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Walerij Lobanowski : Der alte Mann und der Ball

  • -Aktualisiert am

Walerij Lobanowski: natürliche Autorität Bild: dpa

Walerij Lobanowski ist eine der größten Fußball-Koryphäen Europas. Nur redet der 62-jährige Nationaltrainer der Ukraine nicht darüber.

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          Pressekonferenzen beinhalten gemeinhin kaum gesteigerten Nachrichtenwert. Nach der Champions-League-Partie zwischen Borussia Dortmund und Dynamo Kiew war das nicht anders.

          Schließlich hatte sich Walerij Lobanowski angesagt. Der Mann gilt zwar als eine der größten Koryphäen der internationalen Fußballszene, trainiert neben dem Meister auch noch die Nationalmannschaft der Ukraine (am Samstag und dem darauf folgenden Mittwoch Gegner der deutschen Auswahl in der WM-Qualifikation), redet aber nicht darüber.

          Auch nicht im Presseraum des Westfalenstadions: Lobanowski schickte seinen Assistenten Alexej Michailitschenko vor die Mikrofone, um die Hintergründe für das 1:2 von Dynamo gegen Borussia zu erläutern. Der Chef selbst mied die Öffentlichkeit.

          Der große Schweiger aus Kiew

          Typisch Lobanowski. Der Mann hat noch nie gern geredet. Und mit den Jahren ist der große Schweiger aus Kiew noch wortkarger geworden. Heute, mit 62 Jahren und nach zwei Herzinfarkten, redet er mit Journalisten - wenn überhaupt - nur noch das Allernotwendigste.

          Auch seine Spieler bekommen im Trainingsalltag nicht allzu viel mit vom Meister. Während seine Assistenten die Übungseinheiten leiten, verfolgt Lobanowski das Geschehen wie ein Feldherr von außen: regungslos und mit Argusaugen.

          Und wären während der Spiele nicht die stakkatoartigen Bewegungen im Kieferbereich beim Bearbeiten eines Kaugummis, könnten Beobachter glatt dem Trugschluss erliegen, auf der ukrainischen Bank wäre eine Figur aus dem Wachsfigurenkabinett platziert worden.

          Unstillbarer Wissensdurst

          Doch der Schein trügt: Lobanowski ist stets hellwach, mit Kennerblick und scharfem Verstand nimmt er mehr auf als die meisten seiner Zunft. Seit er Ende der 60-er Jahre ins Trainergeschäft eingestiegen ist, hat sich der frühere Linksaußen den Ruf erworben, einer der analytischsten und kompetentesten Fußballfachmänner im internationalen Zirkel zu sein.

          1967 tat sich Lobanowski in Kiew mit dem Physik-Professor Anatoli Zelentsow zusammen, um das scheinbar so ungeordnete Spiel elf gegen elf nach wissenschaftlichen Kriterien zu durchleuchten. Computer wurden gespickt, riesige Datenbanken angelegt, später kamen umfangreiche Archive zahlreicher Magazin- und Fachzeitschriften sowie jede Menge Videomaterial hinzu.

          Lobanwskis Wissensdurst war kaum zu stillen: Anfang der 70-er Jahre hospitierte der Trainer bei Bayern München und Borussia Mönchengladbach. Es heißt, er habe sich damals vom Kollegen Hennes Weisweiler Elemente des Gladbacher Konterspiels abgeschaut.

          Lange Liste an Erfolgen

          Lobanowski arbeitete stets an einem Kollektiv mit technisch und taktisch auf hohem Niveau agierenden Einzelspielern. Die Mannschaft, die seine Vorstellung von intelligentem Rasenschach am besten umsetzte, war das Team der UdSSR, das bei der Europameisterschaft 1988 in Deutschland erst im Endspiel gegen Holland verlor.

          Die Methode, sich dem schier unerschöpflichen Feld Fußball analytisch zu nähern, ist bis heute geblieben: 1997 wurde vor den Toren Kiews mit immensem Aufwand ein Trainingszentrum errichtet, das weltweit seinesgleichen sucht.

          Die Zahl der Titel mit Dynamo Kiew spricht ebenfalls für sich: acht Mal Meister der UdSSR, vier Mal der Ukraine, zwei Mal Gewinner des Europacups der Pokalsieger, dazu der Sieg im europäischen Supercup 1975 gegen Bayern München.

          Typ autoritär Chef

          Doch es sind nicht in erster Linie die Erfolge, die Lobanowski aus der Masse der Trainer herausheben: Einer wie er besticht durch Ausstrahlung und eine beinahe unheimliche Aura. Der ehemalige UdSSR-Nationalspieler Oleg Kusnezow beschrieb einmal seine Gefühle gegenüber dem Trainer-Guru wie die „eines Kaninchens vor der Schlange“.

          Betont autoritär pflegt Lobanowski seine Teams zu führen. Der Erfolgstrainer hatte in seinen großen Mannschaften mit Oleg Blochin, Igor Belanow, Alexej Michailitschenko oder zur Zeit Andrej Schewtschenko immer wieder begnadete Spieler mit filigranen fußballerischen Fähigkeiten. Der Chef war indes immer nur einer: Valeri Lobanowski bestimmte, der Rest gehorchte.

          „Lobanowskis letzter großer Auftrag“

          Auch wenn es den starken Mann nach dem Zusammenbruch der UdSSR sechs Jahre in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Kuwait ins gut dotierte Exil zog oder er sich aus gesundheitlichen Gründen abmeldete - geändert hat das an seiner absoluten Autorität nichts. Lobanowskis Wort ist Gesetz, seine Reputation in der Ukraine ist unumstößlich.

          Das gilt auch vor den beiden Spielen gegen Rudi Völlers Team, Lobanowskis „letzten großen Auftrag“ (Der Spiegel). Und sollte der erfolgreich erledigt sein, werden sie es dem großen alten Mann in seiner Heimat auch nachsehen, wenn er die Journalisten mal wieder links liegen lässt und die Pressekonferenz schwänzt.

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