https://www.faz.net/-gtl-79bzx

Willi Daume : Visionär der Leichtigkeit

  • -Aktualisiert am

Daumes Kritik am IOC unter Samaranch war fundamental: zu viel Verwaltung, zu viel Funktionärstum, zu viel Tagespolitik, zu viel Egozentrik, zu wenig Olympismus, zu wenig Qualität im Denken und Handeln: „Organisation ist wichtig, aber Organisation bringt keinen Geist und auch kein Leben hervor.“ Den spanischen IOC-Chef kritisierte er einmal als „pathosbefrachteten Machtpolitiker ohne intellektuelles Verständnis“, gleichwohl akzeptierte Daume als Chef der IOC-Zulassungskommission dessen Arbeitsauftrag, Profi-Sportarten wie Tennis ins Programm der Spiele zu integrieren.

Sehr früh erklärte Daume, dass er „das alles schon viel zu lang“ mache. Loslassen gehörte jedoch nicht zu seinen herausragenden Fähigkeiten. Daume hinterlässt eine verlorene Generation deutscher Sportfunktionäre. Er hat die meisten ausgesessen, auch die, denen er wortreich die Nachfolge an der Spitze des Nationalen Olympischen Komitees für Deutschland und andere Ämter versprochen hatte.

Willi Daume (links) neben Juan Antonio Samaranch, der von 1980 bis 2001 Präsident des IOC war

Etwa dem Düsseldorfer Hans-Wilhelm Gäb, der im Gegenteil miterleben musste, dass Daume, ohne dazu autorisiert zu sein, den Pressevertretern am Rande einer Sporttagung sein Halbwissen über die lebensbedrohende Erkrankung des international agierenden Automobil-Managers steckte und damit zugleich das Ende von Gäbs NOK-Karriere verkündete. Am Ende hatte Daume so lange die Bestellung seines Hauses verschleppt, bis ihm die Nachfolgefrage aus der Hand glitt, und Walther Tröger vom Hauptamt als NOK-Generalsekretär ins Ehrenamt des NOK-Präsidenten wechselte, „gegen den erbitterten Widerstand von Daume“, wie Tröger stets einräumt.

Moskau 1980: Daume gegen Samaranch

Die derzeit dürftige deutsche Repräsentanz im internationalen Sport kann man als logisches Erbe dieser Daume‘schen Politik des Aussitzens sehen. Vier krachende Niederlagen bei Olympia-Bewerbungen, jede mit einer beschämend mageren Stimmenzuwendung, sprechen für die schwache Lobby. Auch die aussichtsreiche Kandidatur des Deutschen Thomas Bach für die IOC-Präsidentschaft hätte Daume nicht unbedingt gern gesehen. Er förderte ihn wie viele junge Männer, plazierte ihn 1981 in der ersten Athletenkommission und räumte 1991 seinen Platz im IOC für ihn, den er seit 1956 inne hatte. Später bezeichnete er Bach aber als „Emporkömmling“.

Daumes Fähigkeiten als Sportpionier und Visionär, als politischer Gestalter waren beeindruckend. Er unterhielt ein weitreichendes Netzwerk in die Wissenschaft, Kunst, Kultur und Kirchen hinein. Realismus aber fiel Daume sichtlich schwer. „Alle großen Denker“ habe der NOK-Präsident bei der Vereinigung des Deutschen Sportbundes in Hannover bemüht, von Aristoteles bis Horaz, von Platon bis Goethe, „aber kein Wort zu den wirklichen Problemen gesagt“, kritisierte Ruder-Weltmeister und Aktivensprecher Volker Grabow.

Über Doping habe Daume „nicht mit sich diskutieren lassen und alle, die damit anfingen, massiv zusammengestaucht.“ Eine Erfahrung, die auch der damalige DSB-Vizepräsident von Richthofen machen musste, als er in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Doping-Untersuchungskommission auf die Abberufung des Doping-Befürworters Joseph Keul als Olympia-Arzt drängte und Daume dem Freiherrn die Tür wies. Die Olympia-Athletin und Doping-Gegnerin Brigitte Berendonk nannte den NOK-Chef einen „Häuptling und Hohepriester der Doppelzüngigkeit“.

Willi Daume war ein Mann der einsamen Entschlüsse. Dass er 1980 in Moskau für das IOC-Präsidentenamt kandidierte, wussten vorher weder seine Familie noch die meisten IOC-Mitglieder. „Er wollte gerufen werden“, weiß seine langjährige Sekretärin Dagmar Püschel, und Walther Tröger ist sicher, dass Daume „auch ohne deutschen Olympiaboykott keine Chance“ gegen Samaranch gehabt hätte. Dass er diesen Boykott nicht verhindern konnte, gehört zu Daumes größten Niederlagen. Dass das Olympiagelände in München bis heute und trotz des Attentats eine unvergleichliche Beschwingtheit vermittelt, gehört zu seinen größten Siegen.

Weitere Themen

Topmeldungen

Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Bruchteil der bis 2020 anvisierten 100.000 Ladestellen.

Elektromobilität : Strom-Tankstellen auf Staatskosten

Im Kanzleramt findet gerade ein Autogipfel statt. Ein Thema: Elektro-Autos. Sie sind für die Industrie das nächste Milliardengeschäft. Doch die Ladesäulen soll der Staat bezahlen – mit bis zu einer Milliarde Euro. Aber muss das sein?
Demonstranten in Cottbus im Mai 2018

Sicherheitsbehörden und AfD : Ist Frust die Ursache?

Es gilt, alle rechtsstaatlichen Mittel anzuwenden, um Reichsbürger aus dem Sicherheitsapparat auszuschließen. Es hilft aber nicht, allen Mitgliedern der Sicherheitsbehörden pauschal ein blindes rechtes Auge zu unterstellen. Eine Analyse.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.