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Volleyball-Bundesliga : Grenzwertige Sprüche und kalkulierte Gefühlsausbrüche

  • -Aktualisiert am

Den Titel im Visier: Friedrichshafens Robert Koch und Norbert Walter Bild: dpa

Auch dank der Motivationskünste von Coach Stelian Moculescu steht der VfB Friedrichshafen vor dem fünften Titel in der Volleyball-Bundesliga.

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          Das Szenario ist kein unbekanntes in der Volleyballbranche: Stelian Moculescu ereifert sich an der Seitenlinie, definiert dabei den Begriff Coaching Zone ganz neu, ärgert sich bis zur Maßlosigkeit - und schimpft nach Kräften auf die Schiedsrichter, auch und gerade nach Siegen seiner Teams. Abreagieren nennt man das, der impulsive Trainer öffnet gern mal ein Ventil, um Dampf abzulassen.

          Heraus kommen dann auch grenzwertige Sprüche, die zuweilen einer gewissen Komik nicht entbehren. „Was waren das für Fehlentscheidungen“, entsetzte sich der 51-Jährige in Anspielung auf den ersten Satz im dritten Finalspiel gegen Berlin.

          Adressat der Kritik war Schiedsrichter Andre Jungen aus Oberhausen, der eigentlich eine recht unauffällige, also im Sportlerjargon ordentliche Leistung geboten hatte. Dennoch polterte Moculescu richtig los: „Wir sind doch hier nicht im Ostblock.“ Wohl gemerkt: Der Mann ist gebürtiger Rumäne.

          Kalkulierte Gefühlsausbrüche?

          Außerdem ist Stelian Moculescu Coach der deutschen Nationalmannschaft und natürlich der von Serienmeister VfB Friedrichshafen. Vier Mal in Folge hat der Klub zuletzt den Titel gewonnen, dazu noch vier Pokalsiege geschafft - auch dank der Motivationskünste und regelmäßigen Gefühlsausbrüche ihres Chefs, die in ihrer Spontaneität und Heftigkeit fast schon wieder kalkuliert wirken.

          Und ihre Wirkung offenbar nicht verfehlen. Meisterschaft Nummer fünf ist für Friedrichshafen nun zum Greifen nah, denn im Playoff-Finale gegen den SCC Berlin führt der Favorit und Normalrundenerste mit 2:1 Siegen.

          Schon am kommenden Samstag kann der VfB in eigener Bodenseehalle den erforderlichen dritten Erfolg landen. Sollte das nicht gelingen, hätte der Branchenführer am Sonntag erneut und an selber Stätte Gelegenheit, seine Vormachtstellung im deutschen Volleyball zu untermauern. Das Heimrecht als entscheidender Vorteil?

          Noch kein Heimsieg in der Finalserie

          Nicht unbedingt. Denn kurios ist bisher der Verlauf der Finalserie. Noch keinen Heimsieg hat es gegeben - höchst ungewöhnlich in einer Hallen-Mannschaftsportart, die einen Großteil ihrer Attraktivität aus einer Dichte an Atmosphäre bezieht, die bei spannendem Spielverlauf und mitfiebernden Fans fast zwangsläufig entsteht.

          So auch in den Spielen zwei und drei in der prall gefüllten Sporthalle Charlottenburg. Dort hatten die Berliner die Möglichkeit, nach dem sensationellen 3:2 zum Auftakt in Friedrichshafen mit zwei Heimsiegen deutscher Meister zu werden, da beim Modus „best of five“ drei Erfolge reichen.

          Verpasste Chancen

          Und Chancen dazu gab es allemal. Besonders samstags, als der SCC bereits mit 2:0 nach Sätzen führte, im entscheidenden Tie-Break bei 14:12 sogar zwei Matchbälle hatte. Zwei Eigenfehler und drei VfB-Angriffe später war der Berliner Traum ausgeträumt, der SCC hatte mit 2:3 (25:23, 26:24, 17:25, 20:25, 15:17) verloren.

          Vermutlich auch schon alle Hoffnungen auf den Titel, denn tags darauf konnten sich die Hauptstädter nur einen Satz lang aufbäumen. Am Ende siegten die Gäste verdient mit 3:1 (25:22, 23:25, 25:13, 25:22).

          Kein Mitleid vom Meister

          Mitleid hatten die Berliner vom Gegner nicht zu erwarten, allenfalls Respekt. „Das sind sie selbst Schuld“, sagte VfB-Kapitän Bogdan Jalowietzki nicht ohne Schadenfreude. „Dieses zweite Spiel mit den Matchbällen für den SCC war der Knackpunkt. Jetzt machen wir zu Hause den Sack zu. So etwas wie im ersten Heimspiel passiert uns nicht noch einmal.“

          Immerhin hatte der deutsche Nationalspieler etwas Anerkennung parat: „Es waren bisher drei schwierige Spiele, viel schwieriger als vor zwei Jahren.“ Seinerzeit hatte es ebenfalls diese Endspielpaarung gegeben - damals demütigte Friedrichshafen den SC Charlottenburg mit drei 3:0-Lektionen.

          Culic steht vor der Demission

          Die Berliner haben gelernt aus dieser bitteren Erfahrung. Und mit Mirko Culic einen Erfolgstrainer, der perfekt zum SCC passt. Nur: Wie lange noch? Der ehemalige Klassezuspieler amtiert seit dieser Saison bei seinem alten Klub, hat trotz Problemen in der Normalrunde ein Team geformt, das als nervenstarkes Kollektiv in den Playoffs gegen die ASV Jets Dachau und den Überraschungszweiten TSV Unterhaching überzeugte.

          Dennoch steht möglicherweise Culics Demission an - aus familiären Gründen kehrt er eventuell nach Jugoslawien zurück.„Diese Option besteht“, bestätigte SCC-Manager Kaweh Niroomand. „Wir würden aber gern mit ihm weitermachen und er grundsätzlich auch mit uns. Deshalb arbeiten wir an einer Lösung.“

          Culic selbst hält sich noch bedeckt. Er sei mit seinen Gedanken noch bei der Finalserie und habe den Titel noch nicht abgeschrieben. Zu seiner persönlichen Situation will sich der Coach erst danach erklären. Für die Bundesliga wäre sein Verbleib wichtig: als Gegengewicht zu Moculescu und seinen Friedrichshafenern.

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