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Wimbledon : Ein Déjà vu mit Gold am Schuh

  • -Aktualisiert am

„Golden Girl” Maria Scharapowa Bild: AP

Im Jahr eins nach ihrem Wimbledon-Triumph muß Maria Scharapowa ihren Marktwert bestätigen. Die mittlerweile 18jährige Russin verdient mehr als jede ihrer Konkurrentinnen und steht unter dem größten Druck.

          Wenn Maria Scharapowa als Titelverteidigerin am Dienstag, dem Ladies Day, der Wimbledon-Tradition gemäß, die Damen-Konkurrenz der All England Lawn Tennis Championship gegen die Spanierin Nuria Llagostera Vives offiziell eröffnet, dann ist es nicht mehr zu übersehen: Die 18 Jahre alte Russin ist das "Golden Girl" des Tennis.

          Wie der Schweizer Ausnahmekünstler Roger Federer, der das wichtigste Turnier der Welt an diesem Montag um 13 Uhr Ortszeit (14 Uhr MESZ) gegen den Franzosen Paul-Henri Matthieu beginnt, wird sie den "heiligen Rasen" im Südwesten Londons in mit 24karätigen Goldbeschlägen besetzten Tennisschuhen unter ihre Füße nehmen. Der gemeinsame Schuster der beiden vorjährigen Wimbledon-Sieger hat sich die Entwicklung des exklusiven Schuhwerks angeblich 750.000 Euro kosten lassen.

          Werbeeinnahmen: 22,5 Millionen Dollar im Jahr

          Aber nicht nur dem amerikanischen Sportartikelgiganten Nike ist für die 1,83 Meter große, langbeinige Blondine nichts zu teuer. Dank ihrer anderen Partner Colgate-Palmolive, Prince, Microsoft, Honda, Pepsi-Cola, Motorola, Canon, NEC, Parlux Fragrances und TAG Heuer kassiert das in Sibirien geborene und in Florida aufgewachsene Teilzeit-Fotomodell jährlich 22,5 Millionen Dollar an Werbeeinnahmen. Nur der diesmal bei der Rasenparty wegen einer hartnäckigen Hüftverletzung fehlende Andre Agassi kassiert im Tennis außerhalb des Platzes mehr: 27 Millionen Dollar.

          Rasenprobe bestanden

          Unter den professionellen weiblichen Athleten steht Maria Scharapowa längst einsam an der Spitze. Die Amerikanerin Serena Williams mußte sich nicht nur im Vorjahr der Russin im Wimbledon-Finale geschlagen geben. Sie kassiert auch rund sieben Millionen Dollar weniger - und das, obwohl sie sechs Grand-Slam-Turniere mehr gewonnen hat als Maria Scharapowa.

          Tennisspielerin und Geschäftsfrau

          Marketingexperten schätzten nach dem Überraschungscoup der Russin im Vorjahr, daß sie bis zum Ende ihrer Karriere 150 Millionen Dollar für Reklameeinsätze bekommen könne; eine, wie sich schon im Jahr eins nach dem großen Coup zeigt, zu vorsichtige Schätzung. Mittlerweile spekuliert ihr Management von IMG damit, daß der fotogene Backfisch eines Tages in die Regionen eines anderen IMG-Klienten, in die von Tiger Woods (70 Millionen Dollar Werbeeinahmen), vorstoßen kann. "Maria ist auf dem Weg, eine Ikone zu werden", behauptet ihr Agent Max Eisenbud. Kein Wunder, daß seine Klientin sich nicht nur als Tennisspielerin, sondern auch als Geschäftsfrau sieht, die richtig aufblüht, wenn sie von ihrem eigenen Parfüm schwärmt.

          Aber um in die Liga der Werbe-Ikonen aufzusteigen, muß sie gewinnen - und damit haperte es in der jüngeren Vergangenheit. Nur ein Turniersieg im ersten Halbjahr 2005 ist trotz einer Gewinn-Verlust-Rechnung von 32:6 keine Empfehlung. Immerhin verteidigte sie beim schwach besetzten Vorbereitungsturnier in Birmingham am Sonntag vor einer Woche ihren Titel.

          Zunehmend einsilbig

          Aber diesem bescheidenen Erfolg stehen bittere Negativ-Erlebnisse gegenüber. Bei den Australian Open scheiterte sie an der späteren Siegerin Serena Williams im Halbfinale. Bei den French Open zeigte ihr wie schon in Berlin Justine Henin-Hardenne im Viertelfinale ihre Grenzen auf Sand auf. Im Endspiel des Turniers von Miami unterlag sie Kim Clijsters. Außerdem setzte es Niederlagen gegen die Weltranglistenerste Lindsay Davenport - und das auch noch mit der in Tenniskreisen als "Höchststrafe" bekannten Schlappe von 0:6, 0:6 im Halbfinale von Indian Wells, gegen die Schweizerin Patty Schnyder und gegen die Australierin Alicia Molik. Der Erfolg gegen Justine Henin-Hardenne im Viertelfinale von Miami blieb der einzige Sieg gegen eine der großen Namen des Damentennis.

          Die Niederlagen, das Zigeunerleben und die Hatz zwischen ihren vielen Terminen haben sichtlich am Nervenkostüm der Maria Scharapowa gezerrt. Sie sagte, sie fühle sich müde, um fast im gleichen Atemzug vehement darauf hinzuweisen, daß sie nicht ausgebrannt sei. In Interviews gibt sie sich zunehmend einsilbig. Als ihre ehemalige Kollegin Sue Barker für die Vorschausendung des Wimbledon-Haussenders BBC ein zehnminütiges Interview führen wollte, brach sie das Gespräch schon nach sieben Minuten ab - so kurz und dröge fielen die Antworten aus.

          Traurige Tradition der Tennisväter

          Auch das Verhältnis zu ihren russischen Kolleginnen ist mehr als angespannt. Die vorjährige French-Open-Siegerin Anastasia Myskina kündigte nach ihrer Niederlage bei der WTA Championship im November in Los Angeles schon an, daß sie auf keinen Fall mit der jüngeren Landsfrau im Fed Cup antreten wolle: "Wenn sie spielt, werdet ihr mich nicht sehen." Schuld ist der ständig mitreisende Vater Juri, der sich in der traurigen Tradition der Tennisväter bei Matches der Tochter immer mal wieder laut mit Ratschlägen einmischt. "Der spielt verrückt, am liebsten wäre er wohl auf den Platz gesprungen", schimpfte Anastasia Myskina.

          Da spielt sicherlich ein Stück Neid mit, denn die vielen Russinnen in der Weltspitze legen alle Wert darauf, in ihrer Heimat die Nummer eins zu sein. Das ist jetzt Maria Scharapowa. Aber um es zu bleiben, muß sie in Wimbledon viele Punkte verteidigen - keine leichte Aufgabe. Denn in der Hälfte der Weltranglistenzweiten warten nicht nur Justin Henin-Hardenne, sondern auch die Williams-Schwestern Venus und Serena. "Es ist für mich eine Heimkehr", beschreibt Maria Scharapowa ihre dritten Auftritt in Wimbledon. "Ich habe gelernt, auch aus schwieriger Position zu gewinnen." Bei diesem Wimbledon-Turnier kann sie ihre Lernfortschritte beweisen.

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