https://www.faz.net/-gtl-79bzx

Willi Daume : Visionär der Leichtigkeit

  • -Aktualisiert am

Willi Daume war eher ein Denker als ein Praktiker. Bild: picture alliance / dpa

Er war der bedeutendste deutsche Sportführer. Doch am Ende stand das Scheitern. Eine seiner größten Niederlagen war der Boykott der Spiele von 1980. Willi Daume zum 100.

          Nein, Liebe auf den ersten Blick war es nicht, als Rosemarie Kredel im Jahre 1946 den 33 Jahre alten Willi Daume zufällig auf dem Tennisplatz von Eintracht Dortmund traf. Die Tennisbälle hatte die Apothekerstochter bei der Tante in Amerika erbettelt, aber jedes Mal, wenn der Ball ein Stück zu weit ins Aus flog, hetzte Daumes Schäferhund hinterher. „Wir kannten uns ja kaum. Ich war sehr wütend auf Daume, dass er den Hund friedlich auf dem Ball hat rumkauen lassen“, erinnert sich die 86 Jahre alte Dame, die in Tutzing lebt. „Das war für mich eine unangenehme erste Begegnung. Ich fand, der Daume ist ein ganz unmöglicher Mensch.“

          Offenkundig hatte diese Beurteilung nicht lange Bestand, 1949 heiratete Fräulein Kredel, eine Tochter aus gutem Hause, den Eisengießerei-Besitzer Wilhelm Karl August Ferdinand, genannt Willi, Daume. Es muss eine glückliche Zeit gewesen sein. Die Firma in Dortmund prosperierte. Daume liebte das flotte Leben und ebensolche Sportwagen. Nein, ein Playboy war ihr Mann nicht, sagt Rosemarie Daume amüsiert, „es war eine schlimme Nachkriegszeit, wir wollten nur raus aus der Traurigkeit“.

          Das gelang, zumindest für geraume Zeit, am Ende aber steht das Scheitern. Die Vernachlässigung beruflicher Pflichten führte 1993, trotz intensiver Hilfe des Krupp-Generalbevollmächtigten Berthold Beitz, den Daume 1972 zu sich ins Internationale Olympische Komitee (IOC) holte, zum Konkurs der Wilhelm Daume GmbH & Co KG. Die Familie hatte er da längst verlassen, den Kontakt zu seinem Sohn Kay eingestellt. Tochter Doreen ist kürzlich nach langer schwerer Krankheit gestorben.

          Daume, der bedeutendste Sportführer in Deutschland nach 1945, Multifunktionär, Präsident des Deutschen Sportbundes (DSB) zwischen 1950 und 1970, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees (NOK) von 1961 bis 1992, ein Intellektueller, Denker, Visionär und Feingeist, hatte sich die letzten Jahre in eine kleine Hinterhaus-Wohnung im Olympischen Dorf von München zurückgezogen. Total verarmt. „Er lebte von uns,“ sagt Walther Tröger, langjähriger Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland und danach Amtsnachfolger von Daume als NOK-Präsident: „Wir vom NOK haben alles bezahlt, das Haus, die Miete, den Fahrer, eine Sekretärin.“ Am 20. Mai 1996 erlag der einstmals große Mann des deutschen Sports, einsam und verbittert, mit 82 Jahren in einer Münchner Klinik den Folgen einer Darmkrebs-Erkrankung. An diesem Freitag würde er 100 Jahre alt.

          Zeitlos schön: Das Zeltdach des Münchner Olympiastadions

          Daume war es, der auf die Idee kam, sich für die Olympischen Spiele im Westen Deutschlands zu bewerben. 1966 schaffte er es zusammen mit Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, sie für 1972 nach München zu holen. Sie wurden ein Gesamtkunstwerk der Leichtigkeit und Harmonie und hätten der Höhepunkt in Daumes Leben als Sportgestalter sein können. Bis zum Moment seiner größten Enttäuschung: dem Attentat auf die Mannschaft Israels. Wäre es nach ihm gegangen, wären die Spiele danach wohl nicht fortgesetzt worden.

          Daume schickt Gäb ungewollt  in den Ruhestand

          Daumes Vorstellungen von der Olympischen Idee wurden danach immer mehr von der Wirklichkeit überholt. 1980 wurde der Spanier Juan Antonio Samaranch IOC-Präsident, und fortan zogen Verbandsfunktionäre, Apparatschiks und fragwürdige politische Figuren ins IOC ein; eine Entwicklung, die mit dem Bestechungsskandal um den Olympia-Schauplatz Salt Lake City zu einem unrühmlichen Tiefpunkt führte.

          Wie wenig ihm die Entwicklung gefiel, sagte er klar und deutlich den Journalisten, die er bei den IOC-Tagungen in sein unaufgeräumtes Hotelzimmer beordert, und die sich auf der Bettkante niederließen, nachdem sie die herumliegende Gebrauchtwäsche beiseitegeräumt hatten. Regelmäßig hielt Daume dann eine Fundamentalkritik an dem Zeitgeist, der das IOC durchwehe, und ebenso regelmäßig endeten die Zusammenkünfte mit der Vergatterung, das Gesagte sei „selbstverständlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt“.

          Daumes Kritik am IOC unter Samaranch war fundamental: zu viel Verwaltung, zu viel Funktionärstum, zu viel Tagespolitik, zu viel Egozentrik, zu wenig Olympismus, zu wenig Qualität im Denken und Handeln: „Organisation ist wichtig, aber Organisation bringt keinen Geist und auch kein Leben hervor.“ Den spanischen IOC-Chef kritisierte er einmal als „pathosbefrachteten Machtpolitiker ohne intellektuelles Verständnis“, gleichwohl akzeptierte Daume als Chef der IOC-Zulassungskommission dessen Arbeitsauftrag, Profi-Sportarten wie Tennis ins Programm der Spiele zu integrieren.

