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Werder Bremen : Nichts eint mehr als ein Sieg gegen die Bayern

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„Die Bayern müssen sich bei uns beweisen”: Werder-Coach Schaaf Bild: dpa

Vor dem Topspiel gegen den Tabellenführer herrscht auch beim SV Werder Bremen großes Rätselraten über die wahre Leistungsstärke.

          Vier Spiele ohne Sieg. Unentschieden gegen Hansa Rostock und Hannover 96, eine Heimpleite gegen Borussia Dortmund, eine neuerliche Niederlage im Uefa-Cup bei einem zweitklassigen Gegner. An vielen Standorten der Fußball-Bundesliga würde in derartigen Situationen Unruhe herrschen. Doch bei Werder Bremen ist alles etwas anders. Auch wenn am Sonntag (17.30 Uhr) das Topspiel des elften Spieltags, der Nord-Süd-Klassiker gegen den FC Bayern München ansteht.

          Bremen ist bescheiden, Bremen ist beschaulich. Hier gibt es im Gegensatz zu München keine Hektik, wenn es sportlich mal nicht so läuft. Während öffentlich die Trainer-Nachfolger von Ottmar Hitzfeld gehandelt werden, kann Bremens Thomas Schaaf in aller Ruhe verklausulierte Analysen formulieren („Wir haben in Arnheim nicht geduldig den Punkt gesetzt.“).

          In Bremen kennt man sich

          Wo an der Säbener Straße Kamerateams sich scharenweise auf schweigende Spieler stürzen, sind am Weserstadion auch vor einem Schlagerspiel nur zwei TV-Sender zur Vorberichterstattung vor Ort. Es geht entspannt zu: Sportdirektor Klaus Allofs gibt ein Interview im Freien vor dem Stadion, nach der Pressekonferenz setzt sich Schaaf zu den zwei Dutzend Journalisten gemeinsam zum Mittagessen. Man kennt sich, man ist nett, man tauscht Allgemeinplätze aus. Da fällt das Arbeiten leichter. Anders als in München, wo im Doppelpass zwischen Spieler, Führung und Medien Intrigen und Indiskretionen dazugehören.

          In Bremen geht das gar nicht. Auf den Trainingsplatz, auf den das Herbstlaub rieselt, gehen die Werder-Profis auch am Freitag unbehelligt. Einige Spaziergänger werfen unter dem Regenschirm einen Blick durch den Maschendraht. Zuschauer muss man hier nie vom Training aussperren - mehr als drei, vier Dutzend Rentner kommen selten. So unterschiedlich die Bedingungen beim SV Werder und FC Bayern sind, so ähnlich ist die sportliche Ausgangslage. Zwei Mannschaften auf Formsuche.

          „Die Qualität der Bayern ist prinzipiell hoch“

          Vor allem die Bremer, derzeit Tabellenvierter, wissen nicht, wo sie wirklich stehen. „Es gibt kein Naturgesetz, dass Bremen hinter Bayern und Dortmund landet“, tönte dieser Tage Johan Micoud. Doch abgesehen davon, dass der französische Spielmacher zuletzt auch schwächelte, mag man solche Formulierungen an der Weser nicht. Die offizielle Tonart ist jene, der sich Schaaf vor dem Schlager verschrieben hat. „Die Qualität der Bayern ist prinzipiell hoch.“

          Will heißen: Champions-League-Ausscheiden, Trainer-Diskussion, Formkrise hin oder her, der Gast ist Titelanwärter, Tabellenführer, folglich Favorit. Schaaf: „Von den Schlagzeilen bleibt ja etwas hängen: Also müssen sich die Bayern bei uns beweisen.“ Es werde ein schwieriges Spiel, eines das nicht leichter werde, weil die Münchner gerade unruhige Zeiten hätten. „Die Bayern werden sich bei uns nicht zurücklehnen und 'balla, balla' spielen“, warnt er.

          Was Vernünftiges anbieten

          Die Formschwäche seines Teams, gerade am Donnerstagabend beim 1:2 bei Vitesse Arnheim im Uefa-Cup offensichtlich, schreibt der Trainer dem Umstand zu, „dass wir mehr wollen als es für den Moment Sinn macht.“ Doch ob die Seinen gesteigerten Ansprüchen standhalten, vermag auch Schaaf nicht zu sagen. Spielt bei Micoud neben der Klasse die Konstanz mit? Können sich Torjäger wie Ailton und Charisteas auch auf höchstem Niveau behaupten? „Wir sind keine Spitzenmannschaft“, behauptet Frank Verlaat immer wieder und hat in der holländischen Heimat mit seinem Eigentor gleich den besten Beleg geliefert. Die wahre Stärke der neu formierten Bremer Mannschaft bleibt selbst für die sportliche Leitung rätselhaft. „Gegen die Bayern müssen wir was Vernünftiges anbieten“, fordert Schaaf.

          Nun gilt die Standortbestimmung am Sonntag als ebenso Richtung weisend wie das Rückspiel im Uefa-Cup. „Nur ein Weiterkommen eröffnet uns weitere wirtschaftliche Möglichkeiten“, erklärt Allofs. Werder benötigt, wenn auch das an der Weser ungern zugegeben wird, dringend die sportliche und wirtschaftliche Perspektive. Die Vertragsverlängerung mit dem kanadischen Allrounder Paul Stalteri und vor allem Nationalspieler Frank Baumann gestalten sich außerordentlich schwierig, Angreifer Ailton hat wieder einmal Abwanderungsgelüste.

          Nichts eint so sehr wie ein Sieg gegen Bayern

          Alle jedoch wissen: Nichts eint die vielgepriesene Werder-Familie so sehr wie ein Sieg gegen die Bayern. Kein Vergleich elektrisiert die Fans in der Hansestadt mehr. Keine Begegnung schweißt die grün-weißen Anhänger mehr zusammen als der Verbund gegen den verhassten Erzrivalen aus dem Süden. In keinem Spiel steckt aus Bremer Sicht mehr Brisanz.

          Erstmals ist das ausgebaute Weserstadion ausverkauft, 40.200 Karten sind seit Wochen vergeben, extra für dieses Spiel sind Stahlrohrtribünen installiert. Direkt nach dem Match werden sie wieder demontiert. Wann sie wieder aufgebaut werden, „dafür gibt es keinen wirklichen Endtermin“ (Mediendirektor Tino Polster). Ist auch nicht dramatisch: Bis zum nächsten Bayern-Gastspiel würde reichen.

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