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Finale in Wimbledon : Serena Williams und der Weg zum Ich

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Holt sie ihren 24. Grand-Slam-Titel? Serena Williams Bild: AP

Zum dritten Mal seit der Geburt ihrer Tochter spielt sie um einen Grand-Slam-Titel. Zwei Niederlagen musste Serena Williams hinnehmen. Nun soll in Wimbledon alles besser werden. Ein Sieg wäre ein ganz besonderer.

          Manchmal kann sie bemerkenswert offen und ironisch sein. Serena Williams war gerade dabei, über eine gewisse Ruhe zu reden, mit der sie ins letzte Spiel gegangen sei und an die sie sich auch von ihrem ersten Finale in Wimbledon 2002 erinnere, doch auf den Vorschlag, darin ein gutes Zeichen zu sehen, ging sie nicht ein. „Ich war heute ruhig“, meinte sie stattdessen und machte eine kleine, ausdrucksstarke Pause.

          Die Bilanz von Simona Halep gegen Williams ist mit 1:9 eher bescheiden, doch ihre enorm gute Fitness könnte ihr einen Vorteil verschaffen.

          „Solche Dinge sind bei mir nicht jeden Tag gleich. Das wissen wir doch alle. Ich bin weit davon entfernt, perfekt zu sein.“ Subtiler hätte sie kaum an die Ereignisse im bis dahin letzten Finale ihrer glorreichen Karriere erinnern können, an das Spiel um den Titel bei den US Open im vergangenen Jahr. An ihre lautstarken Auseinandersetzungen mit dem Mann auf dem Schiedsrichterstuhl und an das ganze, unerfreuliche Durcheinander bei der Niederlage gegen Naomi Osaka.

          Sie findet heute noch, damals extrem ungerecht behandelt worden zu sein, aber das nur nebenbei. Im hier und jetzt macht die erfolgreichste und schillerndste Tennisspielerin der Geschichte dieser Tage in Wimbledon einen vergleichsweise entspannten Eindruck. Woran zum einen die ebenso auflockernden wie bereichernden Spiele im gemischten Doppel an der Seite von Andy Murray einen Anteil haben und zum anderen das gute Gefühl, mit jeder Partie besser in Form gekommen zu sein.

          Als das Turnier begann, hatte sie nicht mehr als ein Dutzend Spiele aus diesem Jahr in den Beinen; einmal hatte sie aufgeben müssen, zweimal hatte sie mit Schmerzen im Knie nicht zur nächsten Partie antreten können. Doch nach der zweiten Runde in Wimbledon und den Schwierigkeiten mit einer 18 Jahre alten Qualifikantin fühlte sie sich von Tag zu Tag besser und sicherer, bis hin zum höchst souveränen Sieg im Halbfinale in weniger als einer Stunde gegen Barbora Strycova.

          Keine Erinnerung an das Finale gegen Kerber

          Vor ein paar Wochen nach ihrer Niederlage in der dritten Runde der French Open hatte Serena Williams gesagt, sie hoffe, dass die Zeit bis Wimbledon reiche, um fit zu werden. Wenn sie nun also verkündet, irgendwie spiele sie für alle, die die positive Entwicklung vor einem Monat nicht prophezeit hätten, dann spielt sie an diesem Samstag (15.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zu Wimbledon und bei Sky) im Finale gegen Simona Halep in mehr als nur einer Hinsicht auch für sich. Es ist das dritte Spiel um einen großen Titel seit der Geburt ihrer Tochter Olympia im September 2018. An das Titelspiel vor einem Jahr gegen Angelique Kerber hat sie offenbar keine allzu konkreten Erinnerungen. „Ich weiß nur, dass ich müde war und dass Angie unglaublich gespielt hat. Ich war zwar traurig, aber auch stolz auf mich, weil ich alles getan hab, was ich tun konnte. Ich war einfach körperlich nicht auf der Höhe.“

          Im berüchtigten Finale ein paar Wochen später bei den US Open gegen Naomi Osaka schien sie vor allem mental überfordert zu sein, und deshalb kann es sicher nicht schaden, wenn sie nun feststellt, in gewisser Weise an einem anderen, ruhigeren Ort zu sein. „Damals dachte ich, ich hätte nichts zu verlieren. Diesmal habe ich Dinge zu verlieren, aber andererseits auch nicht. Ich hab das Gefühl, irgendwo in der Mitte zu sein.“

          Vor 17 Jahren gewann Serena Williams ihren ersten Titel in Wimbledon gegen die Titelverteidigerin aus der Familie, ihre Schwester Venus, im Laufe der Jahre kamen sechs weitere dazu, zuletzt 2016 im ersten der beiden Endspiele gegen Kerber. Nur drei von neun Endspielen verlor sie: 2004 gegen Maria Scharapowa, vier Jahre später gegen Venus und gegen Kerber im vergangenen Jahr. Damals wie diesmal geht es auch um den ominösen 24. Titel bei einem Grand-Slam-Turnier, mit dem sie die alte Bestmarke der Australierin Margaret Court erreichen würde. Ob man ihr wirklich glauben soll, wenn sie behauptet, um diese 24 gehe es wirklich nicht, sondern nur darum, in jedem Moment alles zu geben? Schwer zu sagen.

          Doch vor allem kommt natürlich ein Faktor ins Spiel, auf den sie keinen Einfluss hat. Dieser Faktor ist 1,68 Meter groß, rennt von hier bis Buffalo und zurück, ohne die geringste Erschöpfung zu zeigen und überzeugt seit etwas mehr als einem Jahr mit einer früher undenkbaren Form genießerischer Gelassenheit. Es ist nicht zu übersehen, was der Titel ausgelöst hat, den Simona Halep Anfang Juni 2018 in Paris bei den French Open gewann. Damals sagte sie, nach diesem Sieg könne kommen, was wolle, sie werde sich nie wieder vorwerfen müssen, nicht alles aus ihren Möglichkeiten gemacht zu haben. Sicher, es gibt auch heute noch Fragen zu manchen kleineren Aspekten ihres Tennislebens, aber ins große Bild ist eine deutlich sichtbare Form von Ruhe eingezogen. Die Rumänin sagt, sie habe gelernt, Dinge nicht mehr zu verkomplizieren, sondern auch scheinbar einfachen Lösungen zu trauen.

          Dazu gehört sicher auch, vor ihrem ersten Finale in Wimbledon nicht allzu viele Gedanken daran zu verschwenden, dass die Bilanz nach zehn Spielen gegen Serena Williams nicht allzu vielversprechend aussieht: Es steht 1:9. Aber viele dieser Spiele waren sehr eng, auch das letzte dieser Reihe im Viertelfinale der Australian Open dieses Jahr, das sie in drei Sätzen verlor. Im ersten Satz hatte sie damals nach eigenem Bekunden das Gefühl, von einem Zug überrollt zu werden. Doch wenn sich die Begegnung im Finale von Wimbledon so entwickelt wie der Rest jener Partie, dann könnte es ein ziemlich spannender Nachmittag werden im All England Club.

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