          Sehr früh erklärte Daume, dass er „das alles schon viel zu lang“ mache. Loslassen gehörte jedoch nicht zu seinen herausragenden Fähigkeiten. Daume hinterlässt eine verlorene Generation deutscher Sportfunktionäre. Er hat die meisten ausgesessen, auch die, denen er wortreich die Nachfolge an der Spitze des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland und andere Ämter versprochen hatte.

          Willi Daume (links) neben Juan Antonio Samaranch, der von 1980 bis 2001 Präsident des IOC war

          Etwa dem Düsseldorfer Hans-Wilhelm Gäb, der im Gegenteil miterleben musste, dass Daume, ohne dazu autorisiert zu sein, den Pressevertretern am Rande einer Sporttagung sein Halbwissen über die lebensbedrohende Erkrankung des international agierenden Automobil-Managers steckte und damit zugleich das Ende von Gäbs NOK-Karriere verkündete. Am Ende hatte Daume so lange die Bestellung seines Hauses verschleppt, bis ihm die Nachfolgefrage aus der Hand glitt, und Walther Tröger vom Hauptamt als NOK-Generalsekretär ins Ehrenamt des NOK-Präsidenten wechselte, „gegen den erbitterten Widerstand von Daume“, wie Tröger stets einräumt.

          Moskau 1980: Daume gegen Samaranch

          Die derzeit dürftige deutsche Repräsentanz im internationalen Sport kann man als logisches Erbe dieser Daume‘schen Politik des Aussitzens sehen. Vier krachende Niederlagen bei Olympia-Bewerbungen, jede mit einer beschämend mageren Stimmenzuwendung, sprechen für die schwache Lobby. Auch die aussichtsreiche Kandidatur des Deutschen Thomas Bach für die IOC-Präsidentschaft hätte Daume nicht unbedingt gern gesehen. Er förderte ihn wie viele junge Männer, plazierte ihn 1981 in der ersten Athletenkommission und räumte 1991 seinen Platz im IOC für ihn, den er seit 1956 inne hatte. Später bezeichnete er Bach aber als „Emporkömmling“.

          Daumes Fähigkeiten als Sportpionier und Visionär, als politischer Gestalter waren beeindruckend. Er unterhielt ein weitreichendes Netzwerk in die Wissenschaft, Kunst, Kultur und Kirchen hinein. Realismus aber fiel Daume sichtlich schwer. „Alle großen Denker“ habe der NOK-Präsident bei der Vereinigung des Deutschen Sportbundes in Hannover bemüht, von Aristoteles bis Horaz, von Platon bis Goethe, „aber kein Wort zu den wirklichen Problemen gesagt“, kritisierte Ruder-Weltmeister und Aktivensprecher Volker Grabow.

          Über Doping habe Daume „nicht mit sich diskutieren lassen und alle, die damit anfingen, massiv zusammengestaucht.“ Eine Erfahrung, die auch der damalige DSB-Vizepräsident von Richthofen machen musste, als er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Doping-Untersuchungskommission auf die Abberufung des Doping-Befürworters Joseph Keul als Olympia-Arzt drängte und Daume dem Freiherrn die Tür wies. Die Olympia-Athletin und Doping-Gegnerin Brigitte Berendonk nannte den NOK-Chef einen „Häuptling und Hohepriester der Doppelzüngigkeit“.

          Willi Daume war ein Mann der einsamen Entschlüsse. Dass er 1980 in Moskau für das IOC-Präsidentenamt kandidierte, wussten vorher weder seine Familie noch die meisten IOC-Mitglieder. „Er wollte gerufen werden“, weiß seine langjährige Sekretärin Dagmar Püschel, und Walther Tröger ist sicher, dass Daume „auch ohne deutschen Olympiaboykott keine Chance“ gegen Samaranch gehabt hätte. Dass er diesen Boykott nicht verhindern konnte, gehört zu Daumes größten Niederlagen. Dass das Olympiagelände in München bis heute und trotz des Attentats eine unvergleichliche Beschwingtheit vermittelt, gehört zu seinen größten Siegen.

          Weitere Themen

          Der Geldhahn für die Boxer ist zu

          Weltverband Aiba : Der Geldhahn für die Boxer ist zu

          Der Boxverband Aiba hat ohne Olympia keine Zukunft. Und beim IOC ist er radikal in Ungnade gefallen. Daher ist es keine Überraschung, wenn die Vollversammlung den Boxern nun vorerst die Tür weist.

          Topmeldungen

          Konflikt mit Iran : Trumps gefährliches Hin und Her

          Nachdem es zunächst nach Deeskalation aussah, droht Donald Trump Iran abermals. Eine Strategie im Umgang mit der Islamischen Republik ist nicht erkennbar. Trumps Reaktionen haben aber auch innenpolitische Gründe.
          „Eine Art Ideologie, die zu Gräueln in der Historie unseres Planeten geführt hat“: So beschreibt ein ehemaliger Funktionär die Haltung der IAAF gegenüber der standhaften Caster Semenya.

          FAZ Plus Artikel: Fall Caster Semenya : Startrecht nach Kastration

          Die IAAF hat Caster Semenya nach ihrem Sieg in Berlin 2009 eine Operation nahegelegt zur Aufhebung ihrer Laufsperre. Vier Athletinnen unterzogen sich der Tortur. Ein früherer Funktionär spricht von einem Zwangssystem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.