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Wimbledon-Finale : Kerber probiert alles – und verliert doch

  • -Aktualisiert am

Anders als in Melbourne strahlte Angelique Kerber in London nicht. Bild: AP

Angelique Kerber fordert Serena Williams sehr, verpasst aber den ersten deutschen Wimbledon-Sieg seit Steffi Graf 1996. Die Amerikanerin siegt im Finale, weil sie sich auf eine große Stärke verlassen kann.

          Angelique Kerber hat Serena Williams im Finale von Wimbledon zum Brodeln gebracht, aber nicht zum Überkochen. Spitze Schreie, laute „Come on-“Rufe und extreme Jubelposen nach gewonnenen Ballwechseln verrieten, wie sehr sich die beste Tennisspielerin der Welt von der Deutschen unter Druck gesetzt fühlte. Aber bevor die Belastung zu einem Systemzusammenbruch führte, kam stets die Rettung durch ihren Aufschlag. Bis zum Ende eines hochklassigen und bis zum vorletzten Spiel spannenden Finales vermochte Kerber ihre amerikanische Gegnerin zwar häufig zu verblüffen und auszuspielen, aber sie konnte sich nur einen einzigen Breakball erarbeiten.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Die Antwort der Weltranglistenersten: zwei Asse – und die Gefahr war abgewendet. Kerbers Blick ging in diesem Moment resignierend nach oben. Am Ende blieb ihr nichts anderes übrig, als Serena Williams zur geglückten Revanche für ihre Finalniederlage von Melbourne zu gratulieren. Nach 1:23 Stunden triumphierte die 34 Jahre alte Amerikanerin durch ihr 7:5, 6:3 zum siebten Mal in ihrer Karriere in Wimbledon und zog mit ihrem 22. Grand-Slam-Einzeltitel mit Rekordhalterin Steffi Graf gleich, die vor 20 Jahren als letzte Deutsche hier gewann.

          Nach Ansicht der früheren Champions Martina Navratilova und Chris Evert wäre Angelique Kerber am besten gleich in der Kabine geblieben. Die beiden Amerikanerinnen verliehen ihrer Landsfrau in der Vorschau der BBC eindeutig die Favoritenrolle. Nur eine Möglichkeit hätte die Deutsche zum Sieg, dann, wenn Serena von ihrem Aufschlag verlassen und nervös werden würde. Aber, und auch da waren sich die beiden einig, das werde nicht geschehen, weil die jüngere der Williams-Schwestern einerseits wieder in sich ruhe und andererseits hoch motiviert sei, ihre Niederlage gegen Kerber bei den Australian Open vergessen zu machen. Chris Evert sagte: „Niemand schlägt Serena zweimal hintereinander. Sie ist in ihrem Stolz verletzt und wird den Triumph kein zweites Mal aus den Fingern gleiten lassen.“

          Genauso betrat die Amerikanerin den Centre Court – als Erste, raumgreifenden Schrittes. Während Kerber den Blumenstrauß, den die Spielerinnen beim Einzug erhielten, vorsichtig einem Ballmädchen zum Aufbewahren überreichte, knallte Williams das Gebinde auf den Rasen. Während der Hauptschiedsrichter seine Begrüßungsworte an die beiden richtete, vollführte die Amerikanerin ununterbrochen Aufschlagbewegungen und machte so gar nicht den Ausdruck zuzuhören. Doch als das Spiel begann, vermochte Williams ihr dominantes Auftreten nicht fortzusetzen. Vom ersten Ballwechsel an wehrte sich Kerber mutig. Ihre ersten beiden Aufschlagspiele gerieten wie befürchtet wackelig. Aber nachdem sie beide Male das Break vermieden hatte, wurde sie sicherer.

          Es entwickelte sich genau das Spiel, das alle erwartet hatten. Williams wollte die Auseinandersetzung mit ihrem Aufschlag und ihrem ersten Return bestimmen, Kerber strebte längere Ballwechsel an, um die Amerikanerin in Bewegung zu halten und in Fehler zu treiben. Beide hatten mit ihrer Taktik Erfolg, und die Quote hielt sich ganz lange die Waage. Für Kerber war es ermutigend, dass sie die harten Schläge der Weltranglistenersten zurückbringen konnte und die meisten der längeren Ballwechsel gewann. Das riss die Zuschauer von den Sitzen.

