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Werder Bremen : Rückkehr zur Gelassenheit

  • -Aktualisiert am

In aller Bescheidenheit: Dutt will Bremer Träume „am Leben halten“ Bild: dpa

„Ich genieße das“: Trainer Robin Dutt findet in Bremen einen Verein vor, der ihm freie Hand lässt. Mit Erfolg? Das Nordderby gegen Hannover 96 an diesem Sonntag (17.30 Uhr) ist der erste Test fürs große Ganze.

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          Zum Gespräch lädt Robin Dutt ins Trainerzimmer. Ein spärlich möblierter Raum. Schreibtisch, Stuhl, aufgeklapptes Laptop. Ein Besprechungstisch mit einem Stapel Zeitschriften, dabei das Jahrbuch der Kölner Haie - ein Gruß von Manager Thomas Eichin, der jahrelang die Geschäfte des Eishockeyteams führte. Es wäre undenkbar gewesen, sich mit Dutts Vorgänger Thomas Schaaf im Trainerzimmer zu unterhalten.

          Dutt schwebt ein neues Werder Bremen vor. Eines, das seine Handschrift trägt. Dafür schneidet er alte Zöpfe ab: Werder soll nicht mehr für ein 5:4 stehen, ein 1:0 genügt völlig. Den Auftritt der Mannschaft auf dem Volksfest „Freimarkt“ strich er. Im Winter reist Werder nach Jerez nach Spanien ins Trainingslager, nicht nach Belek in der Türkei, wie unter Schaaf. Alles fand den Beifall der Spieler. Dutt moderiert die Veränderungen in Bremen geschickt. Er kritisiert nichts, was Schaaf in seinen 13 Jahren bei Werder einführte und beibehielt – die beiden haben einen guten Draht gefunden. Dutt verändert Dinge leise. Die Chefs, Eichin, Klaus-Dieter Fischer und Aufsichtsrat Willi Lemke, lassen ihn machen. Sie wissen, dass alles andere als Abstiegskampf mit diesem Kader eine große Leistung wäre. Und wäre da nicht das böse 0:3 in Wolfsburg vom vergangenen Samstag, könnte man bei zwölf Punkten aus zehn Spielen von einer gelungenen Vorrunde sprechen.

          Raum für Experimente

          Doch weil in dieser Partie die Bremer Beschränktheit zu besichtigen war, wird das Nordderby gegen Hannover 96 an diesem Sonntag der erste Test fürs große Ganze: Ist es Dutt wirklich gelungen, Werder die bekannte Defensiv-Schwäche in nur gut vier Monaten auszutreiben? Das schien fast so, denn seine Mannschaft spielte schon vier Mal zu null – was in der gesamten Vorsaison nur drei Mal gelang.

          Die Null muss stehen: Bremens Santiago Garcia setzt die Vorgaben seines Trainers um - und stoppt Patrick Ochs
          Die Null muss stehen: Bremens Santiago Garcia setzt die Vorgaben seines Trainers um - und stoppt Patrick Ochs : Bild: dpa

          Dutts Vorgesetzte sind jedenfalls wild entschlossen, Ruhe zu bewahren. Selbst das 0:3 wurde gelassen hingenommen. „Es war doch klar, dass es Rückschläge geben würde“, sagt Thomas Eichin, der neue starke Mann bei Werder. So arbeitet Dutt in fast himmlischem Frieden. Er sagt: „Wenn du Werder übernimmst, muss dir klar sein, dass es nicht mehr das Bremen ist, das es einmal war. Die handelnden Personen haben mir glaubhaft versichert, dass sie andere Maßstäbe ansetzen als zu Champions-League-Zeiten. Hier bei Werder geht gerade alles relativ leicht von der Hand. Ich genieße das.“ Die Wohlfühl-Atmosphäre, die Dutt so ganz anders vorkommt als die Leverkusener Kälte, rührt auch aus der Vergangenheit. Fischer und Lemke haben indirekt Eichins Vorgänger Klaus Allofs dafür verantwortlich gemacht, dass Werder seit zweieinhalb Jahren unten versauert. Allofs habe den Nachwuchs vernachlässigt und lieber Stars gekauft, so lautet Fischers Kritik verkürzt. Dutt und Eichin baden nun aus, was die Vorgänger hinterlassen haben. Werder muss ohne Europapokaleinnahmen auskommen und sparen; die Eigenkapitalquote sinkt im dritten Jahr nacheinander. Dutt setzt im Sturm auf Talente wie Melvyn Lorenzen, 19, oder Martin Kobylanski, 18 Jahre alt, wenn die Stammstürmer Nils Petersen und Franco di Santo wie zuletzt in Wolfsburg fehlen. Oder besser – er tut es nicht. Denn beim VfL ließ der Trainer ohne Mittelstürmer spielen, versuchte es mit einer „falschen Neun“. Das missglückte. Dutts Vorgesetzte nahmen sein gescheitertes Experiment gleichmütig hin.

          Bremen - der Schlüssel für die Karriere

          Mit Robin Dutt als Chef kehrt Werder zur alten Gelassenheit zurück, die den Bundesliga-Standort Bremen schon in besseren Zeiten auszeichnete. Es gibt im Umfeld niemanden, der von der Champions League schwadroniert oder nach zwei Siegen den Einzug in die Europa League ausruft. Es ist eher so, dass Fischer und Lemke dem neuen Führungsduo dargelegt haben, wie wenig derzeit in Bremen möglich ist – und nun hoffen, dass die beiden das Maximale herausholen. Dass diese Mannschaft, die mit De Bruyne und Sokratis ihre besten Spieler verlor, am Ende sehr weit über dem Strich steht, erwartet an der Weser niemand. Spannend ist indes die Frage, wohin Dutt den Traditionsklub mit geringen Mitteln und ohne Stars von 2014 an führen will. Er sagt: „Ich möchte die Träume von den Erfolgen alter Zeiten am Leben halten.“

          Für den 48 Jahre alten Coach ist Werder der Schlüssel seiner weiteren Laufbahn. Aus Freiburg kommend galt er als Mann für größere Aufgaben. Taktisch versiert, modern, charmant. Irgendwie anders. Leverkusen war die Delle: ungeschickt im Umgang mit den Stars Ballack und Rolfes, selbstherrlich, besserwisserisch. Diese Attribute nahm er aus seinem knappen Jahr bei Bayer aus Leverkusen mit. Der Schreibtischjob beim DFB machte ihn unglücklich. Werder ist die große Möglichkeit. Mit seinem „kooperativem Führungsstil“ will Dutt sie beim Schopfe packen. Er findet einen Verein vor, der ihm freie Hand lässt. Man könnte das eine einmalige Chance nennen.

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