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Wimbledon : Endstation Achtelfinale für Kerber

  • -Aktualisiert am

Für Angelique Kerber ist Wimbledon in diesem Jahr schon vorbei. Bild: AFP

Angelique Kerber spielt so gut wie lange nicht mehr und verliert trotzdem im Achtelfinale gegen Garbine Muguruza in drei umkämpften Sätzen. Die Deutsche ist nicht mehr die Nummer eins – das aber kann auch befreiend wirken.

          Am Montag war Angelique Kerber in Wimbledon fast wieder die alte. Eine Tennisspielerin, die verblüfft und begeistert – mit punktgenauen Konterschlägen an die Linien, mit qualitativ hochwertigen Rettungsaktionen unter höchstem Druck und mit gefühlvollen Stopps. Und doch endete ihre Auftrittsserie auf dem heiligen Rasen im Achtelfinale. Garbine Muguruza erwies sich in 2:20 Stunden Spielzeit als die um einen Hauch noch bessere Spielerin.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Die in Venezuela geborene Spanierin bezwang die zähe Deutsche 4:6, 6:4, 6:4 und knüpfte an ihre großartigen Leistungen an, die sie 2015 ins Wimbledon-Finale gebracht und 2016 zum Triumph bei den French Open geführt hatten.

          Für die Kielerin ist mit dieser Niederlage ihre Zeit als Weltranglistenerste nach 34 Wochen zunächst einmal vorüber. Karolina Pliskova, die schon ausgeschieden ist, wird sie überholen und Simona Halep, die das Viertelfinale erreicht hat, ebenso. Falls die Rumänin auch noch ins Halbfinale einzieht, wird sie nach Wimbledon an der Spitze der Rangliste stehen.

          Angelique Kerber interessiert das Thema schon lange nicht mehr, sie sorgt sich mehr um ihr Spiel. Und deshalb verlässt sie Wimbledon trotz des Scheiterns mit einem guten Gefühl: „Ich habe bewiesen, dass ich wieder zu meinem Spiel gefunden habe. Das war ein Match auf sehr hohem Niveau, es hätte auch ein Halbfinale oder Finale sein können.“ Der entscheidende Fortschritt für sie: „Ich habe mein Herz auf dem Platz gelassen, ich habe wieder mit Leidenschaft gespielt.“

          Zwischen Höhen und Tiefen

          Muguruza und Kerber durchlebten in den vergangenen Monaten den gleichen Albtraum: Nach großen Erfolgen fanden sie einfach nicht mehr zur ihrer Form. Während die 29 Jahre alte Deutsche ihren ersten Triumph bei den Australian Open 2017 fast ein Jahr lang immer wieder bestätigte – mit dem Titelgewinn bei den US Open und Finalteilnahmen bei den Olympischen Spielen in Rio, in Wimbledon und der WTA-WM –, bevor sie in ihr Tief rutschte, setzte bei Muguruza der Niedergang schlagartig ein.

          Seit ihrem Pariser Erfolg stand sie in keinem größeren Finale mehr. „Ich neige dazu, während eines Spiels an alles Mögliche zu denken. Ich muss mich zwingen, mich zu konzentrieren und nur auf den nächsten Punkt fokussiert zu sein“, bekannte die 23-Jährige einmal in einem Interview.

          Gegen Kerber gelang ihr das fast in jeder Phase der Auseinandersetzung. Als ihr zu Beginn des zweiten Satzes einmal vier unerzwungene Fehle in Serie unterliefen, ließ sie sich auch dadurch nicht aus der Spur bringen. In bester mentaler Verfassung spielt die 1,82 Meter große Muguruza ein so attraktives wie effektives Tennis. Voller Esprit, mit vielen Varianten, gewürzt mit einem guten Aufschlag und harten Schlägen von der Grundlinie. Dass sie deshalb von Anfang an in der Defensive sein würde, war Kerber vor dem ersten Ballwechsel bewusst. Im Gegensatz zu den ersten drei Begegnungen in Wimbledon verharrte sie nicht in Passivität, sondern versuchte ihrerseits, die Gegnerin mit extremem Winkelspiel oder Longline-Bällen unter Druck zu setzen. Vor allem im ersten Satz, aber auch noch im weiteren Verlauf der Partie durchbrach sie immer wieder den Rhythmus der Spanierin.

          Garbine Muguruza gewann und ließ ihrer Freude freien Lauf.

          Die knapp 4000 Zuschauer erlebten eine mitreißende Begegnung auf Court zwei, die bis zum Ende ausgeglichen verlief. Am Anfang mit ganz leichten Vorteilen für Kerber, der in dieser Phase noch einige Passierschläge gelangen, wenn Muguruza ans Netz vorrückte. Vom zweiten Satz an bereitete die Spanierin ihre Attacken besser vor und schloss sie mit traumwandlerisch sicheren Volleys ab. Solche vergleichsweise unaufwendig herausgearbeiteten Punkte bewahrten ihr vielleicht das Selbstvertrauen.

