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Wimbledon-Finale : Angreifer gegen Verteidiger

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Wer gewinnt Wimbledon? Novak Djokovic (l.) oder Roger Federer? Bild: AFP

Roger Federer und Novak Djokovic stehen sich zum dritten Mal in einem Wimbledon-Finale gegenüber. Bisher gewann stets der Serbe. Doch der 37 Jahre alte Schweizer ist ein noch besserer Spieler geworden.

          Mit zwei, drei schnellen, seitwärts gerichteten Schritten tänzelte Roger Federer zur Rückhandseite seines Feldes, doch er schlug den Ball nicht mit der Rückhand, sondern holte aus, hob kurz ab und zog mit der Vorhand voll durch, Richtung geradeaus. Das ist ein Schlag mit nicht unerheblichem Gefahrenpotential. Wenn der Ball auf der anderen Seite nicht dicht an der Seitenlinie landet, gibt er dem Gegner eine gute Chance, ihn cross in die weit offen stehende Vorhandseite des anderen zu spielen. Es ist ein Schlag, für den man neben feiner Technik vor allem eines braucht: Selbstvertrauen, Zuversicht.

          2015 gewann Djokovic (l.) das Finale gegen Federer, genau wie 2014

          Mit einem solchen Ball erzwang Roger Federer im Halbfinale am Freitag den letzten Fehler seines Gegners Rafael Nadal, und es war wieder einer jener Momente, in der die Zeit fast stehenblieb. Einer, der sehr direkt zur Frage führt, ob es je im Tennis eine bessere Mixtur aus Leichtigkeit, Eleganz und Dynamik gab. Dazu der Aufschlag mit gefühlt zwei Dutzend Varianten, die Rückhand, variabler und druckvoller als zu seiner Zeit der großen Dominanz vor mehr als zehn Jahren, der sichere Schmetterball, das Gefühl beim Volley – das ganze frisch und feinsortiert wie eine Schachtel Luxemburgerli, die Schweizer Urform der Macarons.

          Novak Djokovic, gegen den Roger Federer an diesem Sonntag (15.00 Uhr / im F.A.Z.-Liveticker zu Wimbledon und bei Sky) im zwölften Finale um seinen achten Titel in Wimbledon spielen wird, schlägt ein wenig härter als der Konkurrent, aber nicht so verdeckt und variabel auf, sein Schmetterball erinnert bisweilen ein wenig an russisches Roulette. Aber neben vielen anderen Komponenten hat er vor allem einen Schlag im Repertoire, den keiner so beherrscht wie er – einen Rückhand-Rettungsschlag aus tiefster Position, fast im Spagat, die Füße auf eine Art verdreht und überdehnt, dass man glaubt, das Stöhnen und Ächzen der Gelenke und Bänder hören zu können.

          Der leichtfüßige Angreifer gegen den unfassbar flexiblen Verteidiger, ein bekanntes Spiel, aber es ist schon lange her, dass der Angreifer bei einem Grand-Slam-Turnier gewann. Es war in Wimbledon vor sieben Jahren, als Federer im Halbfinale Djokovic besiegte, deutlich weiter noch liegt sein einziger Sieg gegen den Serben im Finale eines Grand-Slam-Turniers zurück, 2007 bei den US Open in New York. Es ist erstaunlich, dass die beiden seit der ersten Begegnung im April 2006 beim Turnier in Monte Carlo zwar 47 Mal gegeneinander spielten – also öfter als Federer und Nadal –, dass sie sich aber nur viermal in einer Begegnung um einen der großen vier Titel begegneten. Nach dem ersten Erfolg seinerzeit in Monte Carlo sagte Federer übrigens über den damals knapp 21 Jahre alten Serben, der spiele an der Grundlinie ganz gut, habe aber noch viele Bereiche, in denen er sich verbessern könne. „Absolut, da ist ein gewisses Potential.“

          Djokovic ist der Titelverteidiger. Aber ist Federer für die Rolle des Herausforderers nicht viel zu groß mit all seiner Historie in Wimbledon und vor allem mit der faszinierenden Form, die er im Halbfinale beim Sieg gegen Nadal zeigte? Die große Frage ist, ob es der Serbe zulässt, dass der Schweizer noch mal so dominant auftreten kann wie im Halbfinale gegen dessen Lieblingsrivalen. Im Spiel gegen den Spanier war Federer beim Return und erstaunlicherweise auch in längeren Ballwechseln der bessere Mann.

          Es wird das dritte Finale zwischen den beiden im All England Club sein; das erste gewann Djokovic 2014 in fünf ereignisreichen Sätzen, beim zweiten im Jahr danach brauchte er nur vier, doch Roger Federer ist ein noch besserer Spieler, als er es damals war, so merkwürdig sich das bei einem Mann von fast 38 Jahren anhören mag.

          Federer ist voll des Lobes über den Gegner, der drei der vier letzten Grand-Slam-Turniere gewann, vor einem Jahr in Wimbledon gegen Kevin Anderson und in New York und Melbourne gegen Rafael Nadal. „Er hat wieder ein unglaubliches Jahr gespielt. Wahnsinn, wie er nach der Verletzung zurückgekommen ist. Deshalb weiß ich: Wenn es noch einen härteren Brocken gibt als Rafa, dann ist es offensichtlich noch der Novak.“ Aber dieser harte Brocken reagiert auch als Besitzer von 15 Grand-Slam-Titeln – drei weniger als Nadal, fünf weniger als Federer – manchmal immer noch so, als sei der Fels von einer Haut aus dünnem Gewebe überzogen. Das sah man, als Djokovic im Halbfinale gegen Roberto Bautista Agut den zweiten Satz verlor und er beleidigt reagierte, weil sich das Publikum über den Satzgewinn des Spaniers freute und ihn als Außenseiter unterstützte. Boris Becker, der Djokovic drei Jahre lang trainierte, beantwortete die Frage, ob der Serbe immer noch unter dem Eindruck leide, vom Publikum bei weitem nicht so leidenschaftlich und aus vollem Herzen unterstützt zu werden wie Federer oder auch Nadal, in der BBC so: „Früher war das so. Inzwischen weiß er, wer er ist.“ Djokovic versichert, aus seiner Sicht habe es beim Spiel gegen Bautista Agut kein Problem gegeben. „Ich habe mich auf das konzentriert, was zu tun war. Manchmal wollten die Leute einfach, dass er wieder ins Spiel findet oder dass er in Führung geht, weil er ja der Außenseiter war. Ich verstehe das. Ich hatte ausreichend Unterstützung hier in all den Jahren, also beschwere ich mich nicht.“

          Wimbledons Publikum am letzten Tag des Turniers wird sich wie immer Mühe geben, beiden Finalisten den gebührenden Respekt zu zeigen. Wie es mit den Gefühlen aussieht, und wie es sich anhört, wenn diese Gefühle die Arena füllen, das ist eine andere Sache. Aber schlimmer als im Finale der US Open vor vier Jahren kann es kaum werden. Damals spielte Djokovic nicht nur gegen Federer, sondern auch gegen die brüllende Mehrzahl der 23.000 Zuschauer im Arthur Ashe Stadium. Und das ging in vielen Momenten über die Grenze der Fairness hinaus. Es nützte nichts. Der Mann, den sie zum Titel tragen wollten, verlor.

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