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Volleyball-EM : Deutschland verliert das Finale

Die Mannschaft von Bundestrainer Giovanni Guidetti unterlag in einem packenden Endspiel dem Weltmeister Russland Bild: dpa

Nur der Weltmeister ist zu stark: Die deutschen Volleyball-Frauen verlieren das EM-Finale gegen Russland. Großen Anteil am guten Abschneiden der Deutschen hat der Trainer. Giovanni Guidetti ist ein Volleyball-Besessener.

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          Es gibt Menschen, die schlafen scheinbar nie. Deren Tag muss 36 Stunden haben, so ein Pensum haben sie, so viele Dinge schaffen sie. Menschen, die eigentlich zwei oder drei Leben zu leben scheinen. So ein Mensch ist Giovanni Guidetti.

          Bernd Steinle

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Guidetti ist Bundestrainer der deutschen Volleyball-Frauen. Seit gut sieben Jahren läuft in der Auswahl des Deutschen Volleyball-Verbands alles bei dem 40 Jahre alten Italiener zusammen, und schaut man zurück auf diese sieben Jahre, so wirken sie wie ein einziger langer Anlauf für diese Europameisterschaft im eigenen Land. Platz neun, Platz sechs, Platz vier, Platz zwei, das waren die EM-Resultate der Deutschen seit 2005.

          Und am Samstagabend spielten sie nun in Berlin vor 8500 Zuschauern gegen Russland um den Titel des Europameisters 2013. Doch wie schon vor zwei Jahren in Belgrad, damals gegen Serbien, blieb es für die deutschen Frauen bei EM-Silber. Trotz einer deutlichen Leistungssteigerung gegenüber dem 3:2-Zittersieg im Halbfinale über Belgien und starker Gegenwehr unterlagen sie dem Weltmeister mit 1:3 Sätzen (23:25, 25: 23, 23:25, 14:25).

          Ungeachtet der phantastischen Stimmung in der ausverkauften Max-Schmeling-Halle spielten die Russinnen dabei in den entscheidenden Situationen trocken ihre physischen Vorteile in Block und Angriff aus. Das Gegenrezept der Deutschen sah vor: möglichst viel Druck im Aufschlag entwickeln, um den großen Russinnen Probleme in der Annahme zu bereiten und so ihre enorme Angriffswucht zu schwächen.

          Die deutschen Spielerinnen bedanken sich beim Publikum

          Das gelang ihnen streckenweise hervorragend, der erste Satz (25:23) ging nur hauchdünn an Russland. Im zweiten wuchs die Verunsicherung in der russischen Annahme und zunehmend auch im Angriff - Deutschland kam in Fahrt, glich mit 25:23 aus. In Satz drei hatte sich Russland wieder gefangen, die Folge war Spannung pur, ehe wieder mal ein Block die Sache für die Russinnen entschied (25:23). Anschließend ließen sie sich das Spiel nicht mehr nehmen, setzten sich auch im vierten Durchgang deutlich 25:14 durch.

          Das 1:3 gegen Russland war die einzige Niederlage im EM-Turnier für die deutschen Frauen - eine beeindruckende Bilanz. Die Schlüsselfigur hinter diesem Erfolg heißt Giovanni Guidetti. Er hat diese Mannschaft geprägt, er hat sie nach seinen Vorstellungen geformt. Seine Vorstellungen, das heißt: Er hat sie zusammengeschweißt, Kampfgeist und Teamdenken verankert und eine unbändige Energie freigesetzt, den unermüdlichen Willen, nie aufzugeben, alles zu versuchen, bis der letzte Ball auf den Boden gefallen ist.

          Die Russinnen fanden die Lücken im deutschen Block zielsicher

          Diese Mentalität hat das Team um Spielführerin Margareta Kozuch verinnerlicht. Als Guidetti anfing als Bundestrainer, da sagte er, er wolle nur Spielerinnen in seinem Team, „die bis in die Umkleidekabine kämpfen“. Die hat er bekommen.

          Auch, weil Guidetti diese Konsequenz selbst verkörpert. Er ist ein Energiebündel, der Klang der Bälle in der Halle, sagt er, „ist mein Benzin, ohne das ich nicht leben kann“. Geht es um Volleyball, wirkt er manchmal wie ein Besessener, so, als könne er nie genug kriegen von diesem Sport, als wolle er ihn im Innersten verstehen. Mit 23 trainierte er den italienischen Zweitligaklub Spezzano, er führte ihn in die erste Liga und wurde dort gleich „Trainer des Jahres“. Inzwischen ist Guidetti seit Jahren in Istanbul zuhause, zuletzt führte er den Klub Vakifbank Istanbul zum Triple aus Meisterschaft, Pokal, Champions League.

          Mit Blumen und Silber konnten die Deutschen am Ende doch noch lachen

          Er ist ein Perfektionist, und sichtbarer Ausdruck dessen ist der Tablet-Computer, den er bei jedem Spiel in der Hand hält. Dort kann er den letzten Ballwechsel noch mal genau studieren, und er bekommt laufend sämtliche statistischen Daten über seine Spielerinnen. „Er ist statistik-verrückt“, sagt Mittelblockerin Christiane Fürst, sie muss es wissen, sie spielt nicht nur im Nationalteam unter Guidetti, sondern auch in Istanbul.

          Dort ist der 1,78 Meter große Italiener unter ganz anderen Bedingungen erfolgreich als in der Nationalmannschaft, die Ressourcen bei den türkischen Großklubs sind schier endlos. Im Nationalteam sind ihm andere Grenzen gesetzt, personell wie finanziell. In der türkischen Auswahl, sagt Guidetti, verdiene die Nummer 15 noch 25 000 Euro im Monat, er habe eine Spielerin im Kader, die 250 bekommt.

          So sehen Siegerinnen aus: Die Russinnen mit ihrem Trainer in der Mitte

          Guidetti ist ein Trainer mit extrem hohen Ansprüchen, doch er versteht es, diese Ansprüche zu vermitteln, das Team auf seinem Weg mitzunehmen, dank seiner Offenheit und der guten teaminternen Kommunikation. „Er beharrt nicht auf der Meinung, die er schon 2006 hatte. Auch er lernt dazu, er bringt immer was Neues, so dass wir uns ständig weiterentwickeln“, sagt Mittelblockerin Corina Ssuschke-Voigt.

          Motivationsprobleme nach sieben Jahren mit dem gleichen Trainer? Nee, sagt Corina Ssuschke-Voigt, und es klingt, als sei das ein ziemlich absurder Gedanke. „Wir wissen, wir haben mit den besten Trainer der Welt.“

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