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Wimbledon : „Stan the Man“ ist wieder auf dem Radar

  • -Aktualisiert am

Wieder in Kämpferhaltung: Stan Wawrinka in Wimbledon Bild: AFP

Stan Wawrinka hat es einst mit den großen vier aufgenommen. Nach zwei Knieoperationen will er sich seinen alten Status zurückerobern. Einen ersten Schritt in die richtige Richtung ist er in Wimbledon gegangen.

          3 Min.

          Stan Wawrinka war schon immer ein besonderer Tennisspieler. Einer, der nie den Erwartungen anderer genügen wollte, sondern nur den eigenen. Einer, der seinen Weg lieber selbst sucht, als andere zu fragen, auch wenn er schon mal an einer Abzweigung stand und nicht richtig weiterwusste. Und so dauerte es etwas länger, bis er ans Ziel gelangte: Der in Lausanne geborene Schweizer war fast 29, als er sein erstes Grand-Slam-Turnier gewann, die Australian Open 2014. Mit 30 triumphierte er in Paris, mit 31 bei den US Open. Er könnte in Wimbledon also seinen Karriere-Grand-Slam vollenden, etwas, was nur acht Spielern vor ihm gelungen ist. Aber das war vor Wawrinkas erstem Match auf dem heiligen Rasen nicht das Thema. In der Tennisbranche wurde stattdessen die Frage diskutiert: Kommt Wawrinka überhaupt noch einmal auf die Beine? Nach zwei Operationen am linken Knie im vergangenen Herbst, um einen Knorpelschaden zu beheben, gestaltete sich das Comeback des Schweizers als überaus zäh und schwierig. Fünf Siegen standen 2018 acht Niederlagen gegenüber.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Das wird auch in Wimbledon nichts, lautete die einhellige Expertenmeinung, als Wawrinka Grigor Dimitrow als Auftaktgegner vorgesetzt bekam, den Sieger des ATP-Finales 2017 und an Position sechs. Als der Bulgare den ersten Satz 6:1 gewonnen hatte, schienen sich die Expertisen schon so gut wie erfüllt zu haben. Doch knapp zweieinhalb Stunden später hieß der Sieger Wawrinka, der die folgenden Sätze 7:6, 7:6, 6:4 für sich entschieden hatte. Und sein Kommentar zum unerwarteten Coup auf dem Centre Court, seinem ersten seit über einem Jahr? „Ja, es war ein großer Sieg heute, aber das ist nicht, was ich will. Ich will mehr!“

          Emotionaler Druckausgleich

          Der Schweizer, der am Donnerstagnachmittag gegen den Italiener Thomas Fabbiano antreten muss, will im Alter von 33 Jahren jenen Status zurück, den er sich so spät erkämpft hatte – als Weltklassespieler, der das Zeug dazu hat, auch die Allergrößten zu schlagen. Wenn Wawrinka seine Dämonen im Kopf in Zaum hält, dann kann er sein Spiel in Höhen treiben, in denen sonst nur die Tennis-Götter Federer, Nadal, Djokovic und Murray verweilen. „Ich bin sehr hart zu mir selbst, ich verlange sehr viel von mir“, beschrieb er sich einmal in einem Interview mit der Schweizer Illustrierten. „Manchmal komme ich damit sehr gut zurecht, manchmal weniger.“ Von gezischter Selbstbeschimpfung bis lauten Wutausbrüchen reicht sein Repertoire für den emotionalen Druckausgleich. Auch musste schon so mancher Schläger dran glauben: „Manchmal zertrümmere ich einen Schläger, und ich merke dann: Jetzt ist der ganze Frust weg. Es fühlt sich an wie Durchatmen. Dann gibt es aber Momente, wo der Frust so groß ist, dass ich auch mit einer solchen Aktion nichts daran ändere. Wenn mein Frust auf der Spitze ist, geht es mir oft noch wie ein Blitz durch den Kopf: Lass das Racket sein! Aber meist ist es dann schon zu spät.“

          Schlag für Schlag zurück zu alter Stärke: Stan Wawrinka
          Schlag für Schlag zurück zu alter Stärke: Stan Wawrinka : Bild: AFP

          Genügt Wawrinka allerdings seinen eigenen Ansprüchen, dann wird er zu „Stan the Man“, zu einem robusten Kämpfer, der auch mental einen Gegner niederringen kann. Wie Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel hat der Tennisstar eine Geste mit dem Zeigefinger als Markenzeichen entwickelt. Während der Deutsche den rechten Zeigefinger keck nach oben zu strecken pflegt, legt ihn der Schweizer an die Schläfe – als Aufforderung an sich selbst, immer die richtigen Schlüsse zu ziehen.

          In den vergangenen Monaten musste Wawrinka lernen, gnädiger mit sich umzugehen. Zumindest nach außen hin gelang es ihm. Nach jeder bitteren Niederlage sprach er davon, dass er die Geduld aufbringe, Schritt für Schritt zu gehen. Dass er nicht erwarte, nach einer guten Trainingswoche gleich ein Turnier zu gewinnen. Aber es gab auch Momente in der Öffentlichkeit, in denen er zweifelte: „Ich weiß nicht, ob es wieder so wird wie früher.“ Unmittelbar nach den Knieoperationen, als er an Krücken ging, war Wawrinka am Boden. Und die ersten Trainingswochen fielen ihm schwer. Nicht, dass es ihm an Motivation mangelte, aber die Erkenntnis, wie viel ihm zur alten Klasse fehlte, drückte ihn nieder. „Ohne meinen Trainer Yannick Fattebert hätte ich vielleicht aufgegeben“, räumte Wawrinka ein.

          Neue Zuversicht und Kraft gab ihm zudem die Rückkehr seines alten Trainers Magnus Norman, der ihn zu den drei Grand-Slam-Titeln geführt hatte. Dass der Schwede zum Zeitpunkt seiner Knieoperationen die Zusammenarbeit mit ihm beendet hatte, war für Wawrinka quasi Verrat. Nach einer Aussprache arbeiten die beiden wieder zusammen und die Fortschritte im Training machten Wawrinka so glücklich, dass die schlechten Turnierergebnisse ihm nichts anhaben konnten.

          Auf sein Erblühen in Wimbledon wies nichts hin. Noch vor einer Woche schien Andy Murray auf seinem Weg zurück zur Spitze weiter zu sein als der Schweizer. In Eastbourne gewann der Schotte das Duell gegen Wawrinka 6:1, 6:3. Jetzt fehlt Murray, weil seine Hüftbeschwerden wieder einsetzten, und Wawrinka sorgt für positive Schlagzeilen. Ob ihn Dimitrow unterschätzt habe und er froh sei, nun ein wenig unterhalb der Radarschirme Tennis zu spielen? „Ich war die Nummer drei der Welt, das habe ich genossen, da will ich wieder hin. Unter dem Radar zu spielen, ist nicht das, was ich will.“

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