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Wimbledon : Raonic fordert die üblichen Verdächtigen

  • -Aktualisiert am

Hallo, Halbfinale! Milos Raonic hat in Wimbledon Chance auf den großen Titel. Bild: AP

„Zack, Bumm, Peng!“: Zum brachialen Gewalttennis von Milos Raonic hat sich zuletzt eine gewisse Finesse gesellt. Im Halbfinale von Wimbledon ist der Kanadier reif, Murray, Federer oder Berdych zu schlagen. Das liegt auch an seinem Trainer.

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          Die größte Überraschung am Wimbledon-Halbfinale der Herren ist die Tatsache, dass Novak Djokovic nicht daran beteiligt ist. Seit Paris 2010 war das dem Weltranglistenersten aus Serbien bei den Grand Slams der folgenden sechs Jahre nur einmal passiert. Nach vier Grand-Slam-Titeln 2015/16 am Stück machten ihn die Buchmacher natürlich zum großen Turnierfavoriten. Die Siegquote vor dem ersten Ballwechsel auf der Anlage des All England Lawn Tennisclubs lag bei 18:10.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Sein Scheitern in der dritten Runde an dem Amerikaner Sam Querrey empfanden die Konkurrenten wie eine Befreiung. Ihre Chancen auf den Triumph verbesserten sich dadurch dramatisch. Die größten werden jetzt dem Lokalhelden Andy Murray zugeschrieben – 16:10, Altmeister Roger Federer steht bei 36:10, der Aufsteiger des Jahres, Milos Raonic, bei 75:10 und der ewige Herausforderer Tomas Berdych bei 170:10.

          Längst nicht mehr der Unvollendete

          Ob der Spielplan ein Match von Murray vorsieht, lässt sich schon in der Nacht zuvor an der Länge der Schlange vor der Anlage ablesen. Der 29 Jahre alte Schotte begeistert die Massen noch mehr, seitdem er es immer häufiger schafft, ihre Erwartungen zu erfüllen. Olympiasieg 2012 in London, New York 2012, Wimbledon 2013 und Davis Cup 2015: Murray ist längst nicht mehr der Unvollendete, der er zu werden drohte.

          Keiner ist fitter als er (Djokovic hat das gleiche Level), keiner bereitet sich konsequenter vor, keiner ordnet so konsequent sein Leben dem Tennis unter. Und seit den Triumphen führt sein absoluter Siegeswille auch nicht mehr zu Verkrampfungen im Spiel, wenn es eng wird. Gegen Krygios im Achtelfinale und Tsonga im Viertelfinale zeigte er großes Tennis, variabel, inspiriert, druckvoll. Murray macht nicht den Eindruck, als würde er sich auf seiner Mission zweiter Wimbledonsieg von irgendjemanden oder irgendetwas abbringen lassen.

          Schon gar nicht von Tomas Berdych. Der 30 Jahre alte Tscheche gilt als einer der besten Spieler in der Tennis-Geschichte, die nie einen Grand Slam gewonnen haben. Seit 2010 gehört er ununterbrochen zu den Top Ten, stand auch schon einmal in einem Grand-Slam-Endspiel. Aber eine Kleinigkeit hat Berdych immer gefehlt, um nicht nur die Hand nach dem großen Titel auszustrecken, sondern die Trophäe auch zu packen. Er glaubt, mit 30 endlich reif zu sein: „Ich habe jetzt die Kraft, die Großen nicht nur am Anfang eines Turniers zu schlagen, sondern auch am Ende.“

          Berdych hat sie alle schon geschlagen, Djokovic, Murray, Federer – und gerade gegen Murray ist seine Bilanz mit 6:8-Siegen gar nicht schlecht. Aber dennoch erwartet kein Experte, dass der Tscheche seinen Weg, der bisher nicht allzu schwierig war (der Hamburger Alexander Zverev war als 28. der Weltrangliste der ranghöchste Gegner), wird fortsetzen können. Berdych fehlt die Fähigkeit, sich in eine Aufgabe zu verbeißen, einen Gegner niederzuringen.

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          Niederringen, das musste Roger Federer den Kroaten Marin Cilic, ehe er ins Halbfinale einziehen konnte. Plan A funktionierte nicht, Cilic durch extrem kurze Ballwechsel aus dem Rhythmus zu bringen. Und Plan B drohte auch zu scheitern, als er es mit weniger Risiko versuchte. An Cilic prallte alles ab. Doch der fast 35 Jahre alte Schweizer ließ nicht locker, wehrte drei Matchbälle ab und drehte mit einer ungeheuren Kraft- und Willensleistung dieses Match. Eine Vorstellung, die keinen Vergleich mit denen, die ihm in der Vergangenheit Titel einbrachten, scheuen muss. Kein Zweifel, Federer kann noch so gut wie immer spielen. Die Frage lautet: Kann er es jeden Tag, oder benötigt sein Körper längere Ruhepausen, als es der Spielplan gestattet?

          Gegen Milos Raonic wird es eher noch schwerer werden als gegen Cilic. Der 25 Jahre alte Kanadier stand schon 2014 gegen Federer im Wimbledon-Halbfinale und erfüllt seit diesem Jahr alle Versprechen, die dieser frühe Erfolg verhieß. Seit der frühere Weltklassespieler Carlos Moya zu seinem Trainerteam gehört, hat sich zu seinem brachialen Gewalttennis eine gewisse Finesse gesellt. „Zack, Bumm, Peng“, so bezeichnete ein Fernsehkommentator einmal die Taktik des Aufschlagwunders aus Kanada. Seit 2016 gehört manchmal auch ein „Oh lala“ dazu.

          Und seitdem auch noch John McEnroe vor ein paar Wochen zu ihm als Trainer stieß, hat sich die letzte kleine Schwäche Raonics verflüchtigt: „John sagte mir, ich müsse an meinem Auftreten auf dem Platz arbeiten, mehr Präsenz zeigen. Ich spiele jetzt die wichtigen Bälle viel bewusster, ich lasse sie nicht mehr über mich ergehen.“ So lief das in etwa vor zwei Jahren, als er im Halbfinale an Federer scheiterte. Diesmal fühlt er sich viel besser auf das große Spiel vorbereitet: „Ich habe mich seitdem in jedem Bereich verbessert, physisch, mental. Ich weiß jetzt in jedem Moment, was ich auf dem Platz zu tun habe. Und ich weiß, was ich ändern muss, wenn es nicht läuft.“ Das kann Roger Federer nur als Drohung begreifen.

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