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Abfahrt in Wengen : Das Duell der Außerirdischen

  • -Aktualisiert am

Der Außerirdische am Lauberhorn: Bode Miller Bild: AP

Der Himmel ist wolkenlos. Zwischen Mönch und Jungfrau zwängt sich die Sonne durch. Der Pulverschnee ist aus der Piste geräumt: Wengen zeigt sein Postkartengesicht. Und dann das Duell auf der Lauberhorn-Abfahrt: Instinkt-Skifahrer schlägt Perfektionist.

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          Der Rahmen ist perfekt. 500 Helfer haben in harter Nachtarbeit einen halben Meter Pulverschnee aus der Piste geräumt. Der Himmel ist wolkenlos. Zwischen Mönch und Jungfrau zwängt sich die Sonne durch. Nach dem Föhnsturm am Freitag und dem Schneefall am Samstag zeigt Wengen sein Postkartengesicht. Vorhang auf also für das große Duell. In der roten Ecke Bode Miller, der Vorjahressieger, der in der dritten Trainingsfahrt allen um mehr als eine Sekunde davongefahren ist. In der blauen Ecke Didier Cuche, der die Kombinationsabfahrt am Freitag ähnlich überlegen beherrscht hat.

          Der Amerikaner gilt als Instinkt-Skifahrer, der das Risiko bis zum letzten Millimeter ausreizt, der Schweizer als Perfektionist und Analytiker, der sich nach seiner schweren Verletzung vor zwei Jahren akribisch an die Grenzen herantastet. Beide tragen Ski der Marke Head an den Füßen, die seit bald zwei Jahren als die schnellsten der Welt gelten. Jene von Miller sind etwas steifer, besser geeignet für seine spektakulären Balanceakte.

          Für Außerirdische gelten andere Gesetze

          Miller trägt die Startnummer 20, Cuche die 22. Als die beiden noch am Start stehen, liegt der 23 Jahre alte Kanadier Daniel Osbourne-Paradis trotz eines gewaltigen Fehlers im Kernen-S, der ihn mehr als eine Sekunde gekostet hat, in Führung - vier Hundertstel vor Michael Walchhofer, dem Sieger von 2005. Die Piste ist nicht mehr so hart wie im Training, griffiger und auch langsamer. Im langen Gleiterstück bis zum Hundschopf gibt es weichere Abschnitte, außerdem brennt die Sonne auf den Schnee. Keine gute Ausgangslage für Fahrer mit höheren Nummern. Doch was heißt das schon, wenn Miller und Cuche in die Tiefe stechen. Für Außerirdische gelten andere Gesetze.

          Kaiserwetter: Michael Walchhofer am Start

          Miller eröffnet das Duell. Die erste Rechtskurve, die neben dem Gleitvermögen und dem Material über Erfolg oder Misserfolg im langen Gleiterstück entscheidet, erwischt er besser als in all den Fahrten zuvor. Cuche, der in den Trainingsläufen in diesem Teilstück stets der schnellste war, verliert bis zum Hundschopf 32 Hundertstelsekunden. Erklären kann er sich das höchstens dadurch, dass die Piste nicht mehr so hart war wie im Training. Möglich, dass er auch diesmal bereits am Start eine Zehntelsekunde verlor. Er ist elf Zentimeter kleiner und hat kürzere Hebel.

          „Hundschopf, Canadian Corner, Kernen-S, Langentreien“

          Die Einfahrt zum Hundschopf verpatzt Miller. „Ein fürchterlicher Fehler“, sagt er später, „doch der Fehler hat mich angetrieben. Ich habe auch am Canadian Corner einen Fehler gemacht und auch weiter unten noch, doch nach jedem Fehler bin ich noch aggressiver geworden, habe ich noch mehr Gas gegeben, bin ich noch direkter gefahren. Ich fuhr genau so, wie ich es liebe. Und als ich am Ziel war, musste ich nicht zuerst auf die Uhr schauen, um glücklich zu sein.“ Im Gegensatz zum Vorjahr, als er im Ziel-S das Risiko auf die Spitze trieb und nach der Landung kurz vor dem Ziel stürzte, überquerte er diesmal die Ziellinie auf den Ski.

          Didier Cuche hat Millers Fabelzeit im Kopf, als er über die Piste rast. Er nimmt sie zum Anlass, um überall noch etwas näher an die Grenzen zu gehen als im Training. Er weiß, er kann es. Sein Selbstvertrauen ist so stark wie noch nie. Er fährt Hundschopf und Kernen-S besser als Miller, und doch am Ziel ist er geschlagen. Die Entscheidung, so sind sich beide einig, fiel in den Super-G-Kurven der Langentreien, jenem Abschnitt, der im Fernsehen nicht zu sehen ist. „Ich fuhr dort extrem direkt auf die Tore zu und gewann so die entscheidenden Meter“, sagte Miller. „Ich habe zweimal den Druck auf den Außenski verloren, und das war entscheidend“, sagte Cuche. Ein solcher Fehler habe ihm schon in der Kombinationsabfahrt zwei Zehntelsekunden gekostet.

          Cuche wurde zum 17. Mal Zweiter

          Für Miller ist der zweite Sieg in Wengen (und der zweite in dieser Saison nach der Abfahrt von Bormio) der 27. seiner Karriere. Damit schließt er als amerikanischer Rekordhalter zu Phil Mahre auf. Cuche wurde zum 17. Mal im Weltcup Zweiter. Er ist das Sinnbild der Stabilität und der Konstanz. Obwohl er in diesem Winter noch keine Abfahrt gewinnen konnte, übernahm er nach dem Rennen in Wengen die Führung im Abfahrts-Weltcup. Bode Miller liegt um einen Punkt zurück, der entthronte Spitzenreiter Michael Walchhofer (Österreich) drei. Der nächste Höhepunkt am kommenden Samstag auf der Kitzbüheler Streif verspricht schon jetzt Spannung.

          Im Gesamtweltcup rückte Bode Miller nach dem erfolgreichen Wengener Wochenende (Sieger, Dritter und Vierter) bis auf 79 Punkte zum führenden Benjamin Raich auf. Cuche liegt als Dritter 85 Punkte zurück. „Es ist zu früh, um vom Gesamtweltcup zu reden“, sagte Miller. „Aber es war in dieser Saison immer mein Ziel, bis zum Schluss gut zu fahren. Deshalb habe ich ja auch mein eigenes Team gebildet.“

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