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Grand-Slam-Titel in Wimbledon : Kerber, die brillante Taktikerin

  • -Aktualisiert am

Küsschen für das Schälchen: Angelique Kerber mit der Trophäe von Wimbledon. Bild: Reuters

Die dritte deutsche Siegerin beim berühmtesten Tennisturnier der Welt: Angelique Kerber fegt die Gegnerin vom Centre Court wie einst Steffi Graf.

          Als es geschafft war, ließ sich Angelique Kerber einfach niedersinken. Ihr Körper, 65 Minuten wie eine Stahlfeder gespannt, ein Körper, aus dem sie so viel herauspressen kann, war plötzlich für ein paar Momente ganz schlaff, als sie versuchte ihr Glück zu fassen. Wimbledonsiegerin 2018! Die erste Deutsche nach Steffi Graf 1996! „Für mich ist ein Traum in Erfüllung gegangen“, sagte sie wenige Minuten später bei der Siegerehrung. Da waren ihre Freudentränen schon wieder getrocknet, da wirkte sie wie eine glückliche und stolze Gewinnerin, aber doch auch schon wieder so gefasst, wie sie fast immer auf dem Spielfeld ist.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Sie hatte in diesem Endspiel gegen Serena Williams eine taktische Meisterleistung abgeliefert, die mit einem 6:3, 6:3 belohnt wurde. Sogar die Verliererin zollte ihr dafür großen Respekt. „Ich freue mich so für sie“, sagte Williams bei der Siegerehrung. Auf dem Feld hatte sie ihrer Kollegin großen Respekt erwiesen, indem sie nach dem Matchball in deren Spielhälfte gegangen war, um sie zu umarmen. Seit ihrem ersten gemeinsamen Grand-Slam-Finale 2016 in Australien, das Kerber gewann, verbindet die beiden eine Sportlerfreundschaft. 2016 gelang Williams in Wimbledon die Revanche und nun war wieder die Deutsche wieder an der Reihe.

          „Ich habe für alle Mütter dieser Welt gespielt“

          Kerber bedankte sich für die Glückwünsche der Freundin: „Du bist so eine große Inspiration für uns alle. Es ist mir eine Ehre, wann immer ich auf dem Platz mir Dir stehe.“ Die Amerikanerin erwiderte. „Angie ist eine unglaubliche Persönlichkeit.“ Sie sei gar nicht enttäuscht, sondern sie freue sich auf die nächsten Herausforderungen, sagte Serena Williams, nachdem sie ein paar Tränen der Rührung verdrückt hatte. Sie hatte nach 16 monatigem Mutterschaftsurlaub nicht damit gerechnet, bei ihrem vierten Turnier-Auftritt schon wieder so weit zu kommen. „Ich habe für alle Mütter dieser Welt gespielt“, rief sie ein wenig pathetisch ins Mikrofon. Ihre Rückkehr in den Tennis-Zirkus war ihr zunächst schwerer gefallen, als sie geglaubt hatte, Nach der Geburt ihrer Tochter Olympia musste die Amerikanerin mehrmals operiert werden. Embolien waren der Auslöser. Ihr Mann Alexis Ohanian zeigte sich überrascht von den Vorstellungen seiner Frau in Wimbledon: „Unglaublich, Serena so zu sehen, wenn man weiß, wie qualvoll und ermüdend es noch vor zehn Monaten für sie war, nur zum Briefkasten zu gehen.“

          Angelique Kerber hatte die nicht allzu so große Beweglichkeit von Williams konsequent zum Sieg ausgenutzt, wozu die Kolleginnen in den Runden zuvor nicht in der Lage gewesen waren. Sie schickte die Amerikanerin von einer Ecke des Spielfeldes in die andere, sobald sie Gelegenheit dazu hatte. Aus dem Laufen heraus unterliefen der jungen Mutter immer wieder Fehler. Und selbst wenn Williams im Stehen zu ihren machtvollen Schlägen ausholte, brachte Kerber viele Bälle zurück. „Ich glaube, heute ist der schönste Tag in meiner Karriere. Ich wollte als kleines Kind Wimbledon gewinnen. Das kann mir niemand mehr nehmen“, sagte Angelique Kerber, nachdem sie aus der Hand von Prince Edward, dem Herzog von Kent die Trophäe erhalten hatte.

          Nach den Australian Open 2016 und den US Open 2016 war dies ihr dritter Triumph bei einem Grand-Slam-Turnier, nun fehlt nur noch Paris zum Karriere-Grand-Slam. In der Weltrangliste rückt sie auf Platz vier vor. Die Teilnahme am WTA-Finale in Singapur hat die Norddeutsche fast schon sicher. Das schreckliche Jahr 2017, in dem sie von Platz 1 auf Position 21 der Weltrangliste zurückfiel, ist endgültig überwunden. Einen großen Anteil an Kerbers Rückkehr in die Weltspitze hat ihr neuer Trainer Wim Fissette. Der Belgier löste im November 2017 Torben Beltz ab, mit dem die Linkshänderin viele Jahre eine harmonische Beziehung hatte. „Es ist Freundschaft geworden“, sagte die Arbeitgeberin über ihren Angestellten auf dem Höhepunkt ihres Höhenflugs 2016.