          Dabei gelang ihr nicht alles, aber fast alles – Winner mit der Vorhand und mit der Rückhand, ob an der Linie entlang oder extrem cross. Am meisten irritierten Serena Williams die Stoppbälle, die die Kielerin einstreute. Obwohl sie viel riskierte, unterliefen der Deutschen im gesamten Match nur neun leichte Fehler. Aber so gut sie auch spielte, Serena Williams hielt dagegen. Vor allem mit ihrem Aufschlag, aber auch sonst ließ sie sich nicht allzu sehr vom Widerstand, den Kerber bot, aus dem Konzept bringen. Sie verwertete ihren zweiten Satzball bei Aufschlag Kerber und schnappte sich den ersten Durchgang mit 7:5.

          22. Grand-Slam-Titel: Das ist Serena Williams nicht nur ein Jubelschrei wert. Bilderstrecke

          Die neue Nummer 2 der Weltrangliste ließ sich durch den Rückschlag nicht aus dem Konzept bringen, sie spielte im zweiten Satz eher noch etwas besser als im ersten. Die Konsequenz: Beim Stand von 3:3 eröffnete sich für sie die Chance eines Breakballs. Doch keine zwei Minuten später hatte Serena Williams auch dieses Aufschlagspiel für sich entschieden – nach zwei Assen und einem weiteren Punkt. Das schien der Amerikanerin weiteren Schub zu geben. Sie griff Kerbers Aufschlag im nächsten Spiel noch konsequenter als sonst an und hatte Erfolg damit – 5:3. Der Rest war wieder Bumm-Bumm-Tennis: Drei Aufschlag-Winner und ein As brachten Serena Williams den Triumph.

          Als Angelique Kerber wenig später zur Siegerehrung aufgerufen wurde, durfte sie den orkanartigen Applaus des Publikums genießen. Die Kielerin gratulierte als erstes ihrer Gegnerin: „Es ist eine Ehre gegen sie zu spielen, sie ist ein großer Champion und ein großer Mensch. Sie hat den Sieg verdient.“ Die Deutsche konnte offensichtlich mit der Niederlage leben, sie machte sich keine Vorwürfe, irgend etwas versäumt oder nicht probiert zu haben. Noch mehr Trost als aus der eigenen Leistung durfte sie aus den Worten von Serena Williams ziehen: „Ich liebe es gegen Angelique zu spielen. Sie bringt mich dazu, tolles Tennis zu spielen und sie ist so eine wunderbare Person auf dem Platz.“ Nichts kann einen Sieg in Wimbledon aufwiegen. Aber wenn man verliert, dann ist es die Art, wie es Angelique Kerber am Samstag tat, das Nächstbeste.

          Doppel-Titel an Williams-Schwestern und Franzosen bei den Männern

          Keine fünf Stunden nach ihrem Wimbledon-Sieg über Angelique Kerber hat Serena Williams auch die Doppel-Konkurrenz bei dem Grand-Slam-Turnier gewonnen. Gemeinsam mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester Venus Williams setzte sich die 34-Jährige am Samstag 6:3, 6:4 gegen Timea Babos/Jaroslawa Schwedowa aus Ungarn und Kasachstan durch. Die beiden Tennisspielerinnen aus den USA sicherten sich damit ihren 14. Grand-Slam-Titel im Doppel.

          Zuvor haben die französischen Tennisprofis Pierre-Hugues Herbert und Nicolas Mahut die Doppel-Konkurrenz von Wimbledon gewonnen. Das Duo setzte sich am Samstag gegen die Landsmänner Julien Benneteau/Edouard Roger-Vasselin 6:4, 7:6 (7:1), 6:3 durch und feierte seinen zweiten Grand-Slam-Titel. Im vergangenen Jahr hatten Herbert und Mahut gemeinsam die US Open gewonnen. Beim dritten Grand-Slam-Turnier der Saison in London waren sie an Nummer eins gesetzt. Benneteau/Roger-Vasselin hatten vor zwei Jahren die Doppel-Konkurrenz der French Open für sich entschieden. (dpa)

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