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Abfahrt bei der Ski-WM : Nichts bändigt Party-Miller

  • -Aktualisiert am

Bloß nicht aus der Ruhe bringen lassen: Bode Miller mag es spektakulär Bild: AFP

Die Kandahar-Piste ist ein Fall für den Ski-Extremisten. Ab 11 Uhr wird dort heute in der Abfahrt, in der es nicht nur um Siege, sondern manchmal auch ums Leben geht, der WM-Titel vergeben. Ein Favorit ist Bode Miller.

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          Man wirft den Wintersportlern ja gern vor: zu viele Langeweiler. Sportsoldaten und Zollbeamte, wohin man schaut, kaum schräge Typen und Unterhaltungskünstler. Für die alpinen Abfahrer, die an diesem Samstag (11.00 Uhr) in Garmisch-Partenkirchen um den WM-Titel fahren, gilt das nicht. In einer Disziplin, in der es für die Athleten nicht nur um Siege geht, sondern manchmal auch ums Leben, sind viele Charakterköpfe unterwegs, manche erdig und naturverbunden wie der Schweizer Didier Cuche, ein gelernter Metzger, der mit 36 Jahren noch einmal nach Abfahrtsgold greift.

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Oder sie sind schrill und abgefahren wie der Amerikaner Bode Miller. Der Ski-Extremist aus New Hampshire ist auch schon 33 Jahre alt, aber nur bei Pressekonferenzen wirkt er bisweilen ein bisschen müde. Am Mittwoch hat er beim Super-G gezeigt, dass die extrem schwierige, weil eisige und ruppige Kandahar-Piste ein Fall für ihn ist. In der Endabrechnung war er zwar nur Zwölfter, aber er hatte eine Fahrt hingelegt, an die man sich lange erinnern wird. Es war ein Ritt getreu seinem Motto: „Kontrollierte Läufer bändigen den Berg, schnelle Läufer geben ihm die Sporen.“ Es war ein Spektakel Marke Miller.

          Er begann wie auf Schienen, mit brachialer Kraft und feinster Technik zog er die Ski durch die Kurven, es war, als würde er nicht auf blankem Eis dahinrasen, sondern auf griffigem Schnee. Dann riss ihm ein Richtungstor, das er einen Tick zu eng anfuhr, den rechten Stock aus der Hand, er raste weiter, baute seine Führung aus, und erst weit unten verdrehte es ihm den Körper und er fuhr den Zielhang aufrecht hinunter wie ein Freizeitfahrer. Platz zwölf für ihn, sein Rückstand auf Bronze betrug nach dieser chaotischen Fahrt nur zwei Sekunden. Für Ritte wie diese lieben die Fans Bode Miller, unvergessen auch seine Vorstellung bei der WM 2005, als er auf der Abfahrtsstrecke in Bormio nach 16 Sekunden den linken Ski verlor – und fast zwei Minuten lang, teils mit Tempo 90, weiterfuhr, ehe er stürzte. Das Video zu diesem unglaublichen Balanceakt ist bei Youtube im Internet mehr als eine Million Mal aufgerufen worden.

          Zwanzig Stunden Hinflug, zwanzig Stunden Rückflug

          Von Bode Miller ist immer Besonderes zu erwarten. Auch in der Vorbereitung. Jahrelang ist er mit eigenem Team in Wohnmobilen durch den Skizirkus gezogen, bei den Olympischen Spielen in Turin tauschte er seine Goldchancen gegen ausgiebige Kneipenbesuche. Der amerikanische Verband lag mit dem Freizeit-Rebellen in ewigem Clinch – bis Miller 2009 beschloss, ins Team zurückzukehren. Heute sitzt er wie in Garmisch bei Pressekonferenzen auf dem Podium und wird als Leader eines jungen amerikanischen Teams vorgestellt. Fahrer wie Travis Ganong oder Tommy Ford hängen an seinen Lippen, wenn der große Meister das Wort ergreift. Und Miller wirkt dann fast ein wenig altersmilde und gönnerhaft, auch wenn er sich nicht als Chef aufspielen will. „Ich bin noch kein Veteran“, sagt er.

          Der Eindruck allerdings, Miller sei im Lauf der vergangenen Jahre zahm geworden, täuscht. Er ist ein wenig umgänglicher geworden, das schon, aber er ist noch ein Freigeist wie eh und je. Der amerikanische Verband hat gelernt, dass Miller nicht an der Leine zu führen ist, und lässt ihn laufen, wenn es sein muss. Mitte Januar, beim Weltcup in Schladming, nahm der Amerikaner nur an einer Pokerrunde teil, danach sagte er seine Teilnahme am Slalom ab, packte seine Sachen und flog nach San Diego, um dort mit seiner Tochter Neesyn deren dritten Geburtstag zu feiern und mit ihr am Strand zu spielen.

          Zwanzig Stunden Hinflug, zwanzig Stunden Rückflug, so kurz vor der WM? Na ja, sagt Bode Miller mit kratzender Stimme, den Jetlag spüre man natürlich schon. Wobei es weniger der Jetlag sei, der seiner Stimme zugesetzt habe, sondern ein dem San-Diego-Trip folgender Ausflug nach Innsbruck, wo er in der Nacht vor der Eröffnung der Garmischer WM an einer Superbowl-Party teilnahm. Zuvor war er noch schnell im Super-G von Hinterstoder auf Platz drei gefahren. Das amerikanische Endspiel im American Football hatte ihm dann ordentlich zugesetzt, nicht nur, „weil die Österreicher einen Touchdown nicht von einem Field Goal unterscheiden können“, wie er sagt, sondern weil er „so viel geschrien und getrunken“ habe. Der alte Party-Miller eben.

          „Es gibt eine Reihe von Fahrern, die hier gewinnen können“

          In Garmisch will Miller, der in Vancouver drei Medaillen gewann, darunter Gold in der Kombination, „wieder hochschalten wie bei Olympia“. Passend zur schwierigen Piste versuche er, „die notwendige Aggressivität aufzubauen“. Auch wenn die Kandahar vor dem Freitag-Training an einer besonders ruppigen Hochgeschwindigkeitspassage noch etwas geglättet wurde, könnte diese Strecke Miller in die Karten spielen. Keiner liebt die Extreme mehr als er, je härter, je eisiger, je unfahrbarer, desto besser für ihn.

          Ob er der Favorit ist? „Es gibt eine Reihe von Fahrern, die hier gewinnen können“, sagt Miller. Der Schweizer Skiheld Didier Cuche zum Beispiel, der Italiener Christof Innerhofer, am Mittwoch schon Sieger des Super-G, oder der Norweger Aksel Lund Svindal. Sie alle wissen: Wenn Bode Miller mit zwei Ski und zwei Stöcken ins Ziel kommt, ist er auf dieser Piste nur schwer zu schlagen. Aber es ist ein Ritt auf dünnem Eis, denn Miller wird auch diesen Berg nicht nur bändigen wollen, er wird ihm die Sporen geben.

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