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Djokovic siegt in Wimbledon : „Gratuliere, Mann. Das war verrückt“

  • -Aktualisiert am

Aus den Händen von Prinzessin Kate nimmt Novak Djokovic den Pokal für seinen Wimbledon-Triumph in Empfang. Bild: EPA

Im längsten Finale der Wimbledon-Geschichte triumphiert Novak Djokovic nach einem wahren Fünf-Satz-Drama über Roger Federer. Dabei hat die Partie um die wichtigste Tennis-Trophäe der Welt keinen Verlierer verdient.

          Vier Stunden und 57 Minuten lang tanzten die Duellanten auf des Messers Schneide, mal stürzte der eine fast ab, dann der andere, und am Ende, als es die Spannung fast nicht mehr zu ertragen wer, flog ein Ball im hohen Bogen ins Aus und beendete das denkwürdige, ganz und gar verrückte Spiel. Zwei Matchbälle wehrte Novak Djokovic beim Sieg zum 7:6, 1:6, 7:6, 4:6, 13:12 am Sonntagabend in Wimbledon gegen Roger Federer ab und gewann damit zum fünften Mal die begehrteste Tennis-Trophäe der Welt, so oft wie einst Björn Borg. Das längste Spiel der Geschichte des Turniers hatte, wie Federer bei der Zeremonie erklärte, alles, was ein Spiel haben kann. In manchen Momenten noch ein klein wenig mehr.

          Als Federer nach dem Sieg im Halbfinale gegen Rafael Nadal zugegeben hatte, erschöpft zu sein, konnte man sich fragen, was das für das letzte Spiel des Turniers zu bedeuten hatte. Doch 24 Stunden später beantwortete er die Frage, ob er noch genügend Sprit im Tank habe, lächelnd mit den Worten: „Jede Menge.“ Leichtfüßig startete er in das 48. Spiel seiner Karriere gegen Novak Djokovic, das 16. bei einem Grand-Slam-Turnier. Es sah so aus, als sei er gut vorbereitet beim Versuch, zum ersten Mal bei einem Turnier dieser Größenordnung die beiden großen Rivalen nacheinander zu besiegen.

          Einer musste verlieren: Dass es Roger Federer traf, gefiel den wenigsten Zuschauern im Publikum.

          16 Jahre nach seinem ersten Sieg auf diesem Centre Court aller Centre Courts spielte er zum zwölften Mal im Finale, beobachtet von vielen ehemaligen Größen des Spiels. Darunter auch zwei, deren Duelle in Wimbledon er als Bub vor dem Fernseher aufgeregt verfolgt hatte: Boris Becker und Stefan Edberg. Der eine kommentierte für die BBC, der andere saß deutlich bequemer in der Royal Box schräg hinter dem Herzog und der Herzogin von Cambridge, vulgo William und Kate.

          Was die königlichen und alle bürgerlichen Gäste in den nächsten knapp fünf Stunden zu sehen bekamen, steckte voller falscher Fährten und trügerischer Dominanz. Federer war der bessere Mann im ersten, zweiten und im dritten Satz, doch als der dritte beendet war, lag er 1:2 zurück. Im Tiebreak des ersten hatte er einen 5:3-Führung nicht durchgebracht, im Tiebreak des dritten war er zu spät in Schwung gekommen. Zu einem Zeitpunkt, an dem Djokovic ins Geschehen zurückgekehrt war, aus dem er sich im kuriosen zweiten Durchgang irgendwie verabschiedet hatte. Bilanz nach dem Ende des dritten Satzes: Kein einziger Breakball für den Titelverteidiger, aber eine vielversprechende Führung.

