ihnen noch beibringen muss.“ Die bisherigen Resultate der Verbindung ließen aufhorchen: In Klingenthal sicherte sich das Quartett den ersten polnischen Weltcupsieg mit der Mannschaft überhaupt.

          Staubig: 2014 war Adam Malysz noch bei der Rallye Dakar unterwegs

          Horngacher hüllt sich in Schweigen, wie er das System neu justierte. Bekannt ist, dass der 47-Jährige den wie Malysz motorsportbegeisterten Kot überzeugte, fortan seine Begeisterung für den Rallyesport als Zuschauer auszuleben und sich lieber auf seine Einsätze am Bakken zu fokussieren. Zudem trifft die Mannschaft aktuell ohne langen Vorlauf an den Weltcup-Orten ein: „Wir brauchen die Zeit für die Konzentration. Was wir machen, bleibt unser Geheimnis, deswegen machen wir es auch nicht an der Schanze“, wurde Horngacher im Gespräch mit skijumping.pl zitiert.

          Für Malysz ist die positive Zwischenbilanz „erst der Anfang“. Er freut sich, betonte er in Engelberg, demnächst beim Start der Tournee in Oberstdorf weiteren „Freunden und Weggefährten“ zu begegnen. Martin Schmitt und Sven Hannawald gehören dazu. Die beiden, deren Expertise auch der DSV gerne intensiver nutzen würde, nähern sich ebenfalls dem Skisprung-Zirkus wieder an. Aber in anderer Funktion als der Pole. Das Duo berichtet gemeinsam für Eurosport von den Schanzen. Wie in alten Zeiten dürfte für sie in diesem Winter Malysz auch in neuer Mission eine nicht ganz unerhebliche Rolle spielen.

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