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Andrea Petkovic in Wimbledon : Liebe auf den letzten Blick

„Wenn wir Tennisspieler uns über jede Niederlage Gedanken machen würden, würden wir nicht spielen“, sagt Andrea Petkovic nach ihrem Aus in Bad Homburg. Bild: dpa

Die 33 Jahre alte Andrea Petkovic bereitet sich längst auf die Zeit nach der Tennis-Karriere vor. Alte Probleme aber bleiben – etwa der Rasen in Wimbledon.

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          Jeder Berufstätige hat einen bevorzugten Arbeitsplatz. Der eine genießt am liebsten die Freiheiten im Homeoffice, der andere fühlt sich eher im persönlichen Austausch mit den Bürokollegen inspiriert. Der eine mag es gerne etwas kühler am Arbeitsplatz, der andere eher kuschelig. Denjenigen, die von Beruf wegen Tennis spielen und übers Jahr an verschiedenen Orten ihren Dienst verrichten, ergeht es kaum anders.

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          Thomas Klemm
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ob Hardcourt, Sandplatz oder Rasen – der Wohlfühlfaktor und die Leistungsfähigkeit der Profis hängen doch sehr von den Gegebenheiten ab. Insofern erlebt Andrea Petkovic gerade die schwerste Arbeitszeit ihres sowieso nicht leichten Tennisjahres. Ihr einst gestörtes Verhältnis zum Rasen sei zwar besser geworden, behauptete die Darmstädterin beim Bad Homburger Turnier. Aber ihr neuer Lieblingsbelag? „So weit würde ich nicht gehen.“

          Man muss sich ja auch nur ihre Ergebnisse auf dem grünen Untergrund ansehen. Bei ihren bisherigen neun Einzelteilnahmen am Traditionsturnier von Wimbledon hat sie nie die zweite Woche erreicht. Je dreimal scheiterte sie in Runde eins, zwei und drei. Andrea Petkovic ist halt eine, die sich gerne in die Ballwechsel hineinkämpft, sich auch auf physische Weise mit der Gegnerin misst.

          Es läuft derzeit so lala

          Zudem kann sie auf Hartcourt oder Sandplatz ihre Schwächen besser überspielen. Auf Rasen dagegen geht alles ruckzuck, und wenn sich die Darmstädterin immer mal wieder mit Serve-und-Volley versucht, so reagieren die jungen Damen auf der anderen Seite mit oft krachenden Returns. „Wer den ersten aggressiven langen Ball spielt, der macht zu 80, 90 Prozent den Punkt, weil der Ball so durchrutscht“, erklärt die frühere Fed-Cup-Spielerin.

          So lala läuft es in diesem Sommer für Andrea Petkovic. Ihre beiden Auftritte bei den beiden neuen deutschen Rasenturnieren der vergangenen zwei Wochen endeten gewohnt enttäuschend: Erstrundenniederlage am Hundekehlesee in Berlin, Zweitrundenaus im Kurpark von Bad Homburg. Danach gab sie sich schmallippig und schlecht gelaunt und ließ Fragen nach ihren Wimbledon-Ambitionen unbeantwortet. „Wenn wir Tennisspieler uns über jede Niederlage Gedanken machen würden, würden wir nicht spielen.“ Punkt. Danach der Abschied nach London, wo der Höhepunkt der Rasensaison von diesem Montag an ansteht.

          Auf gewisse Gedanken könnte die 33-Jährige im Herbst ihrer Tenniskarriere allerdings kommen, wenn sich Niederlage an Niederlage reiht wie seit Monaten. Sechs der vergangenen acht Grand-Slam-Turniere waren für die Darmstädterin nach der ersten Runde beendet. In diesem Jahr hat sie fünf Matches gewonnen und zwölf verloren, zum Teil schon in der Qualifikation zu Turnieren, bei denen sie in besseren Zeiten gesetzt war. Damals, als sie bis auf Platz neun der Weltrangliste vorgedrungen war. Ihr Rang heute: 130.

          Ihren berühmt-berüchtigten Ehrgeiz besitze sie weiterhin, sagt Andrea Petkovic, bis heute wolle sie ihr Spiel weiterentwickeln. „Einen Impuls gegeben hat die jüngere Generation, die noch schneller und aggressiver spielt und noch fitter ist, als wir es damals waren.“ Und vor allem haben die jungen, schlagfertigen Damen aus Russland und anderswo den unbedingten Willen es nach oben zu schaffen, und richten ihr Tun und Lassen ganz darauf aus. Bei der vielseitig interessierten Andrea Petkovic ist das nicht mehr ganz so der Fall.

          „Tennis lebendig halten“

          Das Leben als Tennisprofi ist tendenziell monoton. Flugzeug, Hotel, Tennisplatz, so läuft der Tour-Alltag. Dazwischen wird gegessen, geschlafen und Netflix geschaut. Scheidet man früher oder später aus einem Turnier aus, beginnt alles von vorne, nur der Ort und das Teilnehmerfeld sind anders. Es erleichtert sie Sache, wenn ein Profi gut mit sich alleine zurechtkommt und neben der Kärrnerarbeit noch andere Interessen verfolgt. So wie Andrea Petkovic seit jeher und ganz besonders in ihrer Spätphase.

          Nach und nach hat sich die Darmstädterin weitere Tätigkeitsfelder erschlossen. Sie arbeitet als Sportmoderatorin im ZDF, schreibt ständig, ist als Vielleserin und Autorin des respektablen Erstlingswerks „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ in der Fernsehsendung „Das literarische Quartett“ zu Gast gewesen. Vom 12. Juli an übernimmt Andrea Petkovic auch noch die Rolle als Botschafterin des Herrentennisturniers am Hamburger Rothenbaum, beim Damenturnier in der Woche zuvor am selben Ort nimmt sie selbst teil. „Es liegt mir sehr am Herzen, Tennis in Deutschland lebendig zu halten, und wenn es irgendwann als Spielerin nicht mehr geht“, sagte sie jüngst bei ihrer Vorstellung als „Tournament Ambassador“.

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          Wie soll man die vielbeschäftigte Hessin nun nennen: Spielend moderierende Botschafterautorin? Noch ist Andrea Petkovic vor allem Berufstennisspielerin, und als solche tritt sie zum womöglich letzten Mal in Wimbledon an. Nicht nur deshalb wird es eine besondere Reise nach London, die Delta-Variante des Coronavirus verbreitet Sorgen.

          Dennoch hat der All England Club die Erlaubnis erhalten, dass sich im Turnierverlauf immer mehr Zuschauer auf der Anlage tummeln und die Ränge am Finalwochenende voll besetzt sein dürfen. Die Profis dagegen müssen in einer „Bubble“ leben. „Da darf man nicht mal eine Stunde raus, sondern muss im Hotelzimmer sitzen und dort essen“, hat Andrea Petkovic gehört. So einen Arbeitsplatz kann niemand mögen.

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