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Tennis in Wimbledon : Die unerreichbare Venus Williams

  • -Aktualisiert am

Venus Williams (Bild) spielt in Wimbledon im Finale gegen die Spanierin Garbine Muguruza. Bild: AFP

Venus Williams lebt beim Turnier in Wimbledon in ihrer eigenen Welt. Vor dem Finale erstaunt die Amerikanerin mit Aussagen über ihre Gegnerin Garbine Muguruza.

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          Venus Williams lebt in ihrer eigenen Welt. Zumindest in Wimbledon. Auf Kontaktversuche von außen reagiert sie phlegmatisch, und das ist noch freundlich ausgedrückt. Sie antwortet, als wäre sie auf einem Raumschiff gerade mit einem komplizierten Steuerungsmanöver beschäftigt und die Bodenstation versuchte sie in eine Diskussion über Strickpullover zu verwickeln. Dabei wollen die Leute nur wissen, wie es ihr geht. Wie es ist, mit 37 Jahren zum 20. Mal am berühmtesten Tennisturnier der Welt teilzunehmen, dabei zum neunten Mal im Finale zu stehen und die Möglichkeit zu besitzen, es zum sechsten Mal zu gewinnen. Wie sie trotz der Belastung einer Autoimmunkrankheit wieder in der Lage sein kann, so gut Tennis zu spielen wie in ihren besten Zeiten. Wie sie es verkraftet hat, vor einem Monat in einen tödlichen Verkehrsunfall verwickelt worden zu sein.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Die einzige, die weiß, wie es um Venus Williams steht, was sie fühlt und bewegt, ist ihre Schwester Serena. „Ich vermisse sie“, sagt Venus, Nicht auf dem Tennisplatz. Serena ist eine der wenigen Frauen auf diesem Planeten, die noch besser mit dem Tennisschläger umzugehen verstehen als sie. Neunmal standen die Schwestern gemeinsam in einem Grand-Slam-Finale, sieben Mal gewann die Jüngere. Aber neben dem Court hätte sie ihre Schwester liebend gerne um sich, so wie sonst. Serena fehlt in Wimbledon wegen ihrer Schwangerschaft. Aber ihre Verbindung funktioniert störungsfrei. „Wir telefonieren und schreiben uns jeden Tag“, sagt Venus. Die jüngere und erfolgreichere Schwester – es steht 23:7 nach Grand-Slam-Titeln – sei ihr Vorbild. „Ich versuche die selbe Courage auf dem Platz zu zeigen wie sie. Ich kann nicht genau so spielen wie sie, aber ihr Spiel ist mir Inspiration.“ Sie wolle die Familienehre der Williams verteidigen, wie es unter normalen, nicht anderen Umständen, wohl ihre Schwester gemacht hätte.

          Der letzte große Triumph von Venus liegt neun Jahre zurück, als sie 2008 ihren fünften Wimbledon-Titel gewann. Als 2011 bei ihr das Sjögren Syndrom diagnostiziert wurde, glaubten die meisten, ihre Karriere wäre vorüber. Die Autoimmunkrankheit ruft Muskelschmerzen, allgemeines Schwächegefühl und Müdigkeit hervor. Aber Venus Williams setzte ihre Laufbahn fort, obwohl sie nicht mehr so hart trainieren und dadurch nicht mehr so erfolgreich spielen konnte. „Weil ich das Spiel liebe“, begründete sie ihre Entscheidung, auch zwischen den Weltranglistenpositionen sieben und 47 weiterzuspielen. Seit 2015 bekommt sie die Krankheit immer besser in den Griff, vor einem Jahr drang sie bei ihrem Lieblingsturnier in Wimbledon erstmals seit 2010 wieder in ein Grand-Slam-Halbfinale vor. Damals hatte sie gegen Angelique Kerber keine Siegchance, ihr fehlten Athletik und Beinarbeit.

