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Djokovic nach Wimbledon-Sieg : Auf dem Olymp

  • -Aktualisiert am

Zum 20. Mal gewinnt Novak Djokovic einen Titel bei einem Grand-Slam-Turnier. Bild: AP

20 – 20 –20: Novak Djokovic zieht durch seinen Wimbledon-Sieg bei der Anzahl der gewonnenen Grand-Slam-Titel mit Roger Federer und Rafael Nadal gleich. Am Ziel ist der Serbe aber noch nicht.

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          Im Prinzip hat jener Abend im August 2013, an dem sich eine illustre Gruppe der allerbesten Tennisspieler im Ballsaal des New Yorker Waldorf Astoria versammelte, mit der Gegenwart und den jüngsten Ereignissen in Wimbledon nicht viel zu tun. Damals feierte die ATP 40 Jahre Computer-Weltrangliste und hatte alle Spieler eingeladen, die in ihrer Karriere am Ende eines Jahres an der Spitze dieser Rangliste gestanden hatten.

          Nostalgiker blickten auf das Trio McEnroe, Borg und Connors, nebeneinander sitzend auf dem Podium, aber mindestens genau so viele Blicke zog eine zeitgenössische Dreifaltigkeit an, Novak Djokovic, Rafael Nadal und Roger Federer. Djokovic war damals 26, Federer schon über 30 und sah in einem fantastisch sitzenden grauen Anzug mit schmaler, grau gestreifter Krawatte umwerfend aus.

          Er will besser sein als sie

          Und so wie damals im Waldorf Astoria auf dem Podium thronen die Herren nun auf dem Olymp. Mit seinem sechsten Titel in Wimbledon schloss Novak Djokovic zu den beiden auf, und mindestens zwei Monate lang werden sie auf einer Höhe sein. 20 – 20 – 20, zusammen unglaubliche 60 Grand-Slam-Titel für die Besten aus fast zwei Jahrzehnten. Djokovic hat nie ein Hehl daraus gemacht, was es ihm bedeuten würde, die Konkurrenten einzuholen, und es ist ebenso kein Geheimnis, dass er besser sein will als sie.

          Blickt man auf das Jahrzehnt seit 2011, dann ist er das sowieso. In dieser Zeit gewann er 19 seiner 20 Grand-Slam-Titel, Nadal holte elf, Federer vier. In der Diskussion, wer der Beste sei, den das Männertennis je sah, die in englischsprachigen Nationen unter dem Kürzel GOAT geführt wird (greatest of all time), geht es nicht nur um Zahlen, doch es kann sein, dass sich das bald ändern wird. Gewinnt Djokovic in ein paar Wochen bei den US Open Titel Nummer 21, dann erledigt sich die Diskussion. „Dann ist es vorbei“, sagt Goran Ivanisevic, der seit zwei Jahren zum Team des Serben gehört und der ihn nun zum zweiten Mal in Wimbledon siegen sah. „Für mich ist Novak der Größte, der Beste. Darüber muss ich nicht diskutieren. Er ist der Einzige, der vier nacheinander im selben Jahr gewinnen kann.“

          Spendabler Sieger: Novak Djokovic punktet in Wimbledon auch nach dem letzten Match.
          Spendabler Sieger: Novak Djokovic punktet in Wimbledon auch nach dem letzten Match. : Bild: EPA

          Vier nacheinander im selben Jahr, die Titel in Melbourne, Paris, Wimbledon und New York – der Grand Slam. Seit Rod Laver, dem das zweimal gelang, 1962 als Amateur und 1969 in der neuen Profizeit, gab es keinen Mann, der die ersten drei großen Titel eines Jahres schnappte; bis zum 11. Juli 2021, bis zum Sieg von Djokovic auf dem Rasen Wimbledons. Aber man sollte sich nicht täuschen; mit jedem Schritt der Annäherung wird das große Ziel noch ein bisschen größer werden, wird die Nervosität steigen, wird der Druck der eigenen Erwartungen an Gewicht zulegen.

          Um das zu wissen, genügt die Erinnerung an das Jahr 2015, als Serena Williams mit der gleichen Aussicht und ähnlich himmelhohen Erwartungen in die US Open startete, nachdem sie zuvor die drei anderen Grand-Slam-Titel gewonnen hatte. Doch als es so aussah, der Gipfel sei zum Greifen nah, verlor sie im Halbfinale gegen die Italienerin Roberta Vinci, damals Nummer 47 der Welt. Und Stefanie Graf, die den bis dato letzten Grand Slam der Geschichte des Tennis 1988 zusammenfügte, gab nach dem historischen Endspiel zu, sie sei mit einem Kribbeln in der Magengegend aufgewacht, einem Gefühl wie noch nie.

          Olympia-Teilnahme fraglich

          Stefanie Graf gelang bekanntlich nicht nur der größte aller Schläge, sie gewann drei Wochen nach dem Sieg in New York die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in Seoul. Der Golden Slam. Als Djokovic vor seinem ersten Spiel in Wimbledon in einem Interview mit dem US-amerikanischen Sportsender ESPN gefragt wurde, was er lieber haben würde, den Grand Slam oder eine Goldmedaille, antwortete er, noch bevor die Frage beendet war: „Beides“. Aber die Chancen, dass es dazu kommen könnte, sind nicht gestiegen. Die neuesten Entwicklungen in Tokio, die triste Aussicht, ohne Zuschauer spielen zu müssen und auch kaum andere Wettbewerbe sehen zu können, hätten ihn ins Grübeln gebracht, sagte er am Abend seines Sieges in Wimbledon. „Mein Plan war immer, zu den Olympischen Spielen zu fahren, aber jetzt bin ich hin- und hergerissen. Es steht 50:50 nach allem, was ich zuletzt gehört habe.“

          Rafael Nadal, der 2008 in Peking Gold gewonnen hatte, hatte schon vor ein paar Wochen mitgeteilt, er werde nicht in Tokio starten, Roger Federers Entscheidung steht noch aus. Und was für Djokovic auch eine Rolle spielen könnte: Im Gegensatz zu Stefanie Graf, die damals zuerst den Grand Slam, dieses kostbare Kunstwerk, signierte und dann zu den Olympischen Spielen flog, gibt es nun die umgekehrte Reihenfolge, und Tokio könnte vieles gefährden, was in New York möglich ist.

          Nachdem er nun also neben Nadal und Federer auf dem Olymp hockt und beste Aussichten bestehen, dass er die beiden überholen kann, nachdem er länger an der Spitze der Weltrangliste steht als je ein Mann zuvor in diesem Sport, nachdem er dreimal gegen Federer in Wimbledon gewann, zweimal gegen Nadal in Paris und gegen beide eine positive Bilanz hat, wäre der Gewinn des Grand Slam das ultimative Argument für Djokovic. Betrachtet man die Geschichte aber ganzheitlich und blickt auf 20 – 20 – 20, diese magische Kombination, da kann man es nur mit Pete Sampras halten, dessen 14 Grand-Slam-Titel einst als unverrückbarer Wert galten.

          „Ich kann einfach nur staunen über diese Generation“, sagte der Amerikaner kürzlich in einem Gespräch mit der „New York Times“. „Wenn Sie mich nach meinem 14. gefragt hätten, ob mich drei Typen innerhalb der nächsten 15 bis 19 Jahre überholen könnten, dann hätte ich gesagt: Niemals.“ Sampras fehlte damals, als im Waldorf Astoria gefeiert wurde und als Djokovic in einer Reihe neben Nadal und Federer Platz genommen hatte. Inzwischen steht der Stuhl des Serben zwei Handbreit davor.

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