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Volleyball-EM : Es regt sich was auf dem „Friedhof der Talente“

  • -Aktualisiert am

Bild: dpa

Nie waren deutsche Spieler im Ausland so begehrt wie zurzeit. Und nie waren sie so wechselwillig. Das soll für die Nationalmannschaft bei der Volleyball-EM von Vorteil sein.

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          Als Björn Andrae noch in der zweiten Liga beim VC Olympia Berlin spielte, fiel er nicht nur durch seine wuchtigen Schmetterschläge auf. Andrae, damals gerade 19 Jahre alt, sagte: „Für mich gibt es ein großes Ziel: Ich will nach Italien, in die beste Volleyball-Liga der Welt.“

          Das Interview sorgte für großen Ärger, sogar der stellvertretende Präsident des Deutschen Volleyball-Verbandes, Götz Moser, schaltete sich ein. Der junge Kerl solle den Mund nicht so weit aufmachen und sich erstmal in der Heimat durchsetzen, lautete Mosers Kritik. Andrae ließ sich davon nicht irritieren. Im Gegenteil. Statt wie geplant zum lokalen Kooperationspartner SC Charlottenburg zu wechseln, ging Andrae ans andere Ende der Republik, zum deutschen Meister VfB Friedrichshafen. Und auch am Bodensee hielt es der Außenangreifer nicht lange aus. Andrae, 22 Jahre alt, zieht es jetzt nach Italien. Ab September steht er in Cueno unter Vertrag.

          Rätselhafte Strategie der Selbstschwächung

          Der Friedrichshafener Vereinstrainer Stelian Moculescu ist Andrae nicht böse wegen seines Weggangs. Es war sogar Moculescus ausdrücklicher Wunsch, daß sein begabtester Volleyballer den Klub verläßt. Schon im letzten Jahr hatte Moculescu gesagt: „Den Björn schmeiße ich bald aus der Halle. Der braucht eine neue Herausforderung.“ Moculescus rätselhafte Strategie der Selbstschwächung hat einen einfachen Grund: Der gebürtige Rumäne ist im Nebenjob auch Trainer der deutschen Nationalmannschaft. Und als solcher sorgt er sich um die Gesamtentwicklung der Sportart. „In Deutschland gibt es einen riesigen Friedhof von Talenten“, sagt Moculescu. „Es wird höchste Zeit, daß die Jungen ihr Potential voll ausschöpfen. Wer sich morgens sein Frühstücksei selber kochen muß und am Abend gegen die weltstärktesten Spieler antritt, der wird ein richtiger Kerl.“

          Auslandserfahren: Ralph Bergmann
          Auslandserfahren: Ralph Bergmann : Bild: EFE

          Moculescu, der seit Jahren unermüdlich für die Professionalierung des Männer-Volleyballs kämpft, dürfte über den neusten Trend höchst erfreut sein. Am Freitag abend in Karlsruhe, wenn das Nationalteam mit dem Gruppenspiel gegen die Slowakei in die Europameisterschaft startet, wird Moculescu zahlreiche Legionäre begrüßen können. Sieben von zwölf Nationalspielern stehen ab der kommenden Saison bei Klubs in Italien, Belgien, Frankreich und Polen unter Vertrag. Einen solch hohen Anteil von Legionären hat es in der Geschichte der deutschen Männer-Auswahl noch nie gegeben.

          „Und was machst Du sonst so?“

          Ralph Bergmann ist der dienstälteste Auslandsprofi im Kader der deutschen Nationalmannschaft. Eigentlich war es nur ein Satz, der ihn so sehr gestört hat, daß er vor fünf Jahren Deutschland verließ. Wenn er zum Beispiel auf einer Party nach seinem Beruf gefragt wurde, und Bergmann antwortete, er spiele Volleyball, dann kam dieser Satz einfach immer: „Ja, und was machst Du sonst so?“ Bergmann konnte die Frage nach zehn Jahren als Profi in der Bundesliga nicht mehr ertragen. „Es nervt einfach, sich dauernd für seinen Beruf rechtfertigen zu müssen“, sagt er. „In Deutschland gilt Volleyball als Hobby, aber nicht als ernsthafter Job.“

          Im belgischen Städtchen Roeselare, südlich von Brügge gelegen, hat der 33 Jahre alte Mittelblocker ermüdende Partygespräche über sein Sportlerleben noch nicht führen müssen. Im Gegenteil. „Die Akzeptanz ist voll da“, sagt Bergmann. „Man wird sogar ein bißchen bewundert.“

          Norbert Walter, gebürtiger Berliner und zuletzt beim VfB Friedrichshafen beschäftigt, ist neben Björn Andrae einer von vier jungen Spielern, die der Bundesliga nach Ende der Europameisterschaft den Rücken kehren werden. Walter wechselt zum italienischen Erstligaverein Ducato Volley Parma. Für Walter, 24, bedeutet der Wechsel auch ein Abenteuer. „Als Ausländer steht man automatisch im Blickpunkt“, sagt er. „Es wird sehr genau registriert, ob man seine Leistung bringt. Ich werde mich nicht verstecken können.“

          Mehr Leistungsdruck im Ausland

          Diese Erfahrung, permanent auf dem Prüfstand zu stehen, hat Stefan Hübner bereits hinter sich. Der derzeit verletzte Nationalspieler zählt nach drei Jahren in Italien zu den besten Mittelblockern der Welt. „Ich habe hier gelernt, eine professionellere Einstellung zu finden“, sagt der 28jährige. „Bei meinem letzten Klub in Deutschland, dem SC Charlottenburg, wurde zum Beispiel im Kraftraum viel gequatscht. Training bedeutete eine Art von passiver Unterhaltung. Jetzt gehe ich viel konzentrierter in die Halle. Ich stehe unter einem ganz anderen Leistungsdruck.“

          Stefan Hübner und Ralph Bergmann verkörpern jenen Typus Volleyballer, den sich die Verantwortlichen im Verband schon lange gewünscht haben. Beide setzen voll auf Volleyball, beide machen keine Ausbildung und kein Fernstudium - und beide bündeln alle Energien für ihren Sport. Olaf Kortmann, Moculescus Vorgänger im Amt des Bundestrainers, hatte schon Mitte der neunziger Jahre geklagt, die deutschen Volleyballer seien ein „Volk von Bausparern, die kein Risiko in ihrem Leben eingehen wollen.“ Jetzt, so scheint es, ist eine Generation der Wagemutigen herangewachsen. Volleyball dient ihr nicht mehr dazu, auf angenehme Weise den Sommerurlaub und das Auto zu finanzieren, sondern ist Zentrum der Lebensplanung geworden.

          Ralph Bergmann, väterlicher Ratgeber für die Jungen im Nationalteam, beurteilt die Karriechancen der deutschen Talente als außerordentlich aussichtsreich. „Wir haben viel Potential im Nationalteam“, sagt Bergmann. „Alle können es schaffen im Ausland.“ Die Reise durch die Welt sollte nach Meinung des gebürtigen Osnabrückers aber auch ihre zeitlichen Grenzen haben: „So ab dreißig sollte man schon mal an das Leben nach dem Sport denken. Irgendwann will man ja auch zurück nach Hause.“

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