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Tennis-Profi Pella verblüfft : Märchenhafte Tage in Wimbledon

  • -Aktualisiert am

Konnte es kaum glauben: Guido Pella steht im Viertelfinale von Wimbledon. Bild: AP

Der Argentinier Guido Pella ist beim Tennis-Turnier in Wimbledon noch immer im Spiel und kann sein Glück kaum fassen. Seine Reise könnte sogar noch weitergehen.

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          Gibt es irgendeinen Tennisspieler, der sich nicht daran erinnert, wie er als Kind vor dem Fernseher saß und Übertragungen aus Wimbledon inhalierte? Eher nicht. Guido Pella jedenfalls weiß noch genau, wie das damals war. Er war elf und bewunderte Patrick Rafter und dessen Serve-and-Volley-Spiel im legendären Finale des Jahres 2001, hatte aber im Wohnzimmer lautstarke Konkurrenz, weil sein Vater zum Gegner des Australiers hielt – zu Goran Ivanisevic. Das Finale fand nach einem regenreichen Wochenende an einem Montag statt, weshalb nicht das übliche Publikum auf den Rängen saß, sondern viele junge Leute wie bei einem Musikfestival; es war sehr laut, sehr bunt und extrem belebend. Zusammen sahen Vater und Sohn Pella die ganze Partie, drei Stunden und zwei Minuten, und am Ende freute sich auch der Sohn über den unvergesslichen Sieg des Kroaten an einem der schönsten Tage Wimbledons.

          Moment der Erlösung: Nach dem Achtelfinal-Erfolg über Milos Raonic zeigt sich Guido Pella im Wimbledon emotional.

          Goran Ivanisevic saß in der vergangenen Woche als Berater in der Box des Titelverteidigers Novak Djokovic, der offenließ, ob die Zusammenarbeit was Dauerhaftes werden soll oder nur eine Momentaufnahme ist. Djokovic landete souverän im Viertelfinale und gab bisher nur einen Satz ab. Deutlich überraschender ist hingegen auch der 29 Jahre alte Pella aus Buenos Aires noch im Spiel. Nachdem er in der zweiten Runde den Finalisten des Vorjahres besiegt hatte, Kevin Anderson, legte er im Achtelfinale gegen den Finalisten des Jahres 2016 nach, Milos Raonic. Beim Sieg in fünf Sätzen ging dem Kanadier nach eigenem Bekunden die Puste aus, Pella hingegen überstand am Ende selbst die frustrierende Tatsache, die ersten drei Matchbälle vergeben zu haben. Beim vierten war Raonic mit einem Fehler behilflich, die zahlreichen weiblichen Fans des Argentiniers waren entzückt, und er selbst sah so aus, als könne er sein Glück kaum fassen.

          Nun sollte man sich zwar grundsätzlich nicht wundern, wenn ein Spieler vom Ranglistenplatz 26 im Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers landet, aber dass es ausgerechnet dieser Tage in Wimbledon passiert, kommt Pella nahezu märchenhaft vor angesichts einer Reihe von Niederlagen in den vergangenen Wochen. Das letzte Turnier, bei dem er mehr als ein Spiel gewann, waren die BMW Open in München Anfang Mai, und bei zwei Rasenturnieren vor Beginn der Championships ging er leer aus.

          Als er die Auslosung für Wimbledon mit Anderson und Raonic als potentiellen Gegnern sah, hielt er seine Aussichten für eher begrenzt, aber nun gehört er zum ersten Mal in seiner Karriere zu den besten acht eines Grand-Slam-Turniers. Und vielleicht ist ja noch mehr drin. Pellas Gegner an diesem Mittwoch (14.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu Wimbledon und bei Sky) ist keiner der drei Favoriten – Novak Djokovic, Roger Federer und Rafael Nadal –, sondern Roberto Bautista Agut, Nummer 22 der Welt. Zuletzt begegneten sich die beiden in München, der Spanier gewann, doch das spielt jetzt keine Rolle mehr.

          Wenn das Spiel der beiden an diesem Mittwoch beginnt, wird es daheim in Argentinien früher Morgen sein. Und zu den Leuten vor den Bildschirmen dürfte sicher auch der beste Tennisspieler des Landes gehören, Juan Martin del Potro, der diesmal in Wimbledon wegen einer abermaligen Operation fehlt und aufbauende Nachrichten sehr gebrauchen kann. Bedenkt man, dass es in Argentinien keine Rasenplätze gibt – das jedenfalls sagt Pella –, dann ist die Bilanz der Männer aus Südamerika beim größten Rasenturnier der Welt gar nicht schlecht: David Nalbandian spielte beim Titelgewinn des Australiers Lleyton Hewitt 2002 im Finale – es war der letzte Titelgewinn eines anderen vor Beginn der Ära Federer/Nadal/Djokovic/Murray – und drei Jahre später noch mal im Viertelfinale, del Potro landete 2013 im Halbfinale und verlor ebenso dramatisch in fünf Sätzen wie im Viertelfinale 2018 gegen Nadal.

          Pella und Bautista Agut spielen um einen Platz im Halbfinale mit der nicht ganz unwahrscheinlichen Aussicht, dort dem Titelverteidiger zu begegnen. Damit gehören sie ebenso zur Gruppe der Herausforderer der Favoriten wie der Amerikaner Sam Querrey und Kei Nishikori in der unteren Hälfte des Tableaus. Querrey, Halbfinalist vor zwei Jahren, spielt gegen Nadal, den er in der letzten gemeinsamen Begegnung schlug. Nishikori fordert Federer heraus, und auch er gewann die letzte gemeinsame Begegnung, in der Vorrunde der ATP Finals in London 2018.

          Gewinnt Federer das Spiel, wird es der hundertste Sieg seiner Karriere in Wimbledon sein. Bei den Männern gibt es keinen, der damit konkurrieren könnte, bei den Frauen hingegen schon. Martina Navratilova häufte in 31 Jahren 120 Siege an. Bei allem Optimismus, was die weitere Anwesenheit des Schweizers betrifft – mit diesen 120 könnte es schwierig werden. Aber Hauptsache, hier und jetzt ist alles in Ordnung. Nach einem Sieg wie im Flug gegen den Italiener Matteo Berrettini meinte Federer, das sei so ein Spiel gewesen, in dem er das Gefühl gehabt habe, was auch immer er tue, es werde funktionieren. „Du stehst da und denkst: Es kann nichts passieren. Du schlägst einen Winner, und das machst du immer und immer wieder. Alles ist irgendwie rosarot, eines der besten Gefühle, die du auf einem Tennisplatz haben kannst.“ Nishikori wird versuchen, eine andere Farbe ins Spiel zu bringen und mit dieser Mixtur einen Sieg zu erzwingen. Aber das haben in den 16 Jahren seit dem ersten Titel des Meisters in Wimbledon nicht allzu viele geschafft.

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