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Gilles Muller in Wimbledon : Mit der Gelassenheit eines Stoikers

  • -Aktualisiert am

Langer Atem: Gilles Muller setzt sich im fünften Satz 15:13 durch. Bild: Reuters

Mit 34 Jahren spielt Gilles Muller die beste Saison seiner Karriere. In Wimbledon gelingt ihm die größte Überraschung. Nun trifft er im Viertelfinale auf einen alten Bekannten.

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          Seit Jahren wartet die Tenniswelt auf den Durchbruch einer neuen Generation. Seit Rafael Nadal im Mai 2005 in Paris sein erstes Grand-Slam-Turnier gewann, rissen sich er und seine drei Kollegen, Roger Federer, Novak Djokovic und Andy Murray 43 von 48 Titeln unter den Nagel. Und auch die drei Außenseiter, die diese Endlosserie unterbrachen, Juan del Potro, Marin Cilic und Stan Wawrinka, gehören ihrer Altersgruppe an. Als die alten Größen in der ersten Wimbledon-Woche in alter souveräner Manier aufspielten, konnte sich niemand vorstellen, dass jemand außerhalb ihres Kreises einen von ihnen bezwingen könnte.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Aber dann ereignete sich am Montag doch die große Überraschung. Rafael Nadal erwischte es im Achtelfinale. Aber nicht gegen einen der jungen Herausforderer, sondern gegen einen drei Jahre älteren Luxemburger, den er schon seit mehr als einem Jahrzehnt von der ATP-Tour kennt. Gilles Muller, 34, rang ihn in einem epischen Match quasi nieder und nutzte nach 4:48 Stunden seinen fünften Matchball zum 6:3-6:4-3:6- 4:6-15:13-Triumph.

          Einem Jungprofi wäre es nach diesem Spielverlauf wahrscheinlich nicht gelungen, das Denkmal noch vom Sockel zu stoßen. Viele genießen eine große Stunde, indem sie über ihre Verhältnisse spielen oder den Star in einem schwachen Moment antreffen. Wenn dann aber der Favorit zu seiner wahren Form findet und nach Sätzen ausgleicht, dann brechen die meisten ein. Muller nicht. Er gab im fünften Satz keinen Fußbreit nach, fand die ideale Mischung aus Risikobereitschaft und ruhiger Konzentration.

          Am Ende gab Nadal zu: „Er hat den Sieg mehr verdient als ich, er hat im fünften Satz besser gespielt.“ Während Muller seinen Aufschlag meist recht problemlos durchbrachte, hatte der Spanier oft zu kämpfen, bis er das Break vermieden hatte: „Ich spielte von Anfang an gegen das Ergebnis an. Irgendwann musste es einmal nicht mehr reichen. Irgendwie war es logisch, dass ich verlor, nachdem ich meine wenigen Chancen nicht nutzen konnte.“

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          Das Publikum auf dem Centre Court tat alles, um seinen erklärten Liebling im Turnier zu halten. Doch der Luxemburger ließ sich von der einseitigen Unterstützung für Nadal nicht beeindrucken. Erst ganz am Ende des Spiels hatte er sich den Respekt der Zuschauer erspielt. Beide wurden mit stehend dargebrachten Ovationen verabschiedet. „Ein wunderbarer Moment“, sagte Muller immerhin, der ansonsten dem größten Abend seiner Karriere mit der ganzen Gelassenheit eines Stoikers begegnete. Seit dem Jahr 2000 wird der Luxemburger als Tennisprofi geführt, er musste 33 Jahre alt werden, ehe er sein erstes Turnier der ersten Klasse auf der ATP-Tour gewann.

          Das war in diesem Januar in Sydney. Der Erfolg bildete den Auftakt zum besten Jahr seiner Karriere. Seine herausragenden Auftritte in Wimbledon kündigten sich schon bei den Vorbereitungsturnieren auf Rasen an. Muller gewann das Turnier von s’Hertogenbosch, wobei er im Halbfinale Alexander Zverev schlug. In Queens unterlag er dem US-Open-Sieger von 2014, Marin Cilic, im Halbfinale nur äußerst knapp in drei Sätzen. Der Kroate wird nun auch im Viertelfinale von Wimbledon sein Gegner sein.

          „Ich vertraue endlich meinem Körper“

          Rasen war schon immer Mullers Lieblingsbelag. Er kommt seinem Spiel, das von harten Aufschlägen und sicheren Volleys geprägt ist, am meisten entgegen. Dennoch kam er bisher in Wimbledon nie über die dritte Runde hinaus. Seine Erklärung für die unverhoffte Steigerung im Spätherbst seiner Karriere: „Ich vertraue endlich meinem Körper.“ Im Nachhinein sei eine langwierige Ellbogenverletzung 2013/14 das Beste gewesen, was ihm hätte passieren können.

          „Ich konnte keinen Schläger anfassen, aber ich konnte hart an meiner Physis arbeiten. Und das habe ich getan.“ Das Bewusstsein, im Zweifel die bessere Kondition als der Gegner zu haben, gab ihm einen Schub an Selbstvertrauen und Sicherheit. Vor der Verletzung war Rang 54 seine beste Jahresendplazierung in der Weltrangliste gewesen. Danach stieg er sofort von Rang 366 auf 47 auf. Vor Wimbledon wurde er auf Position 26 geführt und wird weiter vorrücken.

          Rafael Nadal hat Muller mit seinen Fähigkeiten schon länger beeindruckt: „Mich hat es nicht überrascht, wie gut er spielte. Gegen einen Spieler wie ihn darf man keine Probleme mit sich selbst haben, und die hatte ich am Anfang.“ Der Spanier fand recht schnell wieder die Fassung nach seiner Niederlage, für die es keine Vorzeichen gegeben hatte. Seine drei Vorstellungen in der ersten Woche waren makellos gewesen. „Vielleicht war er am Anfang noch etwas benebelt“, sagte Muller mit süffisantem Lächeln.

          Der Luxemburger spielte auf eine Szene unmittelbar vor Betreten des Platzes an. Beim Warmmachen im Kabinengang stieß sich Nadal den Kopf an einem Türrahmen an, als er hochsprang. Unmittelbar nach dem Unfall lachte Nadal darüber, spätere Nachfragen waren ihm etwas unangenehm. „Nein, da war nichts, darüber gibt es nichts zu reden“, brummte er. Was wichtiger war: Seine lädierten Knie überstanden die fast fünfstündige Tortur auf dem Centre Court: Nadal kündigte an: „Ich werde wiederkommen.“

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