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Tennis in Wimbledon : Liebe statt Tränen bei Lisicki

  • -Aktualisiert am

„Essen, trainieren, schlafen, was anderes habe ich nicht mehr gemacht“: Sabine Lisicki über die vergangenen Wochen. Bild: dpa

Sie kann noch Tennis spielen! Und wie! Vier Wochen nach dem Tiefpunkt bei den French Open ist Sabine Lisicki in Wimbledon wieder obenauf. Das hat Gründe.

          Ginge es nach Sabine Lisicki, dann würden alle vier Grand Slams eines Tennis-Jahres in Wimbledon stattfinden oder, besser noch, alle Turniere. Nirgendwo fühlt sich die 26 Jahre alte Berlinerin wohler, wenn sie den Tennisschläger schwingt, nirgendwo spielt sie besser, nirgendwo feierte sie größere Erfolge: 2009, 2012 und 2014 landete sie im Viertelfinale, 2011 im Halbfinale und 2013 im Endspiel. „Ich liebe Wimbledon, seitdem ich die Anlage das erste Mal betreten habe, ich kann hier die Geschichte fühlen, für mich ist das ein magischer Ort“, sagte Sabine Lisicki am Montag.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Da hatte sie gerade in ihrem Erstrundenmatch die Amerikanerin Shelby Rogers 6:1, 6:3 besiegt. Ein erster Hoffnungsschimmer für sie, dass sich im Süden Londons die misslichen Geschicke des Jahres 2016 wirklich wenden würden. Bis auf Position 81 war sie in der Weltrangliste zurückgefallen, hatte bis zum Donnerstag nicht ein einziges Mal zwei Spiele nacheinander gewonnen und reagierte auf ihr Erstrundenaus bei den French Open in Paris gegen die paraguayische Qualifikantin Verónica Cepede Royg mit einem Schwall von Tränen.

          Am Donnerstag strahlte Sabine Lisicki über das ganze Gesicht. Aus ihrem Hoffnungsschimmer war Gewissheit geworden: Sie kann noch Tennis spielen! Und wie! Sie benötigte genau 70 Minuten, um die frühere US-Open-Siegerin und diesjährige French-Open-Halbfinalistin Sam Stosur 6:4, 6:2 in die Schranken zu verweisen. Noch imposanter lesen sich die Details: Sie schlug zwölf Asse, gewann bei 92 Prozent ihrer ersten Aufschläge den Punkt, ihr gelangen 31 direkte Gewinnschläge, und es unterliefen ihr nur neun unerzwungene Fehler. Ihre Returnquote auf des Gegners Aufschlag lag bei erstaunlichen 72 Prozent.

          All diese Mosaiksteine setzen sich zu einem Relief herausragenden Rasentennis zusammen. „Ich bin überglücklich und zufrieden“, sagte Sabine Lisicki eine Stunde nach dem Matchball. „Ich kann es gar nicht glauben, eigentlich dachte ich, Wimbledon würde zu früh kommen für eine Wende.“ Jetzt spielt an diesem Freitag gegen die Kasachin Jaroslawa Schwedowa um den Achtelfinaleinzug.

          „Ein schönes Ass geht immer.“ Sabine Lisicki über ihre Gedanken beim Aufschlag.

          Vier Wochen liegt ihr Tiefpunkt nur zurück. Sie nahm ihn zum Anlass, zum Wesentlichen in ihrem Berufsleben zurückzukehren: „Essen, trainieren, schlafen, was anderes habe ich nicht mehr gemacht.“ Das Telefon ausgestellt, die sozialen Netzwerke nicht mehr gepflegt, stattdessen mit dem Hinweis „disconnect“ versehen: „Ich wollte mich komplett rausziehen aus allem. Ich habe gespürt, dass all die Ablenkungen nur Energie kosten, ich fühlte, du musst damit aufhören“, sagte sie.

          Sabine Lisicki gehört zu den Sportlern, die die Öffentlichkeit mögen. Viele Kontakte, interessante Menschen kennenlernen, nette Fotos, ein bisschen Scheinwerferlicht, das alles machte ihr Spaß. Das alles brachte die Liaison mit Entertainer Oliver Pocher mit sich. Als sie sich von ihm trennte, schlug das ganz hohe Wellen in den Boulevardmedien. Höhere, als ihr lieb waren. Sie zog die Konsequenzen und tauchte ab.

          Gegen Samantha Stosur (links) hatte die Deutsche erstaunlich leichtes Spiel.

          Wenige Wochen später entschloss sie sich zudem, nicht weiter mit ihrem Trainer Christopher Kas zusammenzuarbeiten und sich zudem ein neues Management zu suchen. Mehr Neuanfang geht kaum. Nach einer kurzen Übergangszeit, in der wie in alten Tagen ihr Vater die Betreuung und das Coaching übernahm, fand Sabine Lisicki in Salvador Navarro einen neuen Trainer. Der 39 Jahre alte Spanier kam mit der Empfehlung, die Italienerin Flavia Pennetta 2015 zum Triumph bei den US Open geführt zu haben.

          Zwei Wochen lang jagte Navarro die Deutsche über den Strand in seiner Heimat, südlich von Barcelona. Dazu ordnete er einige harte Drills auf dem Tennisplatz an. Zu viel mochte Sabine Lisicki nicht verraten. „Fragen Sie den Trainer.“ Aber immerhin erwähnte sie, dass der Spanier keine großen Umstellungen ihres Spiels von ihr verlange. „Es bleibt beim klassischen Lisicki-Spiel.“ Das ist für Rasentennis prädestiniert. Bomben-Aufschlag, harte Grundschläge mit der Vorhand und der Rückhand, gutes Gefühl für die Plazierung der Bälle.

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          Auf die Idee, Serve-and-volley zu spielen, würde sie wie fast alle Damen nie kommen. Aber, wenn es für den Punktgewinn nötig ist, dann fürchtet sie sich zumindest nicht davor, ans Netz zu gehen. Ihr Problem – wenn die Präzision fehlt, dann hat sie keinen Plan B. Sprich, sie ist kaum in der Lage, mit weniger riskanten Schlägen eine Gegnerin auszuspielen.

          Aber solange Plan A funktioniert, ist Sabine Lisicki eine äußerst undankbare Gegnerin. Die Misserfolge haben sie vorsichtig gemacht. Deshalb weigerte sie sich, Vergleiche zu ihren Leistungen anzustellen, die ihr 2013 die Finalteilnahme eingebracht hatten. „Ich habe sehr gut gespielt, mehr möchte ich nicht sagen. Vergleiche sind Sache der Journalisten.“ Dafür gab Samantha Stosur eine aufschlussreiche Antwort auf die Frage, was sie Sabine Lisicki noch zutraue: „Sie hat die Waffen, die allermeisten Spielerinnen im Feld zu schlagen. Wenn sie weiter so aufschlägt und so viel Selbstbewusstsein hat, bin ich wirklich gespannt, wie weit sie kommt.“

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