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„Ich habe überall Gänsehaut“ : Maria nach Tennis-Krimi im Wimbledon-Halbfinale

  • -Aktualisiert am

Im Wimbledon-Halbfinale: Tatjana Maria Bild: Reuters

Am Ende fließen Tränen: Im deutschen Viertelfinale besiegt die 34 Jahre alte Tatjana Maria die 22 Jahre alte Jule Niemeier und zieht damit erstmals in ihrer Karriere in die Runde der letzten vier des Tennis-Klassikers ein.

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          Sie gönnten sich zwei Stunden und 17 Minuten auf der zweitgrößten grünen Bühne des All Englands Clubs, und es ist ganz sicher nicht übertrieben zu behaupten, das deutsche Damentennis habe in dieser Zeit in jedem Fall gewonnen. Cheerio und Fanfare.

          In einer höchst spannenden Partie mit diversen Wendungen, Überraschungen und einem ganzen Katalog von Variationen sorgten Tatjana Maria und Jule Niemeier für allerbeste Unterhaltung. Dem Publikum schien es irgendwann egal zu sein, welche der beiden gewinnen würde, solange das Spiel nur einfach noch ein schönes Weilchen weiterging. Am Ende feierten die Leute beide, die fassungslose Siegerin und die mindestens ebenso überzeugende jüngere Konkurrentin.

          Tatjana Maria gewann 4:6, 6:2, 7:5, landete damit im Halbfinale und wusste kaum noch wohin mit ihrem Glück. „Ich habe überall Gänsehaut. Es war so ein schweres Match gegen Jule“, sagte Maria unter dem Jubel der Zuschauer. „Heute haben wir Deutschland wirklich stolz gemacht.“

          Zwölf Jahre zwischen Maria und Niemeier

          Aber vorn vorn: Es wehte ein frischer Wind, am Himmel trieben sich Wolken herum, und pünktlich um 13 Uhr Ortszeit betraten Tatjana Maria und Jule Niemeier „Court number one“. Zu einem Spiel, mit dem niemand hatte rechnen können vor dem Beginn der Championships und das in der Geschichte des deutschen Damentennis nur zwei vergleichbare Vorgänger im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers hatte. 1989 bei den Australian Open in Melbourne spielten Stefanie Graf und Claudia Kohde-Kilsch gegeneinander, vor zehn Jahren in Wimbledon waren es Angelique Kerber und Sabine Lisicki – in beiden Fällen Konstellationen mit deutlich geringerem Altersunterschied.

          Diesmal lagen zwölf Jahre zwischen den deutschen Gegnerinnen, und dieser Unterschied führte auf direktem Weg zur Frage, welche der beiden nervöser sein würde – die 22 Jahre alte Dortmunderin beim zweiten Grand-Slam-Turnier ihres Lebens, oder Tatjana Maria, die in Wimbledon schon vor 15 Jahren spielte. Die eine mit einer klitzekleinen Erfahrung von nur acht Rasenspielen, die andere mit einem mehr als vierfachen Wert.

          Streckte sich vergeblich: Jule Niemeier im Viertelfinale
          Streckte sich vergeblich: Jule Niemeier im Viertelfinale : Bild: AFP

          Jule Niemeier, die bei ihren Siegen in den Runden zuvor den Eindruck hinterlassen hatte, als kenne sie das Wort Nervosität überhaupt nicht, eröffnete die Partie zwar mit einem Fehler, hatte sich danach aber im Gegensatz zur Gegnerin schnell wieder im Griff. Tatjana Maria brauchte fünf Minuten, um in der Partie anzukommen, und in diesen fünf Minuten fing sie sich ein Break und einen Rückstand ein, den sie danach während des gesamten ersten Satzes mitschleppte.

          Abgesehen von diesen ersten Minuten spielten die beiden, wenn auch mit anderen Mitteln, schon in diesem ersten Satz auf einer Ebene. Aber unabhängig davon, welche der beiden gerade kleine Vorteile besaß – es war ein Spiel, das den Zuschauern einen höchst interessanten Kontrast zum so oft gesehenen Hochgeschwindigkeitstennis der Moderne bot. Hier standen zwei Spielerinnen, die mit Geschick, Kopf und Hand vieles einsetzten, was an Variationen im Buche steht. Und es wurde bald deutlich, dass Tatjana Marias große Defensive, die schlaue Überlistungstaktik und überraschende Angriffe die Sicherheit der deutlich jüngeren Konkurrentin erschütterte.

          Wimbledon-Zuschauer können kaum genug bekommen

          Zwar ging Jule Niemeier auch im zweiten Satz mit einem Break in Führung, aber Maria glich umgehend aus, und danach gewann sie immer mehr an Zuversicht. Sie konnte spüren, wie sich die Dinge zu ihren Gunsten drehten, unterstützt vom Publikum, das die Geschichte der zweifachen Mutter natürlich auch höchst interessiert bis bewundernd zur aufgenommen hatte. Tatjana Maria ging 4:1 in Führung, wirkte immer sicherer und zuversichtlicher und schnappte sich den zweiten Satz mit der deutlich geringeren Fehlerquote.

          Beim Sieg in der Runde zuvor gegen die Britin Heather Watson war es fast unmöglich gewesen, eine Reaktion in Jule Niemeiers Gesicht abzulesen – diesmal war es deutlich leichter. Mit Zeichen des Unmutes reagierte sie auf ihre Fehler, mit grimmiger Entschlossenheit versuchte sie sich aus kniffligen Situationen zu befreien, und was immer sie machte – sie wich nicht zurück. Eine junge Spielerin beim zweiten Auftritt auf der Bühne der Grand-Slam-Turniere – manchmal fiel es einem schwer, das wirklich zu glauben.

          Sie ging wie in den ersten beiden Sätzen auch im dritten wieder in Führung, wirkte nun sicherer, und es sah so aus, als neige sich die Waage zugunsten der jungen Herausforderin. Aber Tatjana Maria ließ sich nicht abschütteln. Sie holte einen 2:4-Rückstand auf, glich zum 4:4 aus, und am Ende hatte sie das glücklichere Händchen. Als Jule Niemeiers letzter Ball im Netz landete, war eine der schönsten Geschichten des Tennisjahres perfekt. Am Ende lagen sich die beiden lange in den Armen, und auch von diesen Momenten konnten die Leute kaum genug bekommen.

          „Ich hätte sie am liebsten gar nicht mehr losgelassen“, sagte Maria dazu. Und dann, zu guter Letzt, sprach sie noch über die Geburt ihrer Tochter Cecilia Anfang April 2021. „Vor gut einem Jahr habe ich entbunden. Es ist verrückt.“

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