          Aber gehört es nicht zu den wunderbarsten Attributen des Tennis, dass es nirgendwo eine betonierte Rettungsinsel gibt, sondern dass bis zum allerletzten Moment der Wind jederzeit aus einer neuen Richtung kommen kann? Nicht Djokovic, der nach dem dritten Satz moralisch im Vorteil hätte sein sollen, sondern Federer spielte mit der zweiten Luft und ging schnell 5:2 in Führung, ehe er dann selbst zum ersten Mal in der Partie ein Aufschlagspiel verlor. Das Volk auf den Rängen, in der Mehrheit für den Schweizer, ohne zu einseitig zu sein, rutschte nervös hin und her, als der fünfte Satz begann. Die Statistik sprach in diesem Moment für den Serben; von vier gemeinsamen Spielen, die über die volle Distanz gegangen waren, hatte er keines verloren. Auch das bis dahin letzte nicht, das Finale des Jahre 2014 an gleicher Stelle.

          War die Sache entschieden, als Djokovic mit einem Aufschlagverlust Federers 4:2 in Führung ging? Natürlich nicht. Nicht bei diesen beiden und nicht in dieser Partie, die nur eine einzige Konstante kannte: Das gloriose Wechselspiel. Djokovic zitterte, leistete sich einen Doppelfehler und verlor mit einer im Aus landenden Vorhand dieses Aufschlagspiel; alles wieder in der Reihe, kurz danach glich Federer zum 4:4 aus. Mehrmals fehlten dem Titelverteidiger aus Serbien nur noch zwei Punkte zum Sieg, doch wieder reagierte er nervös, als es so aussah, als sei er im Vorteil. Nach einer 40:0-Führung beim Stand von 7:7 gab er sein Aufschlagspiel ab, Federer schlug danach zum Matchgewinn auf und hatte zwei Matchbälle – aber das war natürlich noch nicht das Ende der Geschichte. Beim zweiten versuchte er, die Entscheidung zu erzwingen und griff ohne Deckung an – Djokovic bedankte sich und nutzte zwei weitere Fehler des Schweizers zum nächsten Break.

          In den Logen beider Spieler lagen die Emotionen blank – manchmal sogar bei Federers Vater Robert, der unter der blauen Kappe mit dem Logo seines Sohnes deutlich gefasster wirkte als die meisten der mehr als 15.000 atemlosen Zuschauer in der Arena. Nicht zu fassen, das alles.

          Und wer hätte sich allen Ernstes vorstellen können, dass der in diesem Jahr eingeführte Tiebreak beim Stand von 12:12 ausgerechnet das Finale der 133. Championships entscheiden würde? Doch schließlich, in den letzten Momenten dieses denkwürdigen Spiels, passierte etwas, womit keiner mehr gerechnet hatte: Der Mann, der als erster klar in Führung ging, der also sichtlich im Vorteil war, kam tatsächlich auch als Erster ins Ziel. Von Roger Federers Schlägerkante flog der letzte Ball der Partie im hohen Bogen ins Aus, und Novak Djokovic verfolgte den Flug dieses Balles mit der größtmöglichen Erleichterung. Wieder stopfte er sich hinterher ein paar Grashalme in den Mund. Und als Roger Federer zehn Minuten später sagte: „Gratuliere, Mann. Das war verrückt“, wirkte er ebenso stolz wie gerührt.

          Hsieh und Strycova gewinnen Damen-Doppel

          Die Taiwanesin Hsieh Su-Wei hat zum zweiten Mal nach 2013 im Damendoppel von Wimbledon triumphiert. Die 33-Jährige setzte sich im letzten Endspiel der 133. Turnier-Austragung mit ihrer tschechischen Partnerin Barbora Strycova 6:2, 6:4 gegen die direkt hinter ihnen an Nummer vier gesetzten Gabriela Dabrowski/Xu Yi-Fan (Kanada/China) durch. Die Siegerinnen teilen sich eine Prämie von 600.000 Euro.

          Hsieh hatte vor sechs Jahren in Wimbledon an der Seite der Chinesin Peng Shuai im Finale gegen die Australierinnen Ashleigh Barty und Casey Dellacqua gewonnen. Dazu kommt ein Erfolg bei den French Open 2014, ebenfalls mit Peng Shuai. (sid)

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