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Wimbledon : Der lustige Vogel Querrey macht Ernst

  • -Aktualisiert am

Der Überraschungsgast im Viertelfinale von Wimbledon: Sam Querrey hat Djokovic geschlagen Bild: AFP

Noch zwei erfolgreiche Dates in Wimbledon - und Sam Querrey stünde im Finale von Wimbledon. Der Amerikaner springt erstmals richtig ins Rampenlicht und hat eine simple Erklärung. Am Mittwoch trifft er im Viertelfinale auf Milos Raonic.

          3 Min.

          Wer in seiner Karriere über sieben Millionen Dollar Preisgeld gewonnen hat, kann kein Verlierertyp sein. Aber als strahlender Tennisheld kam Sam Querrey bisher auch nicht daher. Seine Körper prädestiniert ihn für seinen Beruf. Eine Größe von 1,97 Metern ermöglicht ihm, beim Aufschlag den Ball aus einer Höhe zu treffen, die einen günstigen Winkel zur Netzhöhe ergibt. Dazu ist der 28 Jahre alte Amerikaner ein eindeutig leptosomer Typ, so dass er vergleichsweise wenig Gewicht mit sich herumschleppt - und für seine Größe ausgesprochen gut zu Fuß ist. Andererseits wirkt dieser Schlaks seltsam. Er bewegt sich eher ungelenk als geschmeidig. Sein Gesicht wird von einer gigantischen Kinnpartie beherrscht. Sein Blick strahlt oft so viel Milde und Freundlichkeit aus, dass ihn böse Mitmenschen auch als treudoof bezeichnen könnten. Sam Querrey ist ein Mann, der auf den ersten Blick unterschätzt wird.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Am Samstag erlangte Sam Querrey Berühmtheit, als er Novak Djokovic in der dritten Runde von Wimbledon besiegte. Djokovic, den Unfehlbaren, Djokovic, den Dominator, der bei den vergangenen vier Grand Slams triumphiert hatte. Die Experten erklärten die Sensation mit zwei Tatsachen: erstens Djokovics schlechtem Tag und Querreys gigantischem Aufschlag. 31 Asse schlug der Amerikaner. Viele weitere seiner Aufschläge berührte der Weltranglistenerste zwar noch, vermochte den Ball aber nicht mehr kontrolliert zu retournieren.

          Erstmals im Viertelfinale

          Es gab jedoch niemanden, der Querrey nach dem größten Erfolg seiner Karriere eine Chance einräumte, in diesem Turnier weiter eine große Rolle zu spielen. Schließlich hatte er noch nie in seiner zehnjährigen Profilaufbahn das Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers erreicht. Aber genau da steht jetzt Querrey. Er besiegte am Montag im Achtelfinale den Franzosen Mahut in drei Sätzen. Und wieder konnte er sich in jeder kritischen Phase auf seinen Aufschlag verlassen.

          So langsam rückt es ins Bewusstsein, dass auch sein nächster Gegner an diesem Mittwoch (ab 14 Uhr live in Sky und F.A.Z.-Liveticker) nicht unbesiegbar ist, der kanadische Weltranglistensechste Milos Raonic. Querreys Trainer Craig Boynton fand eine lustige Erklärung für den Coup seines Klienten: „Ein blindes Huhn findet auch einmal ein Korn.“ Dieses selbstironische Zitat verrät viel. Weder der Trainer noch sein Spieler besitzen dieses starke Ego, das fast allen guten, aber auch vielen weniger guten Tennisprofis eigen ist.

          Stets ein Lächeln

          Querrey und Boynton haben nicht den Drang, der Umwelt ständig ihre Wichtigkeit und Einmaligkeit zu demonstrieren. Querrey glaubt zwar, sein Trainer sei falsch verstanden worden. „Mit dem blinden Huhn hat er eher sich selbst gemeint, weil er mit Steve Johnson und mir gleich zwei Schützlinge ins Achtelfinale gebracht hat.“ Aber der Amerikaner gibt zu, dass dessen lockere Art sehr wichtig für ihn sei: „Er zaubert stets ein Lächeln auf mein Gesicht, er sorgt dafür, dass ich immer positiv bleibe.“

          Auskunftsfreudig

          Das war Querrey in der Vergangenheit nicht immer gelungen. Er gilt zwar als lustiger Vogel, der viele Späße mitmacht. Aber Rückschläge haben ihn oft heruntergezogen, was er auch in seiner offenen Art bestätigt. Querrey spricht bereitwillig über seine aufgelöste Verlobung, Querrey spricht über seinen Auftritt in einer Dating-Sendung des amerikanischen Fernsehens. Er gibt sogar zu, dass die Partnerin, die vor der Kamera Interesse an ihm äußerte, danach nichts mehr von ihm wissen wollte. Und er teilt auch mit, warum er sich zwar seit zehn Jahren konstant zwischen den Weltranglistenplätzen 20 und 50 bewegt, aber nie den Sprung nach ganz vorne schaffte: „Ich glaube, ich war in einigen Momenten meiner Karriere zu nett und nicht willensstark genug.“ Und nicht selbstbewusst genug, darf man hinzufügen.

          Seinen Durchmarsch in Wimbledon erklärt er nicht mit einer einzigen Verbesserung oder mit einer neuen Erkenntnis: „Ich habe in diesem Jahr auch ein bisschen Glück, dass mir in den schwierigen Momenten die großen Aufschläge gelingen.“ Das wirke sich auch bei allen anderen Schlägen auf seine Sicherheit aus. „Ich gehe einfach mit größerem Grundvertrauen in die Ballwechsel.““

          Viele Profis hätten sich nach dem Trubel, den der Coup gegen Djokovic auslöste, aus der Ruhe und vielleicht auch aus dem Konzept bringen lassen. Querrey nicht. „Ich habe schon so viel durchgemacht, mich kann nichts mehr aus der Bahn werfen.“ Er habe sich zwar am Abend nach seinem Sensations-Triumph jede Zusammenfassung seines Spiels im Fernsehen angesehen. „Ich wollte den Glücksmoment so lange und oft wie möglich genießen.“ Aber auf eine Feier verzichtete er. „Es ging ganz normal weiter, ich wollte unbedingt beweisen, dass das gegen Djokovic kein Glückssieg war.“ Das ist ihm gelungen.

          Nur noch drei Siege mehr in Wimbledon, und Querrey wird nach keiner Datingshow mehr zurückgewiesen werden.

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