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Volleyball-EM : Unglaubliche Spiele

Sogar Russland wankte im Endspiel: Eine Mannschaft macht Volleyball-Geschichte. Bild: firo Sportphoto

Fast wäre es sogar EM-Gold geworden: Doch auch Silber ist ein einzigartiger Erfolg für die deutschen Volleyball-Männer. Das Giani-System greift. Auch bei der Party danach.

          3 Min.

          An Schlaf war nicht zu denken in dieser Nacht, nach diesem Abend, nach diesem Endspiel. Voll mit Adrenalin, müde nach sechs Spielen binnen zehn Tagen, traurig über das knapp verpasste Gold, aber auch stolz auf die eigene Leistung, feierten die deutschen Volleyball-Nationalspieler im Club „Frantic“, einem Gewölbekeller im Zentrum von Krakau, den Gewinn der Silbermedaille bei dieser Europameisterschaft. Um kurz vor vier ging schon der Bus zum Flughafen, um kurz nach sechs hoben die Flieger Richtung Frankfurt und Berlin ab. Wer wollte da vorher schon ins Bett?

          „Es war ein unglaubliches Finale“, schwärmte Andrea Giani, der Bundestrainer, nach dem Match, das erst kurz vor halb zwölf in der Nacht beendet gewesen war. „Vor dem Finale dachten alle Leute, die Russen werden leicht gewinnen.“ Im Turnierverlauf hatten sie sich schließlich mit 15:0 Sätzen in fünf Spielen locker von Sieg zu Sieg geschmettert. Doch am Sonntag hielten die Deutschen dagegen. Die mittlerweile bestens eingespielte Mannschaft um Zuspieler Lukas Kampa und Hauptangreifer Georg Grozer ließ den Favoriten in einem epischen Endspiel nicht davonziehen, konterte vor 10.500 begeisterten Zuschauern jeden Satzgewinn und führte im finalen fünften Durchgang schon 5:2, ehe sie sich doch knapp 13:15 geschlagen geben musste. 19:25, 25:20, 22:25, 25:17 lauteten die Resultate der ersten vier Sätze in einem Spiel auf Augenhöhe, bei dem der Außenseiter in der Summe sogar zwei Punkte mehr erzielte. „Ich liebe meine Jungs“, verkündete Giani danach. „Sie haben eine enorme Energie aufs Feld gebracht.“

          Fromm, Böhme und Co haben sich den Russen entgegengestemmt, am Ende ging der Tiebreak knapp verloren
          Fromm, Böhme und Co haben sich den Russen entgegengestemmt, am Ende ging der Tiebreak knapp verloren : Bild: dpa

          Seine Jungs, die Angreifer Denis Kaliberda und Christian Fromm, Libero Julian Zenger, die Mittelblocker Marcus Böhme und Tobias Krick, aber auch stets präsente Bankspieler wie Ruben Schott, Michael Andrei oder Simon Hirsch, waren schon mit dem Einzug ins Endspiel über sich hinausgewachsen. Zum Auftakt der EM hatten sie den Favoriten Italien 3:2 niedergerungen. Und das Halbfinale avancierte zu ihrem Meisterstück: nach 0:2-Satzrückstand und der Abwehr von zwei Matchbällen gewann Deutschland mit 3:2 gegen Serbien. Auch dies für Giani „ein unglaubliches Spiel“.

          Der am Spielfeldrand ruhig auftretende, ansonsten äußerst empathisch wirkende Italiener ist erst ein gutes Vierteljahr im Amt, hat sich nach dem Gewinn der ersten EM-Medaille für deutsche Männer in der Volleyball-Geschichte aber bereits einen Platz in der Ruhmeshalle gesichert. Dabei war die Saison zuvor keineswegs reibungslos verlaufen. Deutschland hatte unter Gianis Führung die WM-Qualifikation für 2018 verspielt und auch den Aufstieg in der Weltliga verpasst. Doch die Geduld mit ihm und der von ihm angeschobenen Systemumstellung machten sich bezahlt. „Wir haben wichtige Turniere verloren, aber durch unsere harte Arbeit und unseren Glauben an uns und an das Projekt haben wir es geschafft“, bilanzierte der 47-Jährige.

          Empathischer Trainer Giani: „Ich liebe meine Spieler“
          Empathischer Trainer Giani: „Ich liebe meine Spieler“ : Bild: dpa

          Kapitän Kampa, der sich bis Tokio 2020 dem Nationalteam verpflichtet fühlt, erkannte eine Entwicklung, mit der der 30 Jahre alte Zuspieler zuvor nicht gerechnet hatte: „Es greifen Mechanismen, die vor fünf Wochen noch nicht gegriffen haben“, sagte er. „Wir haben an uns geglaubt und viel mehr Qualität aufs Feld gebracht.“ Grozer war im Endspiel mit 27 Punkten wieder einmal der überragende Angreifer, dennoch versteht auch er sich als Teil des Ganzen in der verjüngten Mannschaft: „Die jungen Leute haben mich begeistert, und ich danke, dass ich nochmals mitspielen durfte.“

          Der junge Tobias Krick, eine der Entdeckungen des Turniers, bekannte, schon vorher mit einer Medaille geliebäugelt zu haben, was für das Selbstbewusstsein der nachwachsenden Generation spricht. Nun sagte er: „Ich freue mich über Silber, aber ich bin auch enttäuscht. Das kann man bei 2:3 und 13:15 nicht leugnen.“ Der Mittelblocker aus Frankfurt vermutete aber: „In ein paar Tagen bin ich sehr glücklich.“

          Giani war da schon mehr dem Jetzt zugewandt, als er ankündigte: „Ich werde jetzt ein deutsches Bier trinken.“ Nach Pizza und kühlen Getränken schon in der Kabine entfaltete sich die kathartische Wirkung des Feierns schließlich im „Frantic“. Kurz vor Abfahrt des Busses tanzten die Spieler oben ohne, dekoriert mit ihren Silbermedaillen. Und Bundestrainer Giani, auch mit Ende 40 noch außergewöhnlich gut in Form, mittendrin.

          Mit diesem furiosen Finale endete die Nationalmannschafts-Saison. Erst im Mai geht es weiter. Die Spieler verstreuen sich in ihre Vereinsteams, ziehen weiter nach Italien, Russland, der Türkei oder bleiben direkt in Polen. Nur knapp die Hälfte spielt in der Bundesliga. Der ab kommender Woche für ein russisches Vereinsteam aktive Weltenbummler Grozer, der von Giani vor dieser Saison erst überzeugt werden musste, weiter für das Nationalteam zur Verfügung zu stehen, verabschiedete sich mit vielversprechenden Worten: „Es hat Spaß gemacht mit dieser tollen Truppe. Wir sehen uns wieder!“

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