          Wen Fissette auch betreute, machte er besser

          Als es dann 2017 bergab ging, konnte das zunächst das Vertrauen nicht erschüttern, die beiden passten und passen von ihren Persönlichkeiten bestens zueinander. Aber irgendwann reifte die Erkenntnis, dass es eines neuen Impulses bedurfte, um aus dem Sumpf des Misserfolges herauszufinden. Fissette ist in der Branche für seine direkten Ansprachen, seine hohen Ansprüche, seine Motivierungskünste und für seine Erfolge bekannt. Wen er auch betreute, machte er besser. Seine Landsfrau Kim Clijsters führte er zu drei Grand-Slam-Siegen innerhalb eines guten Jahres, Sabine Lisicki zog mit ihm 2013 in das Wimbledonfinale ein, Simona Halep machte einen Sprung in der Weltrangliste, genauso wie Victoria Asarenko, deren Weg nach oben allerdings durch eine Schwangerschaft unterbrochen wurde. Seine nächste Klientin, Johanna Konta, schaffte es mit ihm 2017 fast bis ins Wimbledonhalbfinale, dann trennte man sich jedoch recht schnell – in bestem Einvernehmen.

          Große Freude über den Erfolg: Angelique Kerber nach dem Finalsieg in Wimbledon.

          Fissette war also frei, als das Team Kerber suchte. Der Erfolg stellte sich blitzschnell ein. Nach der gemeinsamen Saisonvorbereitung startete die Norddeutsche mit eines Siegesserie ins Jahr, gewann in Sydney und erreichte bei den Australian Open das Halbfinale, in dem sie trotz der Niederlage gegen Halep eine imponierende Leistung zeigte. Die Umstellung der Aufschlagsbewegung war die große Veränderung, die sofort eine Verbesserung brachte und auch in Wimbledon ins Auge stach. Die andere Veränderung, die Fissette versucht, bei seiner Spielerin durchzusetzen, fiel erst einmal nicht so auf. Der 38 Jahre alte Belgier ist davon überzeugt, dass im Tennis nicht nur durch Technik und Taktik Spiele gewonnen werden, sondern durch andere Faktoren. „Der Schlüssel ist, Verantwortung zu übernehmen. Dinge kommen dir nicht entgegen, du muss dafür sorgen, dass sie passieren.“

          Seine Erkenntnis wird von Kerber geteilt, soweit es um die Rahmenbedingungen ihres Berufes geht. Aber sie widerspricht ihrem spielerischen Naturell. Die Norddeutsche wartet auf dem Tennisplatz lieber ab, was ihr die Gegnerin anbietet und reagiert dann darauf. Das war und ist die Basis ihres Spiels. Mit der Gefahr, zu passiv zu werden, vor allem wenn das Selbstvertrauen fehlt oder gar Selbstzweifel übermächtig werden, weil sie sich wie 2017 gerade in einer Spirale des Misserfolgs dreht. „Ich habe am häufigsten verloren, wenn ich nur dem Ball hinterher gerannt bin“, erkannte Kerber bei der Analyse ihres annus horribilis. Mutige Konterschläge aus der Deckung oder sogar überfallartige Angriffsschläge beim Return sind die Stärken, die sie zu einer besonderen Spielerin machen.

          Sank vor Freude zu Boden: Angelique Kerber war überglücklich nach ihrem Erfolg in Wimbledon.

          Davon hat sie Fisstette, der auch als Motivationsredner zu buchen ist, überzeugt. „Wir trainieren das ständig und es funktioniert auch gut. Aber ich muss es auf den Platz bringen“, sagt Kerber. Es war ein ständiger Kampf für sie, den Mut zum Risiko aufzubringen, den sie mal gewann und mal verlor. Erst in Wimbledon erfolgte der Durchbruch. Fissette erwartet noch eine Menge von seiner Klientin. „Sie ist einfach eine herausragende Sportlerin.“ Der Belgier meint damit einerseits die Arbeitseinstellung, den Willen, sich zu quälen um sich die außergewöhnliche Physis anzueignen, die Basis für ihr Spiel ist. Aber er ist auch vom Talent Kerbers überzeugt. „Sie setzt Dinge unheimlich schnell um, die ihr gezeigt werden. Und sie ist eine sehr schlaue Spielerin, die weiß, wohin sie den Ball spielen muss, um ihrer Gegnerin weh zu tun.“ Davon kann sogar Serena Williams ein Lied singen.

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