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Abfahrt in Bormio : Das Warten auf Miller lohnt sich – für Innerhofer

  • -Aktualisiert am

Mit einem weiten Satz auf den ersten Platz: Christof Innerhofer siegte in Bormio Bild: dpa

Der Italiener Christof Innerhofer, als Erster auf die Abfahrt von Bormio gestartet, durfte sich auch am Ende über Platz eins freuen – aber erst nach „langen“ anderthalb Stunden, bis der verspätete Amerikaner Bode Miller endlich im Ziel war.

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          Christof Innerhofer stand auf dem Podest des italienischen Fernsehens und wartete und wartete und wartete. Anderthalb Stunden waren vergangen, seit er mit der Startnummer 1 auf der Abfahrt von Bormio eine Zeit erzielt hatte, die von niemandem unterboten werden konnte. Klaus Kröll, der ihm als Einziger einigermaßen nahegekommen war (0,22 zurück), dann im Respektabstand von 0,95 Sekunden dessen österreichischer Landsmann Michael Walchhofer waren am Ziel. Nur einer stand noch oben: Bode Miller, der Vorjahressieger, der hier vor vier Jahren Weltmeister geworden war. Innerhofer blickte gebannt auf den Bildschirm und kaute an den Fingernägeln.

          Der Amerikaner hatte 999 Franken investiert, um statt mit Startnummer 15 mit der 46 auf die Piste gehen zu können. Das Reglement, das die 15 Besten der Weltrangliste dazu verpflichtet, bei der öffentlichen Startnummernauslosung dabei zu sein, hatte ihm diese Möglichkeit eröffnet. Es sieht neben der Buße auch eine Strafversetzung in die Gruppe jener Nobodies vor, die nur selten auf den Bildschirmen zu sehen sind. Als Miller ins Starthäuschen ging, stand vor ihm der Deutsche Andreas Strodl, hinter ihm der Franzose Alexandre Bouillot.

          „Wenn die Kanten aufliegen, genügt ein kleiner Fehler“

          Miller hatte beim Training festgestellt, dass nach 13 Uhr ein bisschen Sonne auf den Zielhang fällt, und das wollte er ausnutzen. Denn auch ihm war klar, dass genau dort, auf der letzten halben Minute des Rennens, die Entscheidung fallen würde. Dort hatten Wärme und Kälte die Piste in eine Eisbahn verwandelt. Weil bis zum letzten möglichen Augenblick Touristen dort herumgekurvt waren, war diese Eis- auch eine Rumpelbahn, durchsetzt mit Rippen und Schlägen. Viele Fahrer hatten sich nach dem ersten Training über dieses „Spiel mit der Gesundheit der Fahrer“ beklagt. Michael Walchhofer überlegte sich gar, eine Auszeit zu nehmen: „Das ist nichts für einen Familienvater.“

          Bernhard Russi, der ehemalige Olympiasieger und Weltmeister, der sich seither einen Namen als Pistenbauer gemacht hat, beglückwünschte die Veranstalter für die Idee, die Piste mit Hilfe der Touristen unruhig zu machen. „Wenn die Ski ständig in der Luft sind, können die Kanten nicht greifen, und so kann es auch nicht zu Verschneidern kommen. Wäre die vereiste Piste hier glatt gewesen, wäre es tatsächlich lebensgefährlich geworden. Wenn die Kanten aufliegen, genügt ein kleiner Fehler, und der Fahrer hebt ab.“

          Innerhofer: „Es waren lange anderthalb Stunden“

          In diesem Zielhang hatte Christof Innerhofer eine Leistung gezeigt, die alle anderen staunen ließ. 59 Hundertstelsekunden hatte er bis dahin dem Nächstschnellsten, dem Kanadier Daniel Osbourne-Paradis, abgenommen. Walchhofer und der Kanadier Erik Guay büßten dort 75 Hundertstel ein, der Schweizer Didier Cuche und Kröll fast eine Sekunde. Das sind gigantische Abstände in einer Sportart, in der Rennen manchmal auch durch Hundertstel entschieden werden. Was war das Geheimnis? „Das sage ich nicht“, sagte Innerhofer, „denn nächstes Jahr findet hier wieder ein Rennen statt.“

          Auch Miller schaffte es nicht. Bei der dritten Zwischenzeit nach 55 Sekunden lag er zwar noch voraus, doch im unteren Teil war ihm Innerhofer überlegen. Der Amerikaner verpasste schließlich sogar den Platz auf dem Podest. Als Viertem fehlten ihm zwei Zehntelsekunden. „Es waren lange anderthalb Stunden“, sagte Innerhofer später , „aber es waren auch sehr schöne Augenblicke mit all den Leuten, die mir zu meiner Fahrt gratuliert haben.“

          „Mit 120 Prozent jetzt erstmals hier aufs Podest“

          Obwohl sich der erst 24-jährige Innerhofer in seiner Karriere erst dreimal unter den ersten zehn hatte klassieren können (bestes Ergebnis: sechster Platz in der Abfahrt von Lake Louise vor einem Monat), war sein Sieg keine Sensation. Nachdem er im ersten Training von Bormio Bestzeit erzielt hatte, zählte der Spezialist für vereiste Pisten bei den Gegnern zum Kreis der Favoriten. „Heute war mein Tag“, sagte er, „nach den Trainings war ich überzeugt, dass es hier passieren würde. In Bormio habe ich meine erste Weltcup-Abfahrt bestritten, hier erzielte ich vor einem Jahr mein erstes Top-Ten-Ergebnis. Ich wusste, dass ich mit 120 Prozent Einsatz jetzt auch erstmals aufs Podest würde fahren können.“

          Dann sprach er auch davon, dass er „hart gearbeitet“ habe für diesen Sieg. „Ich war im Sommer während fünf Wochen in Südamerika, zuerst drei Wochen mit den Riesenslalomfahrern, dann zwei mit den Abfahrern. Zuletzt hatten wir zu viel Neuschnee, so dass das Abfahrtstraining zu kurz kam.“ Das habe ihn zuerst beunruhigt, doch dann habe er ein Interview mit Benni Raich gelesen, „der in Superriesenslalom und Abfahrt dann am stärksten war, als er fast nie Abfahrt trainierte“.

          „Hoffe, dass es schon in Wengen oder in Kitzbühel klappt“

          Innerhofer ist der erste Italiener, der sich auf der Pista Stelvio, auf der schon zweimal Weltmeister gekürt worden sind, durchsetzen konnte. Er verhinderte einen weiteren Doppelerfolg der Österreicher, die hier seit 1993 elf von achtzehn Abfahrten gewannen. Neben Walchhofer stand auch Kröll auf dem Podest.

          Die „steirische Eiche“ hat sich in diesem Winter, in dem in Hansi Grugger, Mario Scheiber und Andreas Buder gleich drei potentielle Siegfahrer verletzungsbedingt fehlen, als Zweiter im Austria-Abfahrtsteam etabliert. „Sein erster Sieg ist überfällig“, hatte Walchhofer schon vor einer Woche verkündet. „Ich bin so konstant geworden, dass ich jetzt hoffe, dass es schon in Wengen oder in Kitzbühel klappt“, sagt Kröll.

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