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Wimbledon : Die drei Großen und Gasquet

Am Boden, aber keineswegs geschlagen: Richard Gasquet Bild: AFP

Die topgesetzten Djokovic, Federer und Murray ziehen souverän ins Halbfinale von Wimbledon ein - Wawrinka scheitert dagegen in fünf Sätzen. Ein Franzose ist der vierte Mann.

          Es war in den vergangenen Jahren immer von den großen Vier im Tennis die Rede gewesen, von Novak Djokovic, von Roger Federer, von Rafael Nadal und von Andy Murray, die am Ende bei den großen Turnieren stets die Titel unter sich ausmachten. Tatsächlich aber ist es schon eine kleine Ewigkeit her, dass sich die ersten vier Spieler der Setzliste in Wimbledon schließlich auch im Halbfinale trafen. Den großen Vier war in all den Jahren ihrer Überlegenheit nie gelungen, was Andre Agassi, Pete Sampras, Boris Becker und Goran Ivanisevic zuletzt 1995 schafften.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Am Mittwoch schien es wieder so weit zu sein - mit Novak Djokovic (6:4, 6:4, 6:4 gegen den Kroaten Marian Cilic), Roger Federer (6: 3, 7:5, 6:2 gegen den Franzosen Gilles Simon) und Andy Murray (6:4, 7:5, 6:4 gegen den Kanadier Vasek Pospisil) hatten sich die drei topgesetzten Stars allesamt souverän durchgesetzt. Doch das Quartett war am Ende nicht vollständig. Der Schweizer French-Open-Sieger Stan Wawrinka scheiterte in einem mitreißenden Spiel 4:6, 6:4, 6:3, 4:6 und 9:11 am Franzosen Richard Gasquet, als Nummer 21 der Setzliste der klare Außenseiter im Kreis der Verbliebenen.

          Als einer der Hauptgründe, warum die großen Tennisturniere im deutschen Fernsehen kaum noch Chancen auf eine vollständige Übertragung besitzen, wird neben fehlenden deutschen Stars stets die Unberechenbarkeit von Tennisspielen für die Programmplanung genannt. Wenn die Konsequenz daraus wäre, auf fünf Sätze bei einem Grand-Slam-Turnier zu verzichten und stattdessen auf drei zu verkürzen, wäre der Preis aber viel zu hoch - und wer in den Genuss kam, diese Partie zwischen Gasquet und Wawrinka tatsächlich sehen zu können, wird auch einem Tiebreak, wie er bei den US Open im fünften Satz gespielt wird, wenig abgewinnen können. Je länger diese Begegnung gedauert hatte, desto besser war sie schließlich geworden, und als es schließlich beim 6:6 in die Verlängerung des fünften Durchgangs gegangen war, rissen die beiden Protagonisten die Zuschauer auf Platz eins mit ihrem Spiel zu Begeisterungsstürmen hin.

          Der Vorteil des Franzosen: Er gibt keinen Ball verloren

          Die Karrieren von Wawrinka und Gasguet haben lange einen ähnlichen Verlauf genommen. Beide hatten früh ihren Status als Hochbegabte bewiesen - der Franzose hatte 2002 die French Open bei den Junioren gewonnen, der Schweizer ein Jahr später. Beide schafften auch bei den Profis den Durchbruch zur erweiterten Weltspitze, beide sind mit einer einhändigen Rückhand ausgestattet, die Ästheten verzückt. Doch ein großer Titel schien für beide außer Reichweite, was sich für Wawrinka aber in den späten Jahren seiner Karriere änderte, als er im April 2013 die Zusammenarbeit mit Trainer Magnus Norman begann. Ein paar Monate später erreichte er bei den US Open erstmals das Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers, dem im Januar 2014 der Sieg bei den Australian Open folgte. Und vor ein paar Wochen hatte sich der Schweizer bei den French Open seinen zweiten Titel geholt und dabei auch Gasquet geschlagen.

          Gasquet kämpfte verbissen um jeden Ball

          Auch deshalb war er als eindeutiger Favorit in diese Partie gegangen, und spätestens, als ihm Gasquet den zweiten Satz mit zwei Doppelfehlern - dem Franzosen sollten in der gesamten Begegnung nur vier unterlaufen - quasi schenkte, schien alles für den Schweizer zu laufen. Aber Gasquet kämpfte weiter verbissen um jeden Ball, schaffte im vierten Durchgang schließlich den Satzausgleich und stand dann schon kurz vor dem Einzug ins Halbfinale, als er im fünften Satz beim Stand von 5:3 zum Sieg aufschlug. Wawrinka aber gelang das Break und Erinnerungen an das vergangene Jahr kamen auf, als Gasquet in der zweiten Runde bei seiner Fünfsatz-Niederlage gegen den Australier Nick Kyrgios neun Matchbälle vergeben hatte.

          Shakehands: Wawrinka (r.) gratuliert Gasquet

          Es begann ein Nervenspiel - der Franzose ging immer wieder in Führung, Wawrinka glich immer wieder aus, bis ihm beim 9:10-Rückstand drei Fehler nacheinander unterliefen. Zwei Matchbälle konnte er abwehren, doch beim dritten landete ausgerechnet sein Paradeschlag, die einhändige Rückhand, ins Aus.

          Auch für Gasquet ist ein Halbfinale in einem Grand-Slam-Turnier nichts Neues. Vor acht Jahren hatte er in Wimbledon im Semifinale in drei Sätzen gegen Roger Federer verloren, vor zwei Jahren war er bei den US Open an Rafael Nadal ebenfalls in drei Sätzen gescheitert. Diesmal trifft er nun am Freitag auf Titelverteidiger Novak Djokovic, was das Vorhaben erschweren könnte, es diesmal besser zu machen. Der Weltranglistenerste aus Serbien musste in seinem Viertelfinale gegen Marian Cilic schließlich zur Zufriedenheit seines Trainers Boris Becker keinen einzigen Breakball abwehren.

          Murray und Federer souverän

          Im zweiten Halbfinale werden sich mit Andy Murray und Roger Federer jene beiden Akteure gegenüber stehen, die bislang den souveränsten Eindruck hinterließen. Für Federer riss zwar bei seinem Dreisatzsieg gegen Simon eine beeindruckende Serie, als er nach 116 Aufschlagspielen erstmals wieder ein Break hinnehmen musste - zuvor war dies zuletzt dem Augsburger Philipp Kohlschreiber in der ersten Runde des Vorbereitungsturniers in Halle gelungen. Besonders beeindruckt war der Schweizer, der mit nun 37 Halbfinalteilnahmen auf Grand-Slam-Ebene einsam an der Spitze der Statistik steht, allerdings nicht. Ihm gelang gleich im nächsten Spiel das entscheidende Rebreak im zweiten Satz.

          Die großen Drei scheinen alle bereit zu sein für den letzten Schritt ins Finale - der große Unbekannte ist mal wieder der überraschende Vierte im Quartett. „Ich werde“, sagte Gasquet, „jeden Moment genießen.“ Spielt er so wie im Viertelfinale, wird dies auch für die Zuschauer gelten.

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