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Görges und Kerber in Wimbledon : Sie haben die Balance gefunden

  • -Aktualisiert am

Zum ersten Mal in einem Viertelfinale bei einem Grand-Slam-Turnier: Julia Görges. Bild: dpa

Julia Görges und Angelique Kerber ziehen ins Viertelfinale von Wimbledon ein. Dass sie frühestens im Endspiel aufeinander treffen können, ist beiden nicht unrecht.

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          Für die deutschen Fußballspieler ist die Rasensaison schnell und unerfreulich zu Ende gegangen. Für die deutschen Tennisspielerinnen haben sich ihre Hoffnungen bei ihrem wichtigsten Turnier erfüllt – und sie können sie noch übertreffen. Angelique Kerber und Julia Görges sind am Montag in Wimbledon ins Viertelfinale eingezogen. Und vor ihren Gegnerinnen am Dienstag müssen sie sich auch nicht verstecken. Nach der Niederlage von Karolina Pliskova gegen Kiki Bertens ist Kerber sogar die am höchsten gesetzte Spielerin, die im Feld verblieben ist. Was jedoch in diesem Jahr eher als schlechtes Omen gelten muss, in dem nun alle zehn top gesetzten Spielerinnen ausgeschieden sind. „Ich versuche, nicht nach links und rechts zu schauen“, sagte die Norddeutsche nach ihrem Zweisatzsieg über die Schweizerin Belinda Bencic auf die Frage, ob sie sich nun als Favoritin fühle. Sie konzentriere sich jetzt ganz auf die Aufgabe gegen die Russin Daria Kasantkina.

          Peter Heß
          Sportredakteur.

          Nach zähem Turnierbeginn präsentiert sich Kerber mittlerweile in einer ansprechenden Form, aber auch nicht in einer Verfassung, die sie über die Mitbewerberinnen erhebt. Was die 30 Jahre alte Linkshänderin auszeichnet, ist nach wie vor ihr unbändiger Kampfeswille, der vor allem in kritischen Spielsituationen durchschlägt. Im zweiten Durchgang wehrte sie beim Stand von 4:5 vier Satzbälle ab und verwandelte dann ihren zweiten Matchball zum 6:3, 7:6 (7:5). Gegen Kasatkina machte Kerber zuletzt gute und schlechte Erfahrungen. In Indian Wells bezog sie eine 0:6, 2:6-Niederlage; vor einer Woche beim Vorbereitungsturnier auf Wimbledon in Eastbourne gewann sie im Tie-Break des dritten Satzes. „Es wird auf jeden Fall knifflig werden“, erwartet Kerber. Aber ihre derzeitige Stress-Resistenz macht sie optimistisch. Ihre Gegnerin ist erst 21, hat in diesem Jahr schon Größen wie Wozniacki, Stephens und Muguruza besiegt. Was der Russin noch fehlt, ist Konstanz.

          Deutlich leichter als Kerber tat sich Julia Görges bei ihrem 6:3, 6:2 über Donna Vekic. Die Kroatin wehrte sich zwar heftiger als es das Ergebnis suggeriert, verlor viele Spiele erst nach einem Einstand. Aber die Deutsche konnte ich immer auf ihren kraftvollen Aufschlag verlassen und auf ihre harten Grundschläge, wenn es eng wurde. Gegen Ende der Partie zeigte Vekic Züge der Verzweiflung. Sie schaffte es zwar immer wieder, Görges unter Druck zu setzen, aber der 29-Jährigen gelang regelmäßig der Befreiungsschlag.

          „Ich habe endlich meinen Frieden mit Rasentennis gemacht“

          Sieht man Görges in diesem Jahr in Wimbledon spielen, bleibt es rätselhaft, wieso sie nicht schon früher beim wichtigsten Turnier des Jahres reüssierte. Ihr Spiel scheint wie für Rasentennis gemacht. Doch sie vermochte ihre Fähigkeit nicht auf das grüne Spielfeld zu bringen. In den vergangenen fünf Jahren schied sie jeweils in der ersten Runde aus. „Ich habe endlich meinen Frieden mit Rasentennis gemacht“, sagte sie nach ihrem Sieg in der zweiten Runde über die Weißrussin Vera Lapko. Da traute sie dem Frieden noch nicht ganz. Aber nach dem Krimi-Erfolg (10:8 im dritten Satz) über die Rasenspezialistin Barbara Strycova war sie überzeugt von ihren Fähigkeiten: „Ich glaube, keine Spielerin hat sich so auf ihr Achtelfinalspiel gefreut wie ich. Ich wollte es mir hier beweisen, dass ich ein Viertelfinale erreichen kann.“ Fünfmal war sie bisher in der Runde der letzten 16 in einem Grand-Slam-Turnier gescheitert.

          Der Grund für die Leistungssteigerung auf Rasen? Geändert habe sich vor allem ihre Einstellung. Sie akzeptiert nun, dass sie auf diesem natürlichen Untergrund Abstriche von ihrem üblichen Streben nach Perfektion machen muss. „Man muss gewisse Situationen einfach akzeptieren. Es sieht nun mal manchmal Banane aus und man kann bei manchen Bällen nichts machen, wenn sie verspringen.“ Görges trifft nun auf die Niederländerin Kiki Bertens, eine Gegnerin, die sie besonders gut kennt. „Wir mögen uns, wir gehen auch schon mal zusammen zum Abendessen.“ Wieder werde sie versuchen, das Spiel zu diktieren, so wie es ihre Art ist. „Aber ich muss darauf achten, die Balance zu wahren. Ich darf die Aggressivität nicht übertreiben und nicht zu passiv werden, denn auch Kiki reißt das Spiel gerne an sich.“

          Wie weit es in Wimbledon noch für sie gehen kann, darüber macht sie sich keine Gedanken. „Setzlisten sagen nichts mehr aus.“ Dass sie aber erst im Finale auf Angelique Kerber treffen kann, ist ihr nicht unrecht. „Wir kennen uns schon ewig lange und haben einen sehr guten Kontakt miteinander. Ich ziehe den Hut vor ihren Leistungen, und ich habe viel von ihr gelernt, das mir geholfen hat, in diese Position zu kommen.“ Angelique Kerber mochte ein mögliches deutsches Finale auch nicht kommentieren: „Auf jeden Fall freuen wir uns füreinander, so weit gekommen zu sein.“

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