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Wimbledon : Der Herr der Asse auf Abschiedstour

  • -Aktualisiert am

Jungbrunnen Wimbledon: Goran Ivanisevic auf Abschiedstour Bild: AP

Goran Ivanisevic wurde bei seinem Erstrundensieg über den Russen Juschni wie ein Held gefeiert. Der Publikumsliebling aus Split, der das berühmteste Tennisturnier der Welt 2001 gewann, sagt Wimbledon in diesem Jahr endgültig adieu.

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          Goran Ivanisevic kam am Montag auf den geliebten Centre Court von Wimbledon, wie er selbst scherzhaft sagte, als "ungeschlagener Champion des Turniers" - und so wurde er auch begrüßt. Frenetischer Beifall empfing den einstigen "Herr der Asse" auf seinem Lieblingsplatz. Als er ihn, immer noch unbesiegt, nach einem glatten 6:4, 7:6, 6:2-Erfolg gegen den an Platz 31 gesetzten Russen Michail Juschni nach vier Regenpausen und einem Kniefall am Ende verließ, boten ihm die Fans stehend Ovationen dar. Und viele im Publikum fühlten sich wie in einer Zeitmaschine in die Vergangenheit versetzt. Wie in diesem Jahr durfte der mittlerweile auf Platz 415 der Weltrangliste abgerutschte Publikumsliebling aus Split auch 2001 nur dank einer Wildcard beim wichtigsten Tennisturnier der Welt mitspielen und bereicherte es gerade deshalb um eine märchenhafte Geschichte. Als krasser Außenseiter, als 125. der Weltrangliste, gelang ihm endlich, was ihm dreimal im Finale (1992 gegen Andre Agassi, 1994 und 1998 gegen Pete Sampras) verwehrt worden war: Er triumphierte spät auf dem geliebten Rasen im Londoner Südwesten, als erster Profi, der die Großzügigkeit des Veranstalters zum Wimbledonsieg nutzte.

          Aber in den 1078 Tagen, die zwischen dem späten Happy-End seiner langen Wimbledon-Saga gegen den Australier Pat Rafter, jenem wegen des vielen Regens auf Montag verschobenen Endspiels, und seiner verspäteten Rückkehr lagen, hatte der Linkshänder eine Schulteroperation, Knie- und Ellbogenverletzungen durchzustehen und mußte zweimal tatenlos zuschauen, wie 2002 der Australier Lleyton Hewitt und im Vorjahr der Schweizer Roger Federer seine Nachfolger wurden. Der Kroate kämpfte verzweifelt um ein Comeback, brachte seinen streikenden, mittlerweile 32 Jahre alten Körper noch einmal einigermaßen in Form. Mit einem einzigen Ziel: in Wimbledon adieu zu sagen. "Ich bin hier, um gut zu spielen und dann meine Karriere zu beenden", erzählte der Kroate. Und sein Vater Srdjan, der zusammen mit seinem ehemaligen Trainer und väterlichen Freud Nicola Pilic sowie mit Zvonomir Boban, dem ehemaligen Kapitän der kroatischen Fußball-Nationalelf, auf der Tribüne saß, fügte hinzu: "Er ist gekommen, um zu gehen." Die Zeit dafür scheint reif.

          „Auf Wiedersehen sagen und Spaß haben“

          Großes hatte Ivanisevic in den vergangenen Wochen und Monaten nicht geleistet: Bei neun Turnieren gewann er in diesem Jahr gerade mal zwei Matches. Aber Wimbledon scheint für ihn eine Art Jungbrunnen zu sein: "Der Rasen war wunderschön. Alles war perfekt. Ich habe heute alles gegeben und sehr gut gespielt. Ich habe ein großartiges Verhältnis zum englischen Publikum. Ich bin ganz entspannt. Ich habe mein Wimbledon gewonnen. Ich bin nach Wimbledon gekommen, um auf Wiedersehen zu sagen und Spaß zu haben."

          Den hatte er am Montag: Er spielte fast wie in seinen besten Tagen. Der zehn Jahre jüngere Juschni, der es immerhin schon zweimal bis ins Achtelfinale von Wimbledon geschafft hatte, war sichtlich beeindruckt von der Aufschlagkraft, den krachenden Vor- und Rückhandschlägen und den Netzattacken. Und weil auch noch Fortuna mitspielte, einmal küßte Ivanisevic nach einem Netzroller den unfreiwilligen Mitspieler, stand sein Sieg nie in Frage. Selbst der Regen, der ihm vor drei Jahren bei seinem Coup vor allem im dreitägigen Halbfinale gegen den Engländer Tim Henman geholfen hatte, wollte nicht zum großen Spielverderber werden. Denn Ivanisevic hatte neben seiner Abschiedsvorstellung noch ein anderes Ziel: Er wollte unbedingt dabeisein, wenn am Abend die Kroaten ihr letztes Gruppenspiel bei der Fußball-Europameisterschaft gegen England bestritten. Deshalb hatte er Oberschiedsrichter Alan Mills gebeten, ihn direkt nach dem traditionellen Auftaktmatch des Schweizer Titelverteidigers Federer auf den Centre Court zu schicken. Der All England Club erfüllte den Wunsch - und das, obwohl normalerweise nach den Herren der Platz den Damen gehört. Bei einer schnellen Niederlage hatte Ivanisevic sogar überlegt, mit einem Privatjet noch nach Lissabon zu fliegen, um live dabeizusein. Aber die vielen Regenpausen vereitelten diesen Plan: "Ich hätte schon ein Space Shuttle gebraucht", scherzte Ivanisevic. Aber so reichte es wenigstens, um im Hotel vor dem Fernseher lebhaft mitzufiebern. Es half nichts, für die kroatischen Fußballspieler ist nach dem 2:4 das Turnier zu Ende. Der Schwanengesang von Ivanisevic geht im Wimbledon weiter. Wie lange noch? Wahrscheinlich nicht noch einmal so weit wie vor drei Jahren. Aber der "ungeschlagene Wimbledon-Champion" hat schon jetzt mehr erreicht, als er sich wohl in seinen kühnsten Träumen erhofft hatte.

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