https://www.faz.net/-gtl-6oxeb

Wimbledon : Laut wie Gibbonaffen, leiser als ein Preßlufthammer

  • -Aktualisiert am

Schön erfolgreich: Maria Schwarapowa Bild: dpa/dpaweb

Der Russin Maria Scharapowa fliegen in Wimbledon die Herzen nicht nur wegen ihres Spiels zu. Das Model steht im Finale gegen die Amerikanerin Serena Williams.

          3 Min.

          Maria Scharapowa kann schon vor dem Wimbledon-Finale gegen Serena Williams eine Sonderstellung beanspruchen: Die 17 Jahre alte Russin ist, wie die englischen Zeitungen schon seit Tagen nicht müde werden zu verkünden, die neue "Schönheitskönigin", das neue "Pin-up-Girl", der neue "Schwarm" des Turniers. Dank ihrer äußeren Reize stellt die gertenschlanke, 1,83 Meter große langbeinige Blondine, die wie Heidi Klum und Tyra Banks bei IMG Models unter Vertrag steht und im nächsten Monat die Titelseite der italienischen Modezeitschrift Vogue zieren wird, ihre Kolleginnen in den Schatten. Sie betont zwar immer wieder, sie sei in erster Linie Tennisspielerin. Aber auch sie weiß dank ihrer Vermarkter von IMG: Es hilft, wenn man nicht nur vorzüglich mit dem Racket umgehen kann, sondern dabei auch eine gute Figur macht.

          Die French-Open-Sieger Anastasia Miskina, die in Wimbledon früh scheiterte, gibt unumwunden zu, daß auch die zweite Generation der russischen Tennisspielerinnen nicht frei von Eitelkeiten ist: "Wir wollen auf dem Platz auch gut aussehen." Natürlich wehrt Maria Scharapowa die immer wieder auftauchenden Vergleiche mit ihrer Landsfrau Anna Kurnikowa empört ab. Seit Donnerstag hat sie noch mehr Grund dazu: Im Gegensatz zu ihrer "Vorgängerin", die 1997 als Sechzehnjährige im Halbfinale gegen die spätere Siegerin Martina Hingis ohne Chance war, zog sie durch einen 2:6-, 7:6- und 6:1-Sieg über die favorisierte Amerikanerin Lindsay Davenport als zweite Russin nach Olga Morozowa im Jahre 1974 (Finalniederlage gegen Chris Evert) ins Endspiel ein.

          Sie mußte dafür erbittert kämpfen - genauso wie sie es liebt, so wie sie es von frühester Kindheit gewohnt ist. Sie schlug sich mehr oder weniger alleine durch, nachdem sie ihr Vater Juri im Alter von sieben Jahren in der Tennis-Akademie des Schleifers Nick Bollettieri in Florida abgegeben hatte. "Ich habe meine Mutter sehr vermißt, aber ich habe nie geweint", erzählte sie in Wimbledon. Nein, Maria Scharapowa ist keine Heulsuse, sie macht sich ganz anders unüberhörbar bemerkbar.

          Mit ihrer die gewaltigen Grundschläge begleitenden tonalen Vielfalt, die von Stöhnen über Ächzen, Kreischen, Seufzen, Quieken und Quietschen bis hin zu Jaulen reicht und der damit verbundenen Lautstärke befindet sich die Russin in einer eigenen Liga. Sie ist die unumstrittene "Queen of the Scream", die Königin der Schreie, die "sibirische Sirene". Der "Daily Telegraph" beschreibt die von der in Sibirien geborenen Maria Scharapowa hervorgebrachten Geräusche als eine Mischung nicht jugendfreier Töne, wie man sie aus Jane Birkins Hit "Je t'aime" kenne, und Nachahmungen von Tierlauten.

