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: Weltrekordler Sebrle ärgert sich und will nun Weltmeister werden

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GÖTZIS. Ein paar Tage vor dem Internationalen Mehrkampf-Meeting in Götzis hatten die Organisatoren noch schnell gelbe Streifen auf die Werbeplakate in der Umgebung kleben lassen: "Weltrekord??" stand drauf, zwar mit zwei Fragezeichen versehen, aber trotzdem sehr verheißungsvoll.

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          GÖTZIS. Ein paar Tage vor dem Internationalen Mehrkampf-Meeting in Götzis hatten die Organisatoren noch schnell gelbe Streifen auf die Werbeplakate in der Umgebung kleben lassen: "Weltrekord??" stand drauf, zwar mit zwei Fragezeichen versehen, aber trotzdem sehr verheißungsvoll. Die Erwartungen hatte der Weltrekordmann Roman Sebrle selbst geschürt, als er sagte, er fühle sich "mindestens genauso gut wie vor zwei Jahren"; da war er in Götzis mit seinen 9026 Punkten in eine Region vorgedrungen, die unter Zehnkämpfern immer noch als magisch gilt. Seinen Worten hatte der 28 Jahre Tscheche zudem Taten vorausgehen lassen, die die Ankündigung realistisch erscheinen ließen: Bei einem Testwettkampf erzielte er persönliche Bestleistungen im Diskuswerfen (49,37 Meter) und Stabhochsprung (5,20 Meter). Im Mösle-Stadion von Götzis scheiterte Sebrles Vorhaben dann aber ausgerechnet an diesen Disziplinen.

          Schon nach dem ersten Tag lag Sebrle mit 4582 Punkten hinter dem Zwischenergebnis bei seinem Weltrekord zurück, 93 Punkte genau. "Aber der Rekord ist noch möglich", versicherte er am Samstag abend. Die Hoffnung verflog jedoch beim Diskuswerfen, als er lediglich auf 43,42 Meter kam. Das ärgerte ihn, "das hat sich auch beim Stabhochsprung ausgewirkt", gab er zu. Er kam nicht höher hinaus als 4,90 Meter. Immerhin kämpfte sich Sebrle zu 8807 Punkten, seinem zweitbesten Ergebnis, womit er das Meeting von Götzis zum drittenmal nacheinander gewann. Das hat zwar noch niemand geschafft, ihn aber wohl kaum getröstet.

          Die Mehrkampf-Veranstaltung von Götzis war in diesem Jahr ein Meeting der enttäuschten Hoffnungen, die aber nun auch nicht so niedergeschmettert worden sind, als daß nicht jeder Zehnkämpfer noch genug Optimismus für den Rest der Saison übrigbehalten hätte. Europameister Sebrle blickte schon zu den Weltmeisterschaften vom 23. bis zum 31. August in Paris, wo er erstmals den Titel gewinnen will und auch kann, so wie die Dinge stehen. Sein Landsmann und Titelverteidiger Tomas Dvorak kommt nicht in Form, Olympiasieger Erki Nool aus Estland ist am Rücken verletzt und hofft, wenigstens in sechs Wochen beim Meeting in Ratingen mitmachen zu können. Und in Götzis zeigte sich, daß Sebrle auch den Hallenweltmeister Tom Pappas nicht fürchten muß. Der Amerikaner bot dem Tschechen zwar lange Paroli, lag sogar nach dem Stabhochsprung noch 82 Punkte vor ihm. Aber das war zuwenig, weil er in den letzten zwei Übungen deutlich schwächer ist als Sebrle. 8700 Punkte hatte sich der 26 Jahre alte Amerikaner zugetraut, 8585 wurden es. Das war zwar Bestleistung, aber wirklich zufriedenstellend war es nicht. "Ich muß noch einiges tun", sagte Pappas, der seine Schwächen wie Sebrle im Diskuswerfen und Stabhochspringen sah: "Und definitiv im 1500-Meter-Lauf, der bringt mich noch um." Fünf Minuten brauchte er für die abschließende Disziplin, damit ist international nichts zu gewinnen, das weiß er selbst.

          Und die deutschen Zehnkämpfer? Landeten noch hinter dem besten Schweizer Rolf Schläfli (8019 Punkte) und dem besten Österreicher Klaus Ambrosch (7980). "Die Zahlen sprechen für sich", sagte Claus Marek, Disziplintrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV). Aber er warbemüht, die Zuversicht nicht zu verlieren. Seinem Besten, dem Hallenser Sebastian Knabe (Siebter mit 7958 Punkten), sei immerhin das Schicksal von Ambrosch erspart geblieben, die Qualifikationsnorm für die WM um nur zehn Punkte zu verfehlen. Von der DLV-Norm (8180 Punkte) war Knabe zwar weit entfernt, aber sein Optimismus gründet sich auf zwei Dinge: Im Frühjahr legte ihn eine Stirnhöhlenvereiterung drei Wochen flach, so daß er mit Trainingsrückstand nach Götzis kam. Und trotzdem "bin ich noch nie so gut in eine Saison eingestiegen". Woraus er folgerte, "daß ich 8300 Punkte drin habe". Kollege Mike Maczey aus Schleswig stieg nach drei ungültigen Versuchen im Diskuswurf aus dem Wettbewerb aus, bei ihm beobachtete Marek zumindest, daß er "wieder Schnelligkeit in seinem Paket hat", abzulesen an Bestleistungen über 100 Meter (10,98 Sekunden) und 110 Meter Hürden (14,13). Auch Maczey könne sich bis Ratingen "so auf Niveau bringen, daß es reicht", glaubt Marek. Weil bei der entscheidenden DLV-Qualifikation auch der immerzu malade Olympiazweite Frank Busemann die Norm erfüllen will, ist der Trainer optimistisch für die WM: "Alles wird gut." Wirklich?? Joachim Mölter

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