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Deutscher Damen-Dienstag : Görges folgt Kerber ins Wimbledon-Halbfinale

  • -Aktualisiert am

Geschafft: Julia Görges steht erstmals bei einem Grand-Slam-Turnier unter den besten Vier. Bild: EPA

Nach Angelique Kerber schafft auch Julia Görges den Sprung unter die besten Vier von Wimbledon. In einem halben Jahrhundert Profitennis gab es eine solche deutsche Erfolgsgeschichte noch nicht.

          Wenn das kein gutes Omen ist: Das letzte Mal, dass zwei deutsche Damen im Halbfinale von Wimbledon standen, zogen beide ins Endspiel ein. Wie lange das schon zurückliegt, belegt die historische Dimension des Ereignisses, das sich an diesem Dienstag auf dem Centre Court und dem Court Number one im Londoner Südwesten abspielte.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          87 Jahre nach dem deutschen Finale 1931, das Cilly Aussem gegen Hilde Krahwinkel für sich entschied, zogen Angelique Kerber und Julia Görges in die Vorschlussrunde ein. Von einem nationalen Endspiel wollten die beiden erst mal nichts wissen. Kerber und Görges sind keine unerfahrene Tennis-Küken mehr, die sich in Momenten des Triumphes dem Überschwang hingeben. Erst einmal kommt der nächste Schritt. Die 30 Jahre alte Kerber bekommt es im Semifinale mit der Lettin Jelena Ostapenko zu tun, die die Slowakin Dominika Cilbulkova in zwei Sätzen bezwang. Die 29 Jahre alte Görges hat die Ehre, sich mit Serena Williams auseinanderzusetzen, die nach ihrer Baby-Pause zwar nicht in bester Verfassung auftritt, aber stark genug war, alle Runden recht sicher zu überstehen und im Viertelfinale die Italienerin Camila Giorgi in drei Sätzen zu besiegen.

          Kerber begeistert

          In diesem Turnier ist es in der Tat nicht angeraten, mit Siegchancen zu jonglieren oder auch nur Erwartungen zu formulieren. Keine der zehn am höchsten gesetzten Spielerinnen erreichte das Viertelfinale und nun treffen in der Runde der letzten vier die Nummer elf, zwölf und 13 der Setzliste auf die Nummer 25, die aber nicht hoch genug bewertet werden kann – die siebenmalige Wimbledonsiegerin Serena Williams.

          Angelique Kerber begeisterte die Zuschauer auf dem Centre Court bei ihrem 6:3, 7:5 über die Russin Daria Kasatkina erst durch ihre präzisen Angriffsbälle und dann durch ihren ungeheuren Kampfgeist. „Ich muss und ich kann mich steigern.“ Angelique Kerbers Kommentar nach ihren drei Siegen in der ersten Woche von Wimbledon lautete stets gleich. Und sie hatte recht. Nach einem mäßigen Start in das Turnier nähert sie sich Schritt für Schritt jener Form an, die sie im Jahr 2016 ins Wimbledon-Finale, zu zwei Triumphen bei Grand-Slam-Turnieren und auf Platz eins der Weltrangliste geführt hat.

          Am Dienstag war sie einen Satz lang im besten Sinne ganz die Alte, als sie in ihrem Viertelfinalmatch der aufstrebenden Russin Daria Kasatkina die Grenzen aufzeigte. Die hochbegabte Einundzwanzigjährige hat im vergangenen Dreivierteljahr die Mitglieder der Führungsriege des Damentennis auseinandergenommen, die nicht gerade in Mutterschaftsurlaub war: Simona Halep, Caroline Woznicki, Garbine Muguruza, Sloane Stephens und Jelena Ostapenka, die Siegerinnen der letzten fünf Grand Slams. Aber gegen die Norddeutsche sah sie bis zum 1:4-Rückstand kaum einen Ball und musste dann, nach härterem Widerstand, den ersten Satz 3:6 abgeben. Im zweiten Durchgang erlebten die 15 000 Zuschauer dann einen mitreißenden Kampf zwischen jugendlichem Ungestüm und der Geduld und Beharrlichkeit des Alters. Sieben Matchbälle benötigte Angelique Kerber, aber dann war sie doch am Ziel: Nach knapp anderthalb Stunden erreichte sie zum dritten Mal in ihrer Karriere das Halbfinale von Wimbledon.

          Geschafft: Angelique Kerber nutzt den siebten Matchball zum Einzug ins Halbfinale Bilderstrecke

          Das letzte Spiel währte zehn Minuten, vollgepackt mit spektakulären Ballwechseln und ungeheurer Dramatik. Sechs Matchbälle wehrte die Russin ab, dabei glückten ihr einige riskante Stopps. „Sie hat zum Schluss kaum Fehler gemacht und mich ganz schön über den Platz geschickt, ich weiß nicht, wie viele Kilometer ich gelaufen bin“, kommentierte Kerber müde, aber glücklich. Und dann kam sie selbst zum richtigen Schluss. „Beim siebten Mal dachte ich mir, jetzt machst du selbst den Punkt.“ Und es funktionierte, ihrem harten Vorhandball der Linie entlang konnte Kasatkina nur noch hinterherschauen.

          Görges findet richtige Einstellung

          Julia Görges hatte kaum weniger Widerstand zu brechen, bevor sie sich über das 3:6, 7:5, 6:1 gegen die Niederländerin Kiki Bertens freuen konnte. Die Norddeutsche war gegen die athletische Aufschlagspezialistin von Mitte des zweiten Satzes an die bessere Spielerin. Aber es dauerte, bis sich ihre spielerische Qualität durchsetzen konnte. Als Görges im dritten Satz das Break zum 2:1 gelungen war, knickte die 20. der Weltrangliste aus Wateringen ein. Und so zog Görges in ihrem 42. Grand-Slam-Turnier zum ersten Mal in die Runde der letzten vier ein, nachdem zuvor spätestens im Achtelfinale für sie Endstation gewesen war. In Wimbledon schied sie in den vergangenen fünf Jahren jeweils in der ersten Runde aus.

          „Mir wurde schon früher erzählt, ich müsste mit meinen Stärken eine gute Rasenspielerin sein. Ich fange an, es langsam selbst zu glauben.“ Görges hat spät, aber nicht zu spät die richtige Einstellung gefunden – nicht nur zum Rasentennis, sondern zum Tennis überhaupt. Nach elf Jahren im Profizirkus schob sie sich im Frühjahr das erste Mal in die Top Ten. Und es kann jetzt noch weiter nach oben gehen.

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