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Tennis-Teenie Cori Gauff : „Ihr steht der Himmel offen“

  • -Aktualisiert am

Fokus: Cori Gauff will die beste Tennisspielerin werden. Bild: AFP

Gerade noch genoss die fünfzehnjährige Amerikanerin Cori Gauff ein geregeltes Familienleben. Damit ist es vorbei. Aus dem Wunderkind soll jetzt die Wonderwoman werden.

          Es gab schon viele Wunderkinder im Damentennis. Den wenigsten gelang es noch als erwachsene Frau, Wunderdinge auf dem Tennisplatz zu vollführen – so wie Steffi Graf oder Serena Williams. Selbst viele Frühreife, die zunächst das Versprechen auf die Zukunft erfüllten, verblühten relativ rasch – so wie Martina Hingis oder Tracy Austin. Es gehört viel mehr dazu als Talent, um ganz nach oben zu kommen und lange oben zu bleiben: eine ungeheure Energie und ein ungeheurer Wille.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Cori „Coco“ Gauff werden diese Eigenschaften von höchster Stelle zugesprochen. Roger Federer hat schon vor zwei Jahren seine Marketingagentur Team 8 veranlasst, einen Vertrag mit der Amerikanerin abzuschließen. Damals war die Begabte 13 Jahre alt und nur Brancheninsidern bekannt. An diesem Montag schaffte es Coco Gauff auf die Titelseite der englischen Zeitung „Daily Mail“ und in alle Nachrichtensendungen des amerikanischen Fernsehens. Ihr Sieg in der ersten Runde von Wimbledon über Venus Williams war „die“ Geschichte des ersten Tages der All England Championships: „Williams 2.0 schlägt Williams.“

          24 Jahre liegen zwischen der jüngsten und ältesten Spielerin der Damenkonkurrenz. Gauff war noch nicht geboren, als Venus Williams die ersten beiden ihrer fünf Wimbledon-Einzeltitel gewann. Trotz des Altersunterschiedes waren die beiden auf den ersten Blick kaum voneinander zu unterscheiden. Beide groß und sehr schlank, beide mit krachendem Aufschlag und dominanten Grundschlägen ausgestattet. Sogar in den Bewegungsabläufen ähneln sich die beiden, wobei die 15-Jährige natürlich schneller und dynamischer auf den Beinen war als die 39-Jährige. Was den Ausschlag über Sieg und Niederlage gab.

          Schockiert und überwältigt

          Nach dem verwandelten Matchball zum 6:4, 6:4 kullerten Gauff die Tränen über das Gesicht. „Das war das erste Mal, und ich hätte nie gedacht, dass es überhaupt einmal passieren würde“, sagte der Teenager später. Aber sie sei einfach schockiert und überwältigt gewesen. Nicht dass sie von ihrem Sieg überrascht gewesen wäre. „Ich rechnete mir schon vorher Chancen aus.“ Aber der Moment, in dem sie ihrem Idol und Vorbild am Netz gegenüberstand, entwickelte dann doch eine emotionale Wucht. „Ich bin Venus schon einmal vorher begegnet. Aber ich hatte damals nicht den Mut, ihr schon für ihre Inspiration zu danken.“ Diesmal tat sie es. „Danke für alles, was du für mich getan hast.“

          Noch viel mehr als Venus Williams aus der Ferne tat ihr Vater Corey aus nächster Nähe. Er trainierte sie von ihrem sechsten Lebensjahr an im Tennis und achtete auf ihre umfassende sportliche Ausbildung. Sie betrieb unter anderem Leichtathletik, Basketball und Fußball, überall fielen ihre herausragenden koordinativen Fähigkeiten auf. Zudem gewöhnte sie ihr Vater früh daran, größte Ziele zu formulieren. „Mit acht sagte er das erste Mal zu mir, dass ich die Beste der Welt werde. Ich glaube noch immer nicht zu 100 Prozent daran, aber ich will es unbedingt werden.“

          Diese Aussage traf sie in einem Interview kurz vor ihrer Abreise nach Wimbledon, wo sie zunächst durch die Qualifikation musste, die sie als jüngste Spielerin der Wimbledon-Geschichte auch überstand. Nach ihrem Triumph in der ersten Hauptrunde sagte Cori Gauff, die seit Jahren nur noch „Coco“ gerufen wird, weil ihr Vorname wie der ihres Vaters Corey klingt: „Ich will die Größte werden.“ Was sich anmaßend liest, klang ganz fröhlich und unbeschwert, als es dem Teenager von den Lippen kam. „Coco“ fühlte sich gar nicht unwohl bei ihrem ersten Auftritt vor den Medien nach ihrem Überraschungserfolg. Auf die Frage, wieso sie so reif wirke, antwortete sie: „Ich fühle mich wirklich wie 18, weil ich oft auf meine jüngeren Brüder Cody und Cameron aufpasse.“

          Bis Wimbledon war Tennis noch nicht alles im Leben des Teenagers. In Delray Beach/Florida blieb Zeit für ein geregeltes Familienleben. „Ich war nur drei, vier Monate im Jahr unterwegs.“ Neben ein paar ausgewählten Jugendturnieren (sie gewann 2018 das Juniorenturnier der French Open) waren es Trainingsaufenthalte in Frankreich. Auf Federers Rat und Kontakt hin besuchte Gauff häufiger die Tennis-Akademie von Patrick Mouratoglou, dem langjährigen Trainer von Serena Williams. „Es ist eine Freude, Coco zu erleben“, sagte Federer in Halle (Westfalen), auf die junge Amerikanerin angesprochen. „Sie ist sehr ehrgeizig und fleißig und entwickelt sich hervorragend. Sie hat eine große Zukunft vor sich.“ Der Schweizer verfolgt die Fortschritte des Teenagers aufmerksam und sah sich sogar einige ihrer Qualifikationsspiele in Wimbledon an. Und er ist „Follower“ auf Cocos Instagram-Account.

          Nach ihrem Durchbruch in Wimbledon, wo sie an diesem Mittwoch (18.10 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu Wimbledon und bei Sky) in der zweiten Runde auf die Slowakin Magdaléna Rybáriková trifft, werden Hunderttausende es Federer gleichtun und Gauff in den sozialen Medien folgen. Wie der Teenager die neue Popularität verkraftet, wird ein Faktor sein, ob sie den Sprung vom Wunderkind zu Wonderwoman schafft. Am Sportlichen wird es nicht liegen, davon ist Venus Williams überzeugt, die Gauffs Stärke zu spüren bekam. „Ihr steht der Himmel offen.“

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