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Volleyball-Bundesliga : Finanzieller Kollaps der Netzartisten

  • -Aktualisiert am

Berlin und Friedrichshafen kämpfen um den Titel, anderere Klubs um das finanzielle Überleben Bild: dpa

Wenige Monate vor der Frauen-WM in Deutschland müssen zahlreiche Volleyball-Bundesligisten Insolvenz anmelden und um ihre Existenz bangen.

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          Ausgerechnet wenige Monate vor der Frauen-WM in Deutschland müssen zahlreiche Volleyball-Bundesligisten um ihre Existenz bangen. Nach dem Aus für Bayern Lohhof während der Saison, haben nun auch die DJK Karbach und Männer-Bundesligist ASV Dachau Insolvenz angemeldet. Weitere Klubs könnten folgen.

          Man kennt das Dilemma: Wenn es einem großen Sportverein an den Kragen geht, leiden in erster Linie die Fans. Da machen die Anhänger der Volleyballerinnen aus dem mainfränkischen Karbach keine Ausnahme.

          „Wenn bei einem Fußballverein mal ein paar Cent fehlen, kommen sofort aus der ganzen Welt Finanzspritzen, aber wenn ein so toller Verein wie die DJK Karbach am Verrecken ist, interessiert sich keine Sau dafür“, schreibt einer der Frustrierten, der seinen Beitrag mit dem Kürzel M.W. zeichnet, im Gästebuch auf der Homepage des Klubs.

          Leises Sterben

          Drastische Worte sind das, aber im Kern enthalten sie viel Wahrheit: Volleyballvereine sterben leise. Wenn sie abgewickelt werden, weil die Ausgaben für den Spielbetrieb nicht mehr durch die Einnahmen gedeckt werden können, interessiert das höchstens die lokale Presse.

          Wobei es hierzulande kein Einzelfall ist, dass einen spielstarken Klub der finanzielle Kollaps ereilt. In den vergangenen Monaten hat sich die Lage in den höchsten Spielklassen der Männer und Frauen allerdings dramatisch zugespitzt: Wo immer man hinblickt, wird das Geld bedrohlich knapp.

          Insolvenzen im Wochenrhythmus

          Als erster Klub machte im Winter Frauen-Erstligist Lohhof schlapp. Am Ende war beim Ex-Meister nicht einmal mehr Geld für die Gebühren vorhanden, die nötig waren, um die ausländischen Spielerinnen für den Europapokal zu melden. Nun geht auch dem ASV Dachau die Luft aus.

          Der frühere Branchenführer bei den Männern, Mitte der 90er Jahre immerhin Finalist in der Champions League, soll mehr als 150.00 Euro Schulden haben und plant einen Neuanfang in Liga zwei oder der Regionalliga. Inzwischen hat die „Volleyball Dachau GmbH“ den Antrag gestellt, das Insolvenzverfahren einzuleiten.

          Kampf um das Überleben

          Das hat der Karbacher Manager Bernhard März für seine den Bundesliga-Spielbetrieb verantwortende Prosport GmbH bereits Ende März erledigt. Für die nächste Saison benötigt der Klub nach seinen Angaben einen Etat von mindestens 450.000 Euro.

          Den Karbacherinnen bleibt wenig Zeit: Bis zum 1. Mai muss beim Deutschen Volleyballverband die Bundesliga-Lizenz beantragt werden haben. Nach heftigen Solidaritätsbekundungen auf der Homepage des Klubs und Unterschriftaktionen, haben Sponsoren nun signalisiert, doch noch nachzulegen. Bruno Fraas, vorläufiger Insolvenzverwalter hatte die Überlebenschancen des Klubs in der 1. Liga zunächst mit mit „50 zu 50“ beziffert.

          Sorgen quer durch die Republik

          Zur gleichen Einschätzung kommt Manager Heinz Widmaier bei den Frauen aus Ulm. Dort hat der Hauptgeldgeber, der Finanzdienstleister MLP, den Volleyballerinnen ebenso die Gefolgschaft zum Saisonende aufgekündigt wie in Creglingen der Motoren-Ventilatoren-Hersteller ebm.

          „Die erste Bundesliga scheint weg zu sein“, sagte Creglingens Vorsitzender Helmut Bauer jüngst, „wir kriegen die Mittel nicht zusammen, die wir brauchen.“ Rund 250.000 Euro fehlen im Taubertal, um auch im nächsten Jahr eine konkurrenzfähige Mannschaft ins Meisterschaftsrennen schicken zu können.

          Alarmierende Zeichen

          Bei anderen Erstligisten ist die Lage zwar nicht so dramatisch, doch auch sie müssen drastische Etatkürzungen in Kauf nehmen. Berlin, Dresden, Vilsbiburg, von überall her dringen Meