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Murray-Aus in Wimbledon : Die Schmerzen des Lieblings

  • -Aktualisiert am

Mehr war nicht drin: Andy Murray scheitert im Viertelfinale von Wimbledon. Bild: AFP

Durch eine Verletzung stark eingeschränkt, muss sich Andy Murray in Wimbledon in fünf Sätzen dem Amerikaner Sam Qurrey geschlagen geben. Ein neues Kapitel im Buch der Tennis-Geschichte bleibt damit vorerst ungeschrieben.

          3 Min.

          Johanna Konta hatte am Dienstagabend mit ihrem Viertelfinalsieg über Simona Halep den Deckel des Tennis-Geschichtsbuches aufgeschlagen. Wenn Andy Murray nun auch noch am Mittwoch seine Begegnung in der Runde der letzten Acht mit dem Amerikaner Sam Querrey erwartungsgemäß gewinnen würde, dann stünden erstmals seit 50 Jahren jeweils ein Brite und eine Britin im Halbfinale der Einzelwettbewerbe von Wimbledon. Doch es wurde kein neues Kapitel geschrieben. Wie im vergangenen Jahr übernahm Querrey die Rolle des Favoritenschrecks. Damals hatte er in der dritten Runde Novak Djokovic zur Verzweiflung getrieben, der die drei Grand-Slam-Turniere zuvor für sich entschieden hatte.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Zunächst deutete nichts auf eine weitere Überraschung hin. Murray gewann den ersten Satz nach nicht einmal einer halben Stunde Spielzeit 6:3 und führte auch im zweiten Durchgang 4:3 – mit dem Vorteil eines Breaks. Doch fünf Minuten der Schwäche kosteten ihm prompt den Satz. Querrey holte sich drei Spiele zum 6:4. Im dritten Durchgang setzte sich Murray noch mal im Tie-Break durch, doch dann war er am Ende seiner Kräfte. Am Schluss stand ein 3:6, 6:4, 6:7, 6:1, 6:1 für den Außenseiter, der im Halbfinale auf Marin Cilic trifft. Der Kroate setzte sich gegen den Luxemburger Gilles Muller 3:6, 7.6, 7:5, 5:7 6:1 durch.

          „Ich habe alles gegeben, mehr war nicht drin“

          Murray, der angeschlagen ins Turnier gegangen war, konnte sich in den letzten beiden Sätzen nur noch eingeschränkt bewegen. „Die Hüfte hat das ganze Turnier über weh getan, es wurde immer schlimmer. Ich habe alles gegeben, mehr war nicht drin, aber ich konnte Sam nicht mehr unter Druck setzen“, sagte der Schotte nach dem Match und fügte hinzu: „Ich hätte den zweiten Satz gewinnen müssen, dann hätte ich das Match vielleicht in drei Sätzen durchgebracht.“

          Die Enttäuschung der britischen Fans über das frühe Scheitern ihres Lieblings wird durch den unverhofften Triumphzug von Johanna Konta gemildert. Am Mittwochmorgen feierten die englischen Blätter die 26 Jahre alte Tochter ungarischer Eltern, die in Sydney geboren wurde und aufgewachsen ist, als neue nationale Sportikone. „Geschichtsschreiberin“, „Neue Königin des Centre Courts“, hießen Überschriften nach Kontas epischem Dreisatzsieg (6;7, 7:6, 6:4) über die rumänische Weltranglistenzweite Simona Halep, der sie ins Halbfinale brachte – als erste Britin nach Virginia Wade 1978.

          Nicht nur die historische Dimension ihres Triumphes fesselte die Briten, auch die Art und Weise, wie Konta ihn errang. Im Laufe der 2:38 Stunden Spielzeit steigerten sich die Einschaltquoten der Fernsehübertragung bis auf 7,15 Millionen Zuschauer, das waren sogar mehr als bei Andy Murrays Achtelfinalsieg gegen den Franzosen Benoit Paire. Die 15.000 Zuschauer, die die Ränge des Centre Courts füllten, ließen sich von dem Hochgeschwindigkeitsduell auf höchstem taktischen Niveau mitreißen, das sogar vor den kritischen Augen John McEnroes bestand. Die Tennislegende würzt seine Kommentare für die BBC gerne mit süffisanten bis abfälligen Bemerkungen zu den Anstrengungen der Damen. Diesmal lobte er: „Ein wirklich gutes Tennisspiel.“

          Die Stimmung auf dem Centre Court war so pathetisch und chauvinistisch, als hätte Murray auf dem Platz gestanden. Zu Beginn hofften die Fans mit Konta, dann zitterten sie mit ihr, und im dritten Satz brachten sie ihr nur noch Begeisterung und Bewunderung entgegen. Vielleicht entschied sogar die völlig einseitige Unterstützung des Publikums den Ausgang des Matches. Halep wurde beim Matchball durch den hysterischen Schrei einer Zuschauerin gestört und verschlug. „Ich dachte, der Punkt würde wiederholt“, sagte die Rumänin. Doch der Schiedsrichter weigerte sich. Es gebe keinen Anlass, Profis müssten mit solchen Situationen zurecht kommen. McEnroes Kommentar: „Wer glaubt, enge Tennismatches würden nicht durch Zuschauer entschieden, hat lange keins mehr gesehen.“

          An diesem Donnerstag trifft Konta im Halbfinale auf Venus Williams, die in ihrem 100. Auftritt in Wimbledon die junge French-Open-Siegerin Jelena Ostapenko in zwei Sätzen in die Schranken wies. „Es ist eine Ehre für mich, mit ihr auf einem Platz zu stehen“, sagte die Britin, die 2012 ihre Staatsbürgerschaft erhielt. Diese Demut wird sie auf dem Centre Court ablegen, drei ihrer fünf Begegnungen mit der jetzt 37 Jahre alten Amerikanerin gewann Konta. „Es ist surreal, wie schnell sich im Tennis alles ändern kann“, sagte sie am Abend, an dem sie sich in die Herzen der Briten spielte. Das Tennisjahr 2015 hatte sie noch als Nummer 150 der Welt begonnen.

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          Der entscheidende Schritt in ihrer Karriere war, dass sie sich dem Mentaltrainer Juan Coto anvertraute. „Er hat mit mir auf eine ganzheitliche Methode gearbeitet. Ich bin jetzt ein glücklicherer Mensch, der mit sich und seinem Leben besser umgeht. Das bezieht sich nicht nur auf das Tennis.“ Lange galt Konta als Spielerin, die oft an ihren Nerven scheiterte, wenn die entscheidenden Punkte eines Matches ausgespielt wurden. In einem Interview mit dem Guardian gab sie detailliert über ihre inneren Kämpfe Auskunft: Sie habe sich zu lange von schlechten Ergebnissen herunterziehen lassen. „Man verletzt sich nur selbst, wenn man seine harte Arbeit nur wegen einer Niederlage nicht schätzt. Man bleibt jedoch sein eigener Freund, wenn man die eigenen Anstrengungen unabhängig vom Ausgang eines Spieles würdigt. Bis zu dieser Erkenntnis habe ich mich durch eine Menge Müll in mir arbeiten müssen.“ Die Arbeit hat sie weit gebracht. Johanna Konta trägt nun die Hoffnungen der britischen Tennisfans in Wimbledon.

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