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Wimbledon-Halbfinale : Das Meisterstück des Roger Federer

  • -Aktualisiert am

In einer mitreißenden Atmosphäre glückte dem Schweizer sein 16. Sieg im 40. Duell . Bild: Reuters

Der Schweizer begeistert im Halbfinale von Wimbledon bei seinem Viersatzsieg über Rafael Nadal mit alterslosem Schwung. Nun trifft er im Finale auf Novak Djokovic.

          Am Ende suchte der Sieger genauso nach passenden Worten wie die meisten Leute im entzückten Publikum; viele standen da und schüttelten den Kopf. Elf Jahre nach dem legendären Spiel gegen seinen großen Rivalen Rafael Nadal lieferte Roger Federer am Freitag beim Sieg in vier Sätzen (7:6, 1:6, 6:3, 6:4) ein Meisterstück ab. In einer faszinierenden Kombination aus alterslosem Schwung und kaum glaublicher Ruhe, verbunden mit Schlägen aus der Zauberkiste und den besseren Antworten in den wichtigen Momenten war der Schweizer an diesem sonnigen Nachmittag der dominierende Mann. Mit dem Sieg landete er zum zwölften Mal im Finale des bedeutendsten Turniers der Welt, in dem er am Sonntag auf den Titelverteidiger treffen wird, Novak Djokovic.

          Der Spanier Rafael Nadal im Einsatz während seines Halbfinalspiels gegen den Schweizer Roger Federer.

          Beim 101. Sieg auf dem Rasen Wimbledons retournierte Federer vielleicht besser als je zuvor in seiner Karriere, mit der Rückhand machte er ständig Druck, und natürlich spielte es eine große Rolle, dass er den von Aufschlägen beiderseits dominierten ersten Satz gewann; wenn Nadal in einem so wichtigen Spiel einmal in Führung liegt, dann holt ihn so schnell keiner mehr ein. Im zweiten verpasste Federer eine frühe Chance auf ein Break und geriet danach für eine halbe Stunde in Schwierigkeiten. Doch als es so aussah, als sei Nadal nach dem Gewinn dieses Satzes moralisch im Vorteil, weil des Gegners prickelnder Anfangsschwung ein wenig verpufft war, da drehte sich die Geschichte ein zweites Mal. Roger Federer ging schnell 3:1 in Führung, und von diesem Moment an schien er die Partie bis zum Ende nach drei Stunden und zwei Minuten im Griff zu haben.

          Nadal: Er setzt dich ständig unter Druck

          Die Unruhe in Nadals Loge bei seinen Coaches und der großen Familie spiegelte die Ereignisse auf dem Platz; alle spürte, dass er in Schwierigkeiten steckte, weil Federer in fast allen Situationen cleverer war; manchmal sah es so aus, als könne dieser selbst mit verbundenen Augen spielen. In der Loge des Schweizers erreichte die Nervosität ihren Höhepunkt, als er kurz vor Schluss vier Matchbälle vergab, doch mit dem fünften knüpfte er die Schleife um die Geschenkpackung dieses Spiels.

          Was Rafael Nadal hinterher zu sagen hatte? Federer habe verdient gewonnen, keine Frage, und vieles sei so gewesen wie immer: „Er schafft es einfach, die schwierigsten Dinge leicht aussehen zu lassen. Er setzt dich ständig unter Druck, weil er die Bälle früher als jeder andere nehmen kann; das ist vielleicht das Schwierigste, und er macht es.“

          Elf Jahren hatten Federer und Nadal in Wimbledon nicht mehr gegeneinander gespielt – eine unglaublich lange Zeit. Aber noch länger liegt der einzige Sieg des Schweizers im Finale eines Grand-Slam-Turniers gegen Novak Djokovic zurück – er stammt aus dem Spiel um den Titel bei den US Open 2007. Alle drei gemeinsamen Begegnungen danach in Finals gewann der Serbe: 2014 in Wimbledon, im Jahr danach wieder in Wimbledon und ein paar Wochen später auch in New York. Und auch das jüngste Sieg von Federer auf einer anderen Ebene als dem Finale bei einem Grand-Slam-Turnier liegt schon eine ganze Weile zurück, sieben Jahre.

          Djokovic: Er hat die Gefahr gespürt

          Wie gut Djokovic dieser Tage in Form ist? Nun, sehr gut, aber nicht unerschütterlich gut. Auch für den Titelverteidiger hatte der Tag des Halbfinales diverse kritische Momente im Angebot. Nicht, dass er den 29 Jahren alten Roberto Bautista Agut unterschätzt hätte; das lag allein schon deshalb auf der Hand, weil er in diesem Jahr schon zwei Spiele gegen den Spanier verloren hatte. Und spätestens, nachdem Bautista Agut mit einem Netzroller zum 1:1 nach Sätzen ausgeglichen hatte, begriffen auch die 15.000 Zuschauer am Centre Court, wie groß die Gefahr für Djokovic war. Sie unterstützten den Außenseiter, was dem Favoriten nicht unbedingt gefiel.

          Doch mit einem der längsten Ballwechsel der Geschichte Wimbledons, zumindest dem längsten seit 2005 begonnen wurde, solche Dinge festzuhalten, sorgte Djokovic dafür, dass er seinen Vorsprung nicht verlor. 45 Mal spielten die beiden die gelbe Kugel bei einem Breakball für Bautista Agut beim Stand von 4:2 für Djokovic übers Netz – wie John McEnroe als Kommentator in der BBC bemerkte, hätten 45 Schläge früher leicht gereicht, um zwei bis drei ganze Spiele zu gewinnen. Es sei sehr eng im dritten Satz gewesen, meinte der Sieger hinterher, das sei eine entscheidende Phase gewesen, und er habe die Gefahr gespürt. Aber mit diesem Marathon-Ballwechsel machte er sich auf den Weg zum Sieg und hatte sein Tagwerk erledigt, als der Gegner für das Finale am Sonntag noch lange bei der Arbeit war.

          Natürlich werde er sich das Spiel zwischen Federer und Nadal anschauen, sagte Djokovic. Die Begegnung zweier Spieler aus der Next-Generation, wie er sichtlich amüsiert ergänzte. Für den imponierend stark spielenden Roberto Bautista Agut stand ein anderes Verjüngungsprogramm an. Jene sechs Freude, mit denen er dieser Tage auf Ibiza zu seinem Junggesellen-Abschied verabredet war, waren zum Halbfinale in London eingeflogen und hatten das Geschehen aus seiner Spielerloge verfolgt. Und nachdem diese Geschichte nun zu Ende war, verging bis zur ersten Bestellung bunter Getränke vermutlich nicht mehr allzu viel Zeit. Roger Federer brauchte an diesem Abend keinen Schampus mehr; der Sieg gegen Rafael Nadal wirkte besser als jeder Tropfen eines exklusiven Getränks.

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