          In den längeren Ballwechseln behielt dagegen meistens Kerber die Oberhand. Beim 4:4 im ersten Satz eröffneten zwei leichte Fehler ihrer Gegnerin der Deutschen unverhofft zwei Breakpunkte. Den zweiten vermochte sie zu nutzen und brachte dann auch ihren Aufschlag sicher durch.

          Zurück zu alter Stärke – in schwierigen Momenten

          In den vergangenen Monaten war Muguruzas Spiel in solchen Drucksituationen häufig zusammengebrochen, diesmal gelang ihr im zweiten Satz jedoch eine Leistungsteigerung. Sie reduzierte ihre Fehlerquote, aber auch Kerber hielt ihr Niveau und kämpfte weiter mit Leidenschaft und Geschick. Bis zum Stand von 5:4 hielten beide Spielerinnen ihren Aufschlag, dann gelang Muguruza das Break, das gleichbedeutend mit dem Satzausgleich war.

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          Waren Aufschlagverluste bis dahin die Ausnahme, so wurden sie zu Beginn des dritten Durchgangs die Regel: Bis zum Stand von 3:3 gab es gleich vier. Das folgende siebte Spiel war dann das längste des Matches, doch nach zehn Minuten und der Abwehr von vier Breakbällen brachte die Spanierin ihr Service zur 4:3-Führung durch. Beim Stand von 4:5 musste Angelique Kerber dann ihren Aufschlag durchbringen und geriet gehörig unter Druck.

          Die ersten beiden Matchbälle vermochte sie noch mutig abzuwehren, aber dann blieb der Ball nach einer Rückhand an der Netzkante kleben und das Achtelfinale war nach 202 Ballwechseln (101:101) beendet. „Noch überwiegt die Enttäuschung“, sagte die Kielerin anderthalb Stunden nach dem Matchball. „Aber ich weiß, dass ich auf Wimbledon aufbauen kann. Ich freue mich auf die nächsten Monate.“ Nach ein paar Tagen Pause wird sie sich auf die Hartplatzsaison in den Vereinigten Staaten vorbereiten. „Und ich werde versuchen, wieder die Nummer eins zu werden.“

          Auch Venus Williams steht im Viertelfinale in Wimbledon.

          Ewig junge Venus

          Die fünfmalige Turniersiegerin Venus Williams ist nach einem Sieg im Generationen-Duell mit Ana Konjuh in das Viertelfinale von Wimbledon eingezogen. Die 37 Jahre alte Tennisspielerin aus den Vereinigten Staaten gewann am Montag gegen die 19 Jahre alte Kroatin Ana Konjuh 6:3, 6:2. Als Venus Williams im Sommer 1997 ihr Debüt bei dem Grand-Slam-Turnier in London feierte, war Konjuh noch nicht einmal geboren. Die ältere Schwester der derzeit wegen einer Schwangerschaft pausierenden Serena Williams ist die älteste Viertelfinalistin in Wimbledon seit Martina Navratilova im Jahr 1994. Sie trifft auf French-Open-Siegerin Jelena Ostapenko aus Lettland, die sich 6:3, 7:6 (8:6) gegen die Ukrainerin Jelina Switolina durchsetzte.

          Weiter im Wettbewerb ist zur Freude der britischen Fans auch Johanna Konta nach ihrem 7:6, 4:6, 6:4-Erfolg über die Französin Caroline Garcia. Die in Sydney geborene Britin mit ungarischen Wurzeln trifft im Viertelfinale nun auf die Rumänin Simona Halep, die gegen die Viktoria Asarenka 7:6 und 6:2 gewann. Die frühere Weltranglistenerste aus Weißrussland war erst kurz vor Wimbledon nach einjähriger Babypause wieder auf die Tennistour zurückgekehrt.

          Zum vierten Male in ihrer Karriere und zum ersten Mal seit 2004 erreichte die 32 Jahre alte Russin Svetlana Kuznesova das Viertelfinale in Wimbledon durch ihren souveränen 6:2- und 6:4-Erfolg gegen die Polin Agnieszka Radwanska. In der Runde der letzten Acht wartet nun die Spanierin Garbine Muguruza, die Angelique Kerber bezwungen hatte. Dort trifft die Slowakin Magdalena Rybarikova nach ihrem 6:4-, 2:6-, 6:3-Erfolg gegen die Kroatin Petra Martic auf die Amerikanerin Coco Vandeweghe, die in einer umkämpften Partie die Dänin Caroline Wozniacki 7:6 (7:4) und 6:4 niederkämpfte. (dpa)

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