          Achtung, Gesundheitsgefährdung


          Die englische Boulevard-Zeitung "Daily Mail" wollte es genauer wissen. Sie holte den sogenannten "Grunt-o-meter" (Stöhn-o-Meter), der einst bei Monica Seles gute Dienste geleistet hatte, wieder hervor. Mit diesem Lärmdosimeter ermittelten die investigativen Reporter in der Tat erstaunliche Spitzenwerte: Bei ihrem Halbfinalsieg gegen die Amerikanerin Lindsay Davenport steigerte sich die Weltranglistenfünfzehnte im dritten Satz auf 86,7 Dezibel - so laut wie schreiende Gibbon-Affen, lauter als eine Harley Davidson (85 Dezibel), nur unwesentlich leiser als ein Preßlufthammer, so laut wie ein Dieselzug, der in 30 Meter Entfernung vorbeirauscht, und ein Lärmpegel, der mit den Werten eines Rockkonzerts schon die Grenze der Gesundheitsgefährdung überschreitet.

          Aber auch wenn sich hin und wieder Spieler auf den Nachbarplätzen über den Geräuschpegel beschweren - die Gegnerinnen nehmen es gelassen hin: "Ich höre das gar nicht. Sie macht es ja nicht, um einen zu stören", sagte Lindsay Davenport, die dafür von ihrer Bezwingerin schwärmte: "Sie hat alle Waffen. Sie hat hier den Durchbruch geschafft." Auch ihre Finalgegnerin Serena Williams bekundete Respekt: "Sie spielt wirklich gut. Sie ist mittlerweile eine bessere Spielerin als bei meinem Sieg in unserem bisher einzigen Match in Miami. Aber auch ich habe mich verbessert."

          Davon war freilich im Halbfinale wenig zu sehen. Wie die junge Russin mußte die schwarze Amerikanerin im Semifinale hart kämpfen. Erst nach 2:27 Stunden hatte sie die Französin Amelie Mauresmo mit 6:7, 7:5 und 6:4 niedergerungen, wirkte dabei allerdings gegen ihre von einer Rückenverletzung geplagte Gegnerin alles andere als souverän. Noch vor zwei Jahren hatte sie Amelie Mauresmo im Halbfinale von Wimbledon 6:2 und 6:1 abgefertigt. Für ihren achten Sieg im neunten Duell mußte sie sich gewaltig strecken, weil sie, wie sie unumwunden zugab, an diesem regnerischen Tag außer ihrem Kämpferherz nicht viel mit auf den Platz gebracht hatte.

          Im Finale spielt die Titelverteidigerin nicht nur gegen ihre junge Herausforderin, sondern auch gegen 14 000 Fans auf dem Centre Court. "Die Menge feuert immer den Außenseiter an. Ich bin nie der Außenseiter", sagte Serena Williams. Die Amerikanerin ist die Favoritin, aber das schreckt Maria Scharapowa nicht: "Ich habe schon immer den Wettbewerb gesucht. Ich wollte schon immer Matches spielen, um Punkte kämpfen, gegen Mädchen, Jungs, Jüngere, Ältere." Im Finale kann sie ihre Vorlieben ausleben: Sie trifft auf eine Gegnerin, die fünf Jahre älter, die kräftiger, die erfahrener ist. Und die nur eines im Sinn hat, nämlich den Wimbledon-Hattrick zu vollenden.

          Weitere Themen

          Wachsen im Verborgenen

          Handball in Hannover-Burgdorf : Wachsen im Verborgenen

          Die „Mission Understatement“ läuft bestens. Die Handballer aus Hannover-Burgdorf sind die Senkrechtstarter der Saison. An diesem Donnerstag könnten sie ihren Vorsprung an der Tabellenspitze ausbauen.

          Topmeldungen

          Abkommen steht : Unerwarteter Durchbruch beim Brexit

          Die Unterhändler der EU und Großbritannien haben sich auf einen Brexit-Vertrag geeignet. Das bestätigten Jean-Claude Juncker und Boris Johnson auf Twitter. Ein Scheitern des Abkommens ist jedoch dennoch möglich.

          Amtsenthebungsverfahren : Verfassung und Verschwörungstheorie

          Bis jetzt gab es zwei Amtsanklagen gegen Präsidenten in Amerika, beide jedoch scheiterten – aus gutem Grund. Welche Wege zur Absetzung von Donald Trump wahrscheinlicher sind.

          Bernd Lucke : Nazischweine und Gesinnungsterror

          Vom AStA kann man nicht viel erwarten. Aber die Hamburger Regierung und die Universität leisten sich in Sachen Bernd Lucke eine peinliche Vorstellung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.