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Wandel im Rasentennis : Wehmut über Wimbledon

  • -Aktualisiert am

Vertreter der alten Schule: Roger Federer beim Volley Bild: dpa

Den klassischen Rasenspieler gibt es kaum noch auf der Tennis-Tour. Brachiale Aufschläge sind wichtiger geworden als Vorstöße ans Netz. Immerhin: Ausnahmespieler Federer steht im Viertelfinale.

          3 Min.

          Novak Djokovic beliebte zu scherzen. Es war am Montag, es drehte sich um Djokovics Viertelfinalspiel gegen Marin Cilic am Mittwoch, vor allem aber ging es um die Trainer der beiden Tennisstars. Boris Becker, der dem Serben beisteht, hat nämlich eine zwanzig Jahre alte Rechnung offen mit Goran Ivanisevic, der seinen kroatischen Landsmann betreut. Im Wimbledon-Halbfinale 1994 hatte Ivanisevic seinem deutschen Gegner 22 Asse um die Ohren gehauen und ihn nach drei flotten Sätzen aus dessen Wohnzimmer verjagt. Also machte sich Djokovic einen kleinen Spaß aus Beckers vermeintlichen Revanchegelüsten: „Ich erwarte von ihm, dass er auf den Platz geht und an unserer Stelle spielt.“ Der Serbe amüsierte sich sehr. Im Ernst wüssten es aber viele Fans zu schätzen, wenn es wie früher zu einem Schlagabtausch zwischen dem ehemaligen Serve-und-Volley-Spezialisten Becker und dem einstigen Aufschlag-Ungeheuer Ivanisevic käme. Ein Duell solcher Spielertypen ist heute eine Rarität. „Den klassischen Rasenspieler gibt es kaum noch“, äußerte Becker dieser Tage.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Seit Jahren liegt ein wenig Wehmut über Wimbledon. Vor allem ältere Tennisfreunde denken gerne an die Zeit zurück, in der weder der Rasen grüner noch die Kleidung weißer oder die Erdbeeren röter waren, aber auf dem Platz eine buntere Vielfalt herrschte. Es gab ein paar Spieler, die von der Grundlinie aus ihr Glück versuchten und nur im Notfall oder zum abschließenden Händeschütteln ans Netz kamen. Es gab einige Typen, die sich immerhin nach vorne wagten, wenn die Gelegenheit günstig erschien. Und es gab die Serve-und-Volley-Spezialisten, die unermüdlich ans Netz preschten und den schnellstmöglichen Abschluss suchten.

          Und heute? Dominiert selbst auf den vergleichsweise schnellen Rasenplätzen jene Sorte, die ständig von rechts nach links rennt, aber selten nach vorne. Er sei nach dem besten Volleyspieler unter den Top 100 der Weltrangliste gefragt worden, sagte Tim Henman, der ewige Wimbledon-Zweite im englischen Tennis, „aber mir fiel keiner ein. Unter den heutigen Spielern gibt es keinen Vergleich zu der Art und Weise, wie Stefan Edberg, Pat Rafter oder sogar ich volliert haben.“ Es liegt womöglich an Henmans nostalgisch verklärten Blick, dass ihm die selbst die wenigen Ausnahmespieler entgangen sind.

          Erfahrenes Duo: Roger Federer mit Trainer Stefan Edberg
          Erfahrenes Duo: Roger Federer mit Trainer Stefan Edberg : Bild: REUTERS

          Dem Tschechen Radek Stepanek, 38. der Weltrangliste, gelang es mit seinen Netzattacken immerhin, Djokovic in der zweiten Wimbledon-Runde einen Satz abzuknöpfen. Der Ukrainer Sergej Stachowski, auf Position 90 notiert, bezwang den Rekordchampion Roger Federer vor zwölf Monaten mit mutigem Serve-und-Volley-Spiel und überstand auch in diesem Jahr zwei Runden. Und dann gibt es ja auch noch den siebenmaligen Wimbledon-Sieger selbst, der unter seinem neuen Trainer Edberg ans Netz stürmt wie seit Jahren nicht mehr. „Das könnte das kleine Extrateil sein, um das Puzzle zusammenzufügen“, sagte Federer, der bei seinem 6:1, 6:4 und 6:4-Achtelfinalsieg gegen den Spanier Tommy Robredo 41-Mal ans Netz vorrückte und damit 29 Punkte machte. Doch auf Teufel komm raus werde er nicht Serve-und-Volley spielen. Er wolle ja gewinnen, nicht „in großem Stile scheitern“.

          Tatsächlich haben es die angriffsfreudigen Tennisherren von heute schwerer als einst die Beckers und Edbergs. Nachdem das Wimbledon-Turnier in den neunziger Jahren zu einem Aufschlagwettbewerb zwischen Herren wie Sampras und Ivanisevic geworden war, entschärfte der All England Club 2001 den Untergrund. Die acht Millimeter langen Halme bestehen seither aus reinstem Weidelgras, die Plätze werden stark gewalzt. Der Belag erlaubt längere Ballwechsel wie auf einem Hardcourt, Netzattacken sind riskanter. Weil auch die Entwicklung von Schläger und Besaitung eher dem aggressiven Grundlinienspieler entgegengekommen sind, laufen die mutigen Angreifer ständig Gefahr, passiert zu werden.

          Gewaltig: Den Kanadier Milos Raonic hat sein brachialer Aufschlag schon bis ins Viertelfinale gebracht.
          Gewaltig: Den Kanadier Milos Raonic hat sein brachialer Aufschlag schon bis ins Viertelfinale gebracht. : Bild: AP

          Aus diesem Frust heraus hatte sich auch Federer, der seinen ersten Wimbledon-Titel 2003 noch auf offensive Weise gewann, eine Zeitlang zurückgezogen. „Edberg hat mich in dem Plan bestärkt, dass es immer noch möglich ist“, sagte der Schweizer, der die Vorzüge des Serve-und-Volley grundsätzlich zu schätzen weiß: „Es übt Druck auf den Gegner aus, weil er weiß, dass jedem zu kurz geratenen Ball eine Attacke folgt.“ Zudem könne man den Konkurrenten aus dem Rhythmus bringen, wenn man Grundlinienduelle und Netzattacken munter mixt.

          Die Ängstlichkeit, nach vorne zu gehen

          Dass Serve-und-Volley auch heute noch Erfolg verspricht, hat Craig O‘Shannessy statistisch zu belegen versucht. Der ATP- und WTA-Analyst hat gezeigt, dass im vergangenen Wimbledon-Jahr knapp 68 Prozent dieser Attacken bei Damen und Herren zum Erfolg führten – wobei die Gesamtmenge recht übersichtlich war. Den Talenten von heute, bemängeln die Stars von gestern, würde das Volleyspiel gar nicht mehr beigebracht. Daher herrsche „eine Ängstlichkeit, nach vorne zu rücken“, sagte Henman: „Es ist traurig fürs Tennis.“ Netzattacken haben die langen Kerls wie Milos Raonic, der am Mittwoch mit einem Vier-Satz-Sieg über den Japaner Kei Nishikori das Viertelfinale erreichte, und Nick Kyrgios, der überraschend den Weltranglisten-Ersten Rafael Nadal aus dem Turnier warf, aber gar nicht mehr nötig - weil der Gegner schon Mühe hat, überhaupt an ihre brachialen Aufschläge heranzukommen. „Ein guter Aufschlag und Volley sind hier nach wie vor Gold wert“, sagte Becker: „Wenn man beides kann, hat man Vorteile.“ Wenn man den Volley nicht so gut beherrscht – auch nicht weiter schlimm.

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