          In diesem Jahr scheint Venus Williams ganz die Alte zu sein – zumindest auf Rasen. Mit ihren fulminanten Aufschlägen und brachialen Grundlinienschlägen mit der Vorhand diktiert sie ihre Matches. Sogar gegen Gegnerinnen, die genauso hart zuzuschlagen verstehen wie French-Open-Siegerin Jelena Ostapenko und die neue britische Hoffnung Johanna Konta. „Ich glaube meine Erfahrung hilft mir in solchen Begegnungen“, sagt sie.

          Das Halbfinale hatte sie gegen Johanna Konta gewonnen.
          Das Halbfinale hatte sie gegen Johanna Konta gewonnen. : Bild: dpa

          Es ist wohl vor allem die Fähigkeit, alles Störende auszublenden, sich ganz auf ihren Instinkt und ihre Stärken zu verlassen. Bei ihrem 6:4, 6:2-Halbfinalsieg über Konta hatte die Amerikanerin einen gefährlichen Moment zu überstehen. Beim Stand von 4:4 lag sie bei eigenem Aufschlag 15:40 zurück. Den ersten Breakball wehrte sie mit einem starken ersten Aufschlag ab, den Konta nur mit Mühe retournieren konnte. Es war ihr ein Leichtes, den Punkt mit ihrem zweiten Schlag im Ballwechsel zu vollenden. Die zweite Chance der Britin zertrümmerte sie mit einem zweiten Aufschlag mit Tempo 175. Konta war völlig verblüfft von der Risikofreude der Amerikanerin. Sie brachte sich nur mühsam vor dem Ball in Deckung. Ihn zurückzuschlagen war ein Ding der Unmöglichkeit.

          „Taktische Meisterleistung“, man war geneigt, diesen Begriff zu wählen für die Art, wie Venus Williams ihrer starken Gegnerin im weiteren Verlauf des Halbfinales alle Entfaltungsmöglichkeiten raubte. Doch das war es nicht – nach eigener Aussage der Amerikanerin: „Ich habe keinen Plan, ich tue nur, was nötig ist, um den Punkt zu machen und das Spiel zu gewinnen“, sagte Williams nach dem Match.

          Immerhin werde sie bei ihrer Schwester um ein paar Tipps nachfragen, wie ihre Endspielgegnerin Garbine Muguruza zu bezwingen sei. „Serena hat mal in einem Finale gegen sie gespielt.“ In welchem, wusste Venus nicht zu sagen. Auch Nachfragen, was sie in bestimmten Spielsituationen gedacht habe, machen keinen Sinn. „Doppelfehler? Welcher Doppelfehler? Ich kann mich nicht erinnern. Ich gehöre leider nicht zu den Spielerinnen, die sich Einzelheiten eines Matches merken können.“ Ja, ja, Muguruza kenne sie. Sie hätten schließlich schon ein paar Mal gegeneinander gespielt. Wie oft? „Keine Ahnung, aber noch nicht auf Gras.“ Was sie von der Spanierin erwarte? „Ich weiß nicht, ich habe mir keines ihrer Spiele angeschaut, auch ihr letztes nicht. Ich weiß nicht genau, wie sie spielt. Ich werde ja sehen, was sie im Finale macht.“

          Ist das Desinteresse, Respektlosigkeit, Ignoranz, Vertrauen in die eigene Stärke, Masche oder Show? Venus Williams wurde gefragt, warum sie so sanft und ohne Gefühlsregung antworte, warum sie auf dem Platz keine Emotionen zeige. Noch nicht einmal der Coup, mit dem gewaltigen zweiten Aufschlag das Break vermieden zu haben, löste ein Wimpernzucken bei ihr aus. Ihre Erwiderung: „Ich bin noch so unheimlich konzentriert. Das Turnier ist noch nicht zu Ende.“ Vielleicht hat die 37-Jährige auch nur schon so viel erlebt, genossen und durchlitten, dass sie sich vor zu vielen Gefühlen schützen will. Auf ihre Reaktion nach dem Matchball des Finales darf man gespannt sein.

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