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Tennisturnier in Hessen : Wie viel Wimbledon steckt in Bad Homburg?

  • -Aktualisiert am

Sieht aus wie in Wimbledon: der Rasen des Bad Homburger Centre Courts Bild: Daniel Maurer

Der Weg der Tennisspielerinnen führt seit diesem Jahr über Bad Homburg nach Wimbledon. Der Ableger des Klassikers weist einige Ähnlichkeiten auf. Dennoch ist nicht alles wie in England.

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          Für die Tennisdamen führen viele Wege nach Wimbledon. Es gibt die alten Pfade über die englischen Vorbereitungsturniere in Nottingham, Birmingham und Eastbourne. Und es gibt die neue Deutschland-Route, die vor gut zwei Wochen in Berlin begonnen hat und über Bad Homburg zum Londoner Traditionsturnier führt. Also ist dieser Tage eine Reihe von jungen Damen im Kurpark aufgetaucht, so wie dereinst vor gut 150 Jahren englische Kurgäste, die ihre Rackets mitgebracht hatten und auf den Grünflächen Spielfelder absteckten.

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          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass in der Taunusstadt auch noch der erste Tennisverein auf dem europäischen Festland gegründet wurde, hat dem geschichtsbewussten All England Lawn Tennis and Croquet Club, der das Wimbledon-Turnier ausrichtet, auch imponiert. Also erkor der honorige Londoner Club Bad Homburg zu einer Art Außenstelle für eine Woche. Man nennt es „Boutique-Turnier“, weshalb Turnierdirektor Aljoscha Thron mit Überzeugung behauptet: „Wimbledon beginnt in Bad Homburg.“

          Da stellt sich die Frage, wie viel von dem Traditionsturnier in seinem hessischen Prolog steckt, dessen Premiere schon im Vorjahr hätte sein sollen, aber wegen der Pandemie verschoben werden musste. Nun finden die Bad Homburg Open in kleinerem Format als geplant statt – sofern es nicht regnet wie am Donnerstag, als der Turnierplan mächtig durcheinandergeriet und die Spiele letztlich ganz abgesagt werden mussten. Anders als Wimbledon besitzt Bad Homburg kein Dach über dem Rasenplatz, die Tribünen am Centre Court sind ein Provisorium und werden am Wochenende wieder abgebaut.

          Panamahüte und Erdbeeren

          Die Kisseleffstraße, die von der Kaiser-Friedrich-Promenade zum Hauptplatz führt, ist zwar nicht so prominent wie die Church Road, an der die Anlage des All England Club liegt. Doch bei gutem Tenniswetter wird die Straße zu einem Walk of Fame, spazieren doch gekürte Grand-Slam-Champions wie Angelique Kerber, Petra Kvitova und Viktoria Asarenka auf und ab. Für die 500 Meter vom Spielerhotel zur Anlage setzt sich keine Dame von Tenniswelt in eines der Fahrzeuge, die der Turnierveranstalter gemäß den Regularien als Shuttle zur Verfügung stellen muss. Wenn es regnet, igeln sich die Damen sowieso in ihrem Hotelzimmer ein und vertreiben sich die spielfreie Zeit.

          Am Ticketschalter angekommen, zeigt sich die erste Referenz an das berühmteste Tennisturnier der Welt: Ein Sponsor verteilt Panamahüte, so wie sie die Herren von Wimbledon an heißen Tagen gerne tragen. Was auch nicht fehlen darf: Erdbeeren. Im großzügigen VIP-Bereich vor dem Clubhaus des TC Bad Homburg werden sie von freundlichem Personal kredenzt.

          Ein Dach gibt es nicht. Wenn es regnet, muss eine Pause eingelegt werden.
          Ein Dach gibt es nicht. Wenn es regnet, muss eine Pause eingelegt werden. : Bild: Daniel Maurer

          Auf der anderen Seite des Centre Court, wo eine kleine Imbissmeile für gewöhnliche Karteninhaber eingerichtet ist, kostet das Schälchen sechs Euro. Kaum zu glauben, aber wahr: Wimbledon ist billiger, dort ist eine Portion Erdbeeren seit 2010 für 2,50 Pfund zu haben, umgerechnet rund drei Euro. Zum Preisvergleich noch eine Vermisstenmeldung: In Bad Homburg gibt’s keinen Pimm’s, also den legendären Londoner Cocktail, der zu Wimbledon gehört wie der spielfreie Sonntag mitten im Turnier. Stattdessen: Rheingauer Riesling und hessisches Bier. Dazu Brezel, Bratwurst, Burger und Roastbeef mit Aioli. Schmeckt nicht nach Wimbledon, aber gut.

          Merchandising-Produkte gibt’s in überschaubarer Zahl nur im Clubhaus zu kaufen, dort haben aber nur die wichtigsten Gäste Zugang. Turnierdirektor Thron spricht vom „Spagat zwischen exklusivem Boutique-Event und Massentauglichkeit“. Im nächsten Jahr, wenn die Corona-Beschränkungen hoffentlich gefallen, der Centre Court auf eine Kapazität von 3500 Zuschauern ausgeweitet und die beiden Nebenplätze vor dem Kaiser-Wilhelm-Bad für 900 Personen kostenfrei zugänglich sein werden, wird man sehen, wie der Spagat gelingt. An Tennisfans jeglicher Couleur sollte es im Rhein-Main-Gebiet und darüber hinaus nicht mangeln.

          Apropos Couleur: Weiß sind in Bad Homburg nur die Stühle, Tischdecken, Zelte sowie das Clubhaus. Die Spielerinnen laufen kunterbunt auf, einige wie Viktoria Asarenka, die sich am Donnerstag verletzt aus dem Turnier zurückzog, trugen auf dem Platz sogar viel Schwarz. So etwas würde es in Wimbledon, wo der nichtweiße Anteil an der Tenniskleidung geregelt ist, niemals geben. Warum duldet man es in der Bad Homburger Boutique? Turnierdirektor Thron hat auch darauf eine nachvollziehbare Antwort: „Wir sind nicht Kopie, sondern moderne Anlehnung.“ Eine Kopie ist nur der Rasen: Weidelgras, auf Lateinisch „lolium perenne“, acht Millimeter kurz geschnitten.

          Die täglich 600 zugelassenen Besucher zeigen sich zufrieden. Und was sagen diejenigen, um die sich alles dreht? „Ich habe nicht so einen guten Rasenplatz erwartet, weil es das erste Mal und nicht England ist“, sagt die zweimalige Wimbledonsiegerin Petra Kvitova aus Tschechien: „Ich kann das Turnier nur jedem empfehlen.“ Die Darmstädterin Andrea Petkovic meint: „Es ist alles mit viel Blick und Liebe fürs Detail organisiert.“ Ihre Landsfrau Laura Siegemund erklärt: „Wimbledon ist immer irgendwie etwas Besonderes.“ Und Bad Homburg? „Das Setting ist sehr angenehm, sehr familiär und schön – und zugleich professionell.“

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          Donnerstags um 12.00 Uhr

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          Angelique Kerber, bei den Bad Homburg Open nicht nur Teilnehmerin, sondern auch Turnierbotschafterin, wünscht sich: „Für mich ist es das Wichtigste, das jeder Spaß hat.“ Den hat das Publikum vor allem dann, wenn die Kielerin selbst erfolgreich das Racket schwingt. Vielleicht wieder an diesem Freitag, wenn das Wetter mitspielt. Und in den kommenden vier Jahren, wenn die Pandemie hoffentlich vorbei ist und sich das Boutique-Turnier in voller Entfaltung zeigt. Einen Hauch von Wimbledon hat es schon jetzt.

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