https://www.faz.net/-gtl-nv3w

Volleyball-EM : Platznot in der Abteilung Attacke

  • -Aktualisiert am

Umschwärmt: Angreifer Christian Pampel Bild: dpa/dpaweb

Erstmals in der Geschichte des deutschen Volleyball-Nationalteams herrscht ein Überangebot an Angreifern von internationaler Klasse. Das steigert die Chancen, bei der EM im eigenen Land auch gegen Frankreich und Italien mitzuhalten.

          3 Min.

          Er ist deutscher Meister, er ist der punktbeste Spieler der vergangenen Saison, er springt so hoch wie kein anderer Volleyballer in der Bundesliga. Und doch steht er meist draußen. Marco Liefke, 2,07 Meter groß und 28 Jahre alt, muß zusehen, wie das Nationalteam Europameisterschaft von Erfolg zu Erfolg eilt, auch wenn er selbst nur sporadische Einsätze hat.

          Nach Siegen gegen die Slowakei, Tschechien und Spanien steht die Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) hinter Italien auf Platz zwei ihrer Vorrundengruppe. Sollte das DVV-Team an diesem Mittwoch gegen Frankreich gewinnen, wäre der Einzug ins Halbfinale perfekt. In der wichtigen Partie gegen Frankreich wird sich Marco Liefke abermals damit begnügen müssen, gelegentlich für einen Aufschlag eingewechselt zu werden.

          Ungewohnte Luxusprobleme

          Seinen Platz auf dem Feld nimmt Christian Pampel ein, das große Talent vom VfB Friedrichshafen. Bundestrainer Stelian Moculescu hatte Pampel den Vorzug gegeben, „weil er variabler spielt und auch leichte Vorteile im Block und in der Abwehr besitzt." Die Personalie Pampel/Liefke ist bezeichnend für die derzeitige Situation der deutschen Mannschaft. Der Bundestrainer hat nämlich ein Luxusproblem: Auf den Angriffspositionen stehen Moculescu gleich mehrere Schmetterkünstler von europäischem Format zur Verfügung. Moculescu sagt: „Ich könnte eine ganze Nationalmannschaft nur mit Angreifern aufstellen. Es gibt genügend Deutsche mit einem harten Hammer."

          Tatsächlich ist die Leistungsdichte in der Abteilung Attacke so hoch wie selten zuvor in der Geschichte des DVV. Wegen des Überangebots mußte Moculescu sogar einen starken Angreifer wie den Münchener Michael Mayer zu Hause lassen, der beim belgischen Spitzenklub Maaseik unter Vertrag steht. Und Marco Liefke, der wohl in den meisten europäischen Nationalteams einen Platz auf der Diagonale sicher hätte, ist eben nur Wechselspieler.

          Ein ähnliches Bild bietet sich im Außenangriff: Die ersten Partien bestritt Eugen Bakumovski, groß geworden beim Moerser SC und ab der nächsten Saison beim Meister SC Charlottenburg unter Vertrag. Im letzten Spiel gegen Spanien jedoch schwächelte Bakumovski ein wenig, seine Bälle prallten einige Male gegen den Block. Moculescu reagierte schnell und brachte Mark Siebeck. Der in Polen spielende Leipziger führte sich gleich mit einem krachenden Schmetterschlag ein und machte seinen Job so gut, daß er bis Spielende auf dem Feld bleiben durfte.

          Trotzreaktion nach Verletzungen

          Die Ausgeglichenheit und die Tiefe des deutschen Kaders ist überraschend - hatte doch Bundestrainer Stelian Moculescu kurz vor Turnierbeginn prominente Absagen bekommen. Kapitän Stefan Hübner, einer der weltbesten Mittelblocker, meldete sich wegen eines Ermüdungsbruchs im Scheinbein ab. Und Björn Andrae, Stammkraft im Außenangriff, erlitt eine Bänderverletzung.

          Doch statt eines befürchteten Leistungseinbruchs trat genau der gegenteilige Effekt ein. "Wir arbeiten das ganze Jahr auf die Europameisterschaft hin", sagt der Zuspieler Frank Dehne. „"Da können wir uns doch nicht von zwei Verletzungen aus der Spur bringen lassen. Die Ausfälle haben das Team noch mehr zusammengeschweißt."

          Pampel unter den Weltbesten

          Vor allem Christian Pampel trägt mehr Verantwortung. Er ist einer der besten Spieler der Volleyball-Europameisterschaft. Der Diagonalangreifer liegt mit 65 erzielten Punken auf Platz zwei der Scorerliste - hinter dem Niederländer Richard Schuil, einem absoluten Weltklassemann, der seit Jahren als Profi in Italien sein Geld verdient.

          Bis kurz vor Beginn des Turniers hatte Pampel um seinen Platz in der Startaufstellung bangen müssen. In dem Berliner Marco Liefke besitzt Pampel nämlich einen starken Konkurrenten. Pampel ist neun Zentimenter kleiner als sein Teamkamerad. Doch dieses Manko gleicht er mit enormer Sprungkraft und einem explosiven Armzug aus. Und er ist clever, er verfügt über ein gutes Auge.

          Marco Liefke hingegen lebt hauptsächlich von seiner überragenden Athletik. Er hat sich auf den Angriff spezialisiert - bei seinem Verein, dem SC Charlottenburg wird er von Abwehraufgaben entbunden. Anders als Liefke hat sich Pampel zum Ziel gesetzt, "ein kompletter Volleyballer" zu werden. In der nächsten Saison wechselt er zum italienischen Zweitligisten Esse-ti Loreto, um sich dort auf einer neuen Position ausbilden zu lassen. Pampel rückt dann von der Diagonalen auf die Außenposition und arbeitet auch in der Defensive mit.

          Stelian Moculescu, der ihn auch beim VfB Friedrichshafen betreut hat, unterstützt dieses ehrgeizige Projekt. „Wenn Christian weiter hart an sich arbeitet, kann er ein großer Volleyballer werden", sagt Moculescu, und bremst sich sofort: „Aber ich will zu viel sagen. Man muss vorsichtig sein, der Friedhof der hochgelobten Talente ist ja riesig in Deutschland."

          Weitere Themen

          High Noon in Sankt Petersburg

          Neue Ära im Eishockey : High Noon in Sankt Petersburg

          Eishockey ist sein Leben: Nun will Franz Reindl bei der Wahl des Weltverbands-Präsidenten René Fasel beerben, der fast drei Jahrzehnte an der Spitze stand.

          Die Aufsteiger der Formel 1

          McLaren sorgt für Furore : Die Aufsteiger der Formel 1

          Nach dem Sieg in Monza soll sich beim Großen Preis von Russland der fulminante Aufschwung des englischen Traditionsteams fortsetzen. Für den künftigen Angriff auf den WM-Titel ist fast alles am Platz.

          Topmeldungen

          Kanzlerin ohne Konfetti: Keine Schonung, keine Unterstützung - nicht in der Todeszone der Hochgebirgspolitik

          Merkels langer Schatten : Kanzlerin ohne Konfetti

          Angela Merkel wollte sich lange nicht in die Nachfolgefrage einmischen. Das musste sie auch nicht: Alle Kandidaten haben sich an ihr orientiert.
          Der FDP-Vorsitzende Philipp Rösler (/links) und der Spitzenkandidat Rainer Brüderle am 23. September 2013, dem Tag nach der Bundestagswahl

          Bundestagswahlen seit 1949 : 2013: Die FDP fliegt aus dem Bundestag

          19 Wahlen, 19 Geschichten. Heute: Angela Merkel beschert der Union aus heutiger Sicht unerreichbare 41,5 Prozent. Aber das eigentliche Ereignis der Bundestagswahl 2013 ist das Scheitern der Liberalen. Teil 18 unserer Wahlserie.
          Edgar Engist  mit seinen Hunden und Schafen auf seiner Wiese in Bollschweil. Der Schäfer fragt sich, warum Wölfe so viel mehr wert sein sollen als seine Arbeit.

          Landfrust : Im Würgegriff der Bürokraten

          Von Wolf bis Windkraft: Gut gemeinte Vorschriften, die in fernen Großstädten erdacht werden, treiben die Selbständigen auf dem Land in den Wahnsinn.
          Josephin Kampmann, Gesundheits- und Krankenpflegerin, steht in einem Zimmer der Corona-Intensivstation des Universitätsklinikums Essen und bereitet eine Infusion vor.

          Corona-Pandemie : Sieben-Tage-Inzidenz sinkt auf 60,6

          Das Robert Koch-Institut hat seit dem Vortag 7211 Corona-Neuinfektionen registriert. Tendenziell gehen die Infektionszahlen seit rund zwei Wochen zurück. In den USA müssen Staatsbedienstete nun bis Dezember geimpft sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.