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Tunesierin in Wimbledon : Wie Ons Jabeur einen ganzen Kontinent inspiriert

  • -Aktualisiert am

Ons Jabeur ist Afrikas Pionierin im Tennissport. Bild: EPA

Die Tunesierin Ons Jabeur ist in Afrika eine Pionierin – und spielt in Wimbledon groß auf. Als erste arabische Spielerin steht sie im Viertelfinale. Doch das ist ihren Landsleuten noch nicht genug.

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          Der Himmel über Wimbledon zeigte sich von seiner schönsten Seite, präsentierte pittoreske Wolken vor Sommerblau. Es war der passende Rahmen für einen besonderen Sieg und den nächsten Eintrag ins Buch der Tennisgeschichte. Mit einem Erfolg in drei Sätzen (5:7, 6:1, 6:1) gegen die Polin Iga Swiatek landete die beste Spielerin eines ganzen Kontinents zum ersten Mal im Viertelfinale der Championships. Ein paar Wochen nach ihrem ersten Turniersieg auf der WTA-Tour machte Ons Jabeur aus Tunesien, 26 Jahre alt, den nächsten großen Schritt, und die arabische Welt sieht beeindruckt zu.

          Diese Frau kommt nicht aus dem Nirgendwo; Ons Jabeur spielt schon eine Weile eine besondere Rolle auf den Tennisplätzen der Welt. Sie gehört nicht nur zu den besten Aufschlägerinnen, sondern bringt eine Vielzahl von Schlagvarianten mit: eingesprungene Rückhand, Slice-Rückhand kurz oder lang, gerade auf Rasen darf es auch mal ein Hechtsprung beim Volley sein und immer wieder Stopps, Stopps, Stopps. Ihre früheren Trainer hatten oft gefordert, sie solle es nicht übertreiben mit diesem riskanten Schlag, aber sie blieb stur.

          Typisch? Schon irgendwie. Jabeur sagt, ihre Spielweise reflektiere ihren Charakter. „Ich mag keine Routine. Auf dem Platz mag ich unterschiedliche Schläge und will Spaß haben, und das will ich auch außerhalb.“ Da passt auch der Name ihres Lieblingsspielers ins Programm, Andy Roddick. Einer, der nicht nur beim Aufschlag mächtig zulangte, sondern auch mit seinem trockenen, manchmal sarkastischen Humor zuschlug.

          Es hieß eine Weile lang, Ons Jabeur mache zu wenig aus ihren vielfältigen Möglichkeiten, aber das stimmt spätestens seit anderthalb Jahren nicht mehr. Bei den Australian Open erreichte sie im Januar 2020 als erste Spielerin aus Nordafrika und dem arabischen Raum das Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers, in Paris 2020 und 2021 legte sie jeweils mit dem Achtelfinale nach, nun folgt das nächste Viertelfinale – eine bemerkenswerte Serie.

          Fast eine Stunde lang sah es am Montag gegen Iga Swiatek so aus, als sei der nächste Sieg für Jabeur und Tunesien auf dem Weg, doch die Polin schnappte sich die letzten drei Spiele des ersten Satzes und schien danach im Vorteil zu sein. Jabeur schlug aber umgehend zurück, ging gleich in Führung und war danach nicht mehr aufzuhalten. Mit einem Stoppball beim Return – so was sieht man immer gern – schnappte sie sich den zweiten Satz, und den dritten beendete sie mit einem Ass.

          Ons Jabeur leistet für Nordafrika und den arabischen Raum die Arbeit einer Pionierin. Mit ihrem eigenen Beispiel beschreibt sie, wie die Lage ist. „Manchmal brauchst du einfach jemanden, der dich inspirieren und dir den Weg zeigen kann. Ich hab am Anfang nicht an mich selbst geglaubt, weil es kein Beispiel einer anderen Tunesierin für mich gab. Und es ist immer noch schwer, denn irgendwie spiele ich nicht nur für mich selbst, sondern für den ganzen Kontinent.“

          „Sie wollen, dass ich ein Grand-Slam-Turnier gewinne“

          Als sie Mitte Juni beim Rasenturnier in Birmingham ihren ersten Titel auf der WTA-Tour gewann, schlug die Geschichte große Wellen – natürlich war es der erste Titel einer Frau aus dem arabischen Raum –, und auf einer dieser Wellen surft sie nun auch bei den Championships. In Runde zwei der Sieg gegen Venus Williams, fünfmalige Siegerin des Turniers, in Runde drei gegen Garbiñe Muguruza, Wimbledonsiegerin 2017, und nun am Montag gegen Iga Swiatek, die im vergangenen Jahr die French Open gewann.

          Es waren die Erfolge Nummer 31 bis 33 in diesem Jahr, keine Konkurrentin hat mehr. Nur eine hat gleich viele, Aryna Sabalenka (Belarus), gegen die sie nun an diesem Dienstag im Viertelfinale spielen wird. Und das könnte ein spannender Vergleich der Systeme werden, denn im Gegensatz zu Jabeur gehört Sabalenka eher zur Fraktion „Hau-drauf-und-Schluss“.

          Jetzt stärker wahrgenommen zu werden als früher gehört sicher zu den sonnigen Seiten einer Serie von Erfolgen, aber Siege wecken auch Begehrlichkeiten. „Sicher, die Leute in Tunesien interessieren sich jetzt mehr für Tennis als früher“, sagt Ons Jabeur, „aber mit der vierten Runde bei einem Grand-Slam-Turnier sind sie nicht mehr zufrieden. Sie wollen, dass ich eines davon gewinne.“ Und wer will behaupten, das könnte nicht passieren?

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