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Teenie-Star in Wimbledon : Warum Coco Gauff aus der Masse herausragt

  • -Aktualisiert am

Schlagfertig ist Coco Gauff nicht nur auf dem Platz. Bild: picture alliance / empics

Die amerikanische Tennisspielerin Coco Gauff macht Dinge, die Achtzehnjährige so machen – und doch ist sie ein besonderer Teenager. Denn die Klarheit ihrer Gedanken beeindruckt auch in Wimbledon wieder.

          3 Min.

          Das Gefühl, Emotionen mit wildfremden Menschen zu teilen, kann ziemlich überwältigend sein. Vor allem, wenn Musik im Spiel ist. Die einen brauchen 50 Jahre, um diese Faszination zu entdecken, andere sind als Teenager so weit, und Coco Gauff gehört definitiv zur hellwachen, zur zweiten Kategorie.

          Drei Tage vor ihrem ersten Spiel bei den Championships 2022 in Wimbledon stürzte sich die junge Amerikanerin bei einem Konzert von Billie Eilish in der Londoner O2 Arena ins Getümmel, und ihrem Kommentar in den sozialen Medien nach zu urteilen dürfte es ein Ausflug des Glücks gewesen zu sein. „Eine der besten Nächte meines Lebens“, schrieb sie. „Ich kann immer noch nicht glauben, was das für ein Wahnsinn war.“

          Klare Gedanken und Mut

          Eine 18-Jährige schwärmt vom Konzert einer 20-Jährigen, das hört sich nach einer herrlich normalen Geschichte an, und genauso ist es auch. Mal abgesehen von der Tatsache, dass Coco Gauff vermutlich sehr bald zu den besten zehn Tennisspielerinnen der Welt gehören wird, interessiert sie sich für ähnliche Dinge wie viele junge Menschen, und diese Normalität wirkt ausgesprochen gesund. Lebensfreude? Lust auf laute Töne? Her damit!

          Aber es gibt auch andere Seiten der jungen Amerikanerin, mit denen sie herausragt aus der Masse. Man kann immer wieder nur staunen über die Klarheit ihrer Gedanken und den Mut, diese Gedanken in aller Öffentlichkeit zu artikulieren.

          „Müssen über diese Dinge reden“

          In Paris bei den French Open, wo sie vor etwas mehr als drei Wochen zum ersten Mal im Finale eines Grand-Slam-Turniers spielte, schrieb sie danach auf die Kamera: „Frieden. Stoppt die Waffengewalt. Coco“ Sie weiß um ihren steigenden Bekanntheitsgrad in der Welt des Sports, und sie ist entschlossen, diese Plattform zu nutzen. Die Botschaft sei ihr einfach wichtig, erklärte sie hinterher.

          „Wir müssen über diese Dinge reden. Ich hab danach Kommentare gelesen, in denen es hieß: Irgendwas auf eine Kamera zu schreiben wird die Gewalt nicht stoppen. Das sehe ich auch so. Mir geht es darum, Menschen zu beeinflussen und politische Führer auf der ganzen Welt zu erreichen, die die Botschaft vielleicht hören.“

          „Weiß, wie viele Leute ich erreichen kann“

          In diesen Tagen gibt es wieder ein Thema, das nicht nur in den USA haushohe Wellen schlägt, nachdem der Supreme Court das fast fünfzig Jahre alte Grundsatzurteil „Roe v. Wade“ aufhob, womit es kein nationales Recht mehr auf Schwangerschaftsabbruch gibt. Ohne zu zögern sprach Gauff auch darüber, und bei ihrem unmissverständlichem Kommentar glaubte man den Tonfall einer Martina Navratilova oder von Billie Jean King in den Ohren zu haben, deren Stimmen nicht nur in der Welt des Tennis nachhaltigen Klang besitzen.

          Sie fühle mit den Frauen in der Zukunft und in der Gegenwart, sagte sie, aber auch mit jenen, die in der Vergangenheit dagegen protestierten und nun mitansehen müssten, wie das Urteil gekippt werde. In einem Gespräch mit dem Guardian ergänzte sie dieser Tage: „Ich bin dankbar für die Plattform, die ich habe, und ich weiß, wie viele Leute ich damit erreichen kann. Ich denke nicht, dass ich die Welt ändern kann. Ich hab ja keine wahnhaften Ideen, aber ich denke, dass ich vielleicht ein paar Leute in dieser Welt ändern kann. Die Unterstützung von allen, die mich darin bestärkt haben, meine Meinung zu sagen, hat dafür gesorgt, dass ich keine Angst habe, genau das zu tun.“

          Sieg gegen Venus Williams

          Nun ist es nicht so, dass Coco Gauffs Stimme erst seit dem Finale in Paris gehört wird. Schon mit 15, in ihrem ersten Jahr auf der Profitour, verblüffte sie mit Kommentaren, die deutlich aus der Masse der Konformität herausstachen. In Wimbledon legte sie vor drei Jahren mit einem Sieg in Runde eins gegen Venus Williams einen bemerkenswerten ersten Auftritt hin. Beim Handschlag am Netz nutzte sie die Gelegenheit, um der bewunderten Gegnerin mitzuteilen, was ihr sehr am Herzen lag. Danke für alles, was du für diesen Sport getan hast, sagte sie.

          Bei der Premiere landete sie im Achtelfinale, und die Schlagzeilen vom potenziellen neuen Superstar wurden schnell produziert. Doch zum Glück drehte niemand in der Familie durch. Einen Schritt nach dem anderen zu machen ist ein gesünderes Tempo als ein Sprint. Natürlich ist es nicht leicht, Ungeduld und Ehrgeiz zu bremsen, und inzwischen glaubt sie das richtige Tempo gefunden zu haben.

          Als es nach dem Finale in Paris um die Frage ging, wie wichtig die mit diesem Erfolg gewonnene Zuversicht für die nächsten Herausforderungen in Wimbledon und später bei den US Open in New York sein können, da meinte Coco Gauff: sehr wichtig. „Als ich 15, 16 oder 17 war, da habe ich so viel Druck gespürt, ein großes Finale zu erreichen. Jetzt, da ich es geschafft habe, fühlt sich das wie eine kleine Erleichterung an.“

          Der Weg in Wimbledon 2022 beginnt an diesem Dienstag, und wenn alles so läuft, wie sie sich das wünscht, wird er weiter führen als im vergangenen Jahr oder bei der Premiere 2019. Entlang dieses Weges wird sie weiter Musik hören, Eindrücke sammeln und sich Gedanken über Gott und die Welt machen, und das kann nicht schaden. Schließlich ist es ja so, dass der Verstand einem Fallschirm gleicht; er funktioniert am besten, wenn er offen für alles ist.

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