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Wimbledon : Boris Beckers verräterische Augenbrauen

Sieht er die Signale? Boris Becker sucht manchmal Kontakt zu Novak Djokovic Bild: Reuters

Boris Becker soll Novak Djokovic coachen – durch Gesten und Mimik. Doch das ist bei Grand-Slam-Turnieren verboten. Mogeln beide also? Philipp Kohlschreiber jedenfalls ist in der ersten Wimbledon-Runde gegen Djokovic chancenlos.

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          Hat er da etwa die linke Augenbraue hochgezogen? Und was steckte hinter diesem Beifall, gar dem verräterischen Nicken? Boris Becker wird die besondere Beachtung, die ihm beim ersten Spiel auf dem Centre Court des Wimbledon-Turnieres 2015 zuteil wurde, im Zweifel genossen haben. Unten spielte sein Arbeitgeber, der Titelverteidiger Novak Djokovic, gegen den Augsburger Philipp Kohlschreiber, den Pechvogel der Veranstaltung.

          Peter Penders

          Stellvertretender verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Denn als Nummer 33 der Weltrangliste war der Deutsche der erste Spieler, der nicht zu den gesetzten Akteuren gehörte, und der Spanier David Ferrer hatte sich am Sonntag eine Stunde zu spät verletzt abgemeldet – anderenfalls wäre Kohlschreiber doch noch in die Setzliste gerutscht. Und während er sich bei der 4:6-, 4:6- und 4:6-Niederlage trotz einer guten Vorstellung vergeblich bemühte, Djokovic irgendwie beizukommen, stand sein ungleich berühmterer Landsmann ganz besonders im Blickfeld, was dem ja meistens gut gefällt.

          Coacht also Boris Becker etwa verbotenerweise mit geheimen Zeichen während der Partie? 30 Jahre ist es jetzt her, dass Boris Becker 1985 selbst in Wimbledon triumphiert hat, und zu diesem Jubiläum hat der immer noch jüngste Sieger in der Geschichte des Turniers ein Buch für den englischen Markt herausgebracht. So ein Erzeugnis braucht natürlich Publicity, und wie man so etwas am treffsichersten anstellt, muss Becker niemand erzählen.

          Er kann da auf eine ganze Reihe an sicheren Erfahrungswerten zurückgreifen, wie man im Gespräch bleibt. Wie der Boulevard funktioniert, wie die englischen Zeitungen jedes Thema vor Beginn des Wimbledon-Turniers bereitwillig aufnehmen, weiß er bestens, und deshalb wird er nicht besonders überrascht gewesen sein über die Schlagzeilen des Wochenendes. Denn plötzlich hieß es, dass Becker und Djokovic vielleicht mogeln würden.

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          Eine erstaunliche These, nachdem Becker nur eines der am schlechtesten gehüteten Geheimnisse der Branche in einem Interview mit einem der BBC-Sender ausgeplaudert habe. Es gibt also tatsächlich verabredete Zeichen an den Spieler, es gibt tatsächlich eine kleine, winzige Möglichkeit, aus der Trainerbox Einfluss zu nehmen!

          Dies weiß allerdings jeder auch nur einigermaßen am Tennis interessierte Fan selbst in Deutschland, seit Becker höchstselbst einst Wimbledon eroberte – sein damaliger Trainer Günther Bosch verriet es ja schon vor 30 Jahren. Also, sagte nun Becker über seine Arbeit als Trainer, es gehe darum, den Spieler zu unterstützen und zu führen, ihm Ratschläge zu geben. Das aber ist im Regelwerk, warum auch immer, der Grand-Slam-Turniere ganz besonders untersagt, ansonsten ist es nur verboten – aber geahndet wird es nur in Ausnahmefällen.

          Fokussiert und siegreich: Novak Djokovic in Wimbledon

          Bei den Turnieren der WTA-Tour der Damen darf ein Trainer dagegen sogar einmal pro Satz auf den Platz zu seiner Spielerin gehen und das tun, wofür er im Grunde bezahlt wird, und was bei jeder anderen Sportart üblich ist.

          „Mir muss während eines Spiels niemand sagen, wo ich einen Aufschlag hin spielen soll“, sagt Djokovic zu seiner eigenen Verteidigung, von mogeln oder betrügen könne keine Rede sein. Ihm gehe es mehr um eine moralische Unterstützung, um Ansporn oder Bestätigung, und da liegt Djokovic auf einer Linie mit all seinen Kollegen, wenn sie während einer Partie in ihre Spielerbox blicken. Häufig dient der Coach dann auch nur als Blitzableiter und muss die Beschimpfungen seines unzufriedenen Spielers ertragen, als habe er selbst die Bälle gerade reihenweise verschlagen.

          Es reicht nicht: Philipp Kohlschreiber verliert in der ersten Wimbledon-Runde

          Zwei große Ausnahmen gibt es da: Rafael Nadal würde seinen Trainer nie anmotzen – es ist schließlich sein Onkel Tony, und er liefe ansonsten auch Gefahr, dass sein Coach einfach nach Hause gehen würde. Und Roger Federer ist das Ganze vermutlich ohnehin egal – er blickt fast nie zu seiner Crew. Erstaunlich ist ohnehin weniger die Diskussion darüber, dass es da verabredete Zeichen gibt, sondern viel eher die Tatsache, dass die ganze Geschichte so ausdrücklich untersagt ist. Im Golf etwa, das in Sachen Etikette auf einem ganz anderen Level rangiert als das heutige Profitennis, ist der Caddy nicht nur der Schlägertrainer, sondern auch erster Ratgeber für den Sportler.

          Merkwürdig genug also, dass dem Tennistrainer verboten ist, seiner Arbeit auch dann nachzugehen, wenn seine Unterstützung am wichtigsten wäre. Bogdan Obradovic, der Daviscup-Kapitän der serbischen Mannschaft, fand dabei sogar, dass Becker da im Finale der French Open keine gute Hilfe gewesen sei. Er habe eine negative Energie verbreitet, denn in Beckers Gesicht habe Enttäuschung und fast schon Desinteresse gestanden, hatte Obradovic nach der Endspielniederlage von Djokovic gegen Stan Wawrinka gesagt. Über diese Art der demotivierenden Mimik sagt das Regelwerk im übrigen nichts aus. Vorhersagen darf man aber, dass über das Coaching nun nicht mehr geredet werden wird. Das Turnier hat begonnen.

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