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Tennis in Wimbledon : Rule, Britannia!

  • -Aktualisiert am

Das Maß aller Dinge: Auf dem Weltranglistenersten Andy Murray ruhen alle britischen Hoffnungen in Wimbledon. Bild: dpa

Neben Andy Murray erreichen gleich drei weitere britische Spieler die dritte Runde in Wimbledon. Zum ersten Mal seit 1986 sind auch zwei Damen darunter.

          Wimbledon überrascht in diesem Jahr mit zwei Besonderheiten: Ein konstantes Hoch beschert London Temperaturen zwischen 25 und 31 Grad Celsius, und eine Siegesserie britischer Spieler nährt den Nationalstolz der einheimischen Fans. Auf Andy Murray ist für die Fans, die sich um den Union Jack scharen, seit vielen Jahren Verlass.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Seit 2008 zog der Schotte, der spätestens nach seinem ersten Einzeltitel 2013 zum Briten wurde, immer mindestens ins Viertelfinale ein. Aber ansonsten war in den letzten Jahren nicht viel los im Tennis-Empire. Am Dienstag jedoch erreichten gleich vier Spieler die dritte Runde des Grand-Slam-Turniers. Und am Mittwoch wäre fast der Fünfte gefolgt, doch Kyle Edmund scheiterte auf dem Centre Court am Franzosen Gael Monfils in drei umkämpften Sätzen.

          „Fab Four“ überschrieb das Massenblatt „The Sun“ am Mittwoch ihren Sportaufmacher, mit dem es Andy Murray, Johanna Konta, Heather Watson und Aljaz Bedene würdigte. Zum ersten Mal seit 1997 drang ein britisches Quartett in die dritte Runde vor, darunter zum ersten Mal seit 1986 zwei Damen. Tennis mit weiblicher Beteiligung war in England lange Zeit völlig aus dem Blickpunkt gerückt, bis Heather Watson 2015 in der dritten Runde von Wimbledon Serena Williams ein großes Match lieferte.

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          Nur zwei Punkte fehlten ihr bis zum Sensationssieg auf dem Centre Court. Die auf der Insel Guernsey geborene Spielerin wurde als große Zukunftshoffnung gefeiert, doch sie konnte das Versprechen nicht erfüllen, obwohl sie das Talent besitzt, eine Top-Ten-Spielerin zu werden. Bis auf einen Triumph im Mixed-Wettbewerb von Wimbledon 2016 an der Seite des Finnen Kontinen blieb sie hinter den Erwartungen zurück, die sie zu erdrücken schienen.

          Der Tiefpunkt war bei den French Open in Paris im vergangenen Jahr erreicht, als sie schon in der Qualifikation ausschied. Im Hauptfeld von Wimbledon darf sie nur dank einer Wildcard mitmachen. Doch dann kam das Vorbereitungsturnier in Eastbourne, und Watson, mittlerweile auf Position 120 der Weltrangliste plaziert, spielte wie befreit auf. Sie unterlag erst im Halbfinale Caroline Wozniacki nach drei hart umkämpften Sätzen. Und in Wimbledon setzte sie ihre kleine Serie eindrucksvoll fort.

          Das 6:0, 6:4 in der zweiten Runde gegen die Nummer 18 der Welt, Anastasia Sewastowa aus Lettland, hätte in der Deutlichkeit kaum jemand erwartet. „Ich fühle mich wohl, mein Spiel hat wieder eine Struktur“, sagte Watson, die ihr neues Trainerteam dafür verantwortlich macht. Der eine, Morgan Philipps, bot seiner Spielerin eine Wette an: „Wenn du die zweite Woche erreichst, rasiere ich mir den Kopf.“ Watson lehnte schlagfertig ab: „Das sieht nicht gut aus, rasier dir lieber die Beine.“

          Auch Johanna Konta hatte lange Zeit in ihrer Karriere mit ihren Nerven zu kämpfen. Seit sie von einem Mentaltrainer betreut wird, setzt sie ihre überragende Athletik und Schlaghärte auch in Resultate um. 2015 noch jenseits der 100 positioniert, steht sie mittlerweile auf Platz sieben der Weltrangliste. Gegen die Kroatin Donna Vekic setzte sie sich in einem epischen Match über 3:19 Stunden durch. 7:6 (7:4), 4:6, 10:8 gewann sie gegen die Rasenspezialistin Vekic, gegen die sie vor wenigen Wochen im Finale von Nottingham verloren hatte.

          Das größte Lob kam aus berufenem Mund: „Sie hat ein ganz schwieriges Match mit einer außergewöhnlichen Leistung gewonnen“, kommentierte Andy Murray die Vorstellung seiner Landsfrau. Und sogleich wurde er nach seinem locker bestandenen Match gegen Dustin Brown (6:3, 6:2, 6:2) mit einem ganz verrückten Gedanken konfrontiert: Ob er es für möglich halte, dass es in der Herren- und in der Damen-Konkurrenz einen britischen Sieger geben könnte? „Es ist nicht sehr wahrscheinlich, aber möglich. Jo hat die Qualität, um hier das Turnier zu gewinnen.“

          Johanna Konta trifft in der dritten Runde auf Maria Sakkari.

          Das gilt sicher nicht für Aljaz Bedene. Mit fast 28 Jahren wird dem gebürtigen Slowenen keine große Zukunft mehr zugebilligt. Ein solider Spieler ist er, um die Weltranglistenpositionen zwischen 60 und 80 pendelnd. In Wimbledon sorgte er in der ersten Runde für ein seltenes Highlight, als er das kroatische Aufschlagwunder Ivo Karlovic nach zuvor vier Tie-Breaks im fünften Satz 8:6 niederrang. Bei seinem Zweitrundenmatch gegen den Bosnier Damir Dzumhur hatte er auch mit fliegenden Ameisen zu kämpfen, ehe er 6:3,3:6, 6:3 und 6:3 gewann. Hinterher bedankte sich Bedene artig für die Unterstützung des Publikums. Die war ihm zuletzt nicht gewährt worden nach seiner Ankündigung, wieder Slowene werden zu wollen, weil es ihm als Brite nicht möglich sei, an Olympia teilzunehmen, seinem großen Traum.

          Das ganz große britische Interesse kanalisiert natürlich Andy Murray, alle anderen Tennisprofis werden als schmückendes Beiwerk angesehen. Wenn Murray nicht spielt, wird die Schlange vor der Tageskasse gleich um ein paar hundert Meter kürzer. Murrays Hüftbeschwerden vor dem Turnier beschäftigte die Tennis-Nation mehr als alle Spiele von Konta oder Watson.

          Seine ersten beiden überzeugenden Siege in Wimbledon wurden mit großer Erleichterung aufgenommen – auch von ihm: „Ich habe mich gut bewegt, die vielen Stopps von Brown, die ich erlaufen musste, hat meine Hüfte gut verkraftet“, sagte Murray und fügte an: „Es wird extrem schwer, aber ich habe alle Voraussetzungen für einen guten Lauf. Ich kann Wimbledon gewinnen.“ Und das ist den Briten immer noch viel wichtiger als positive Aufwärtstendenzen in der zweiten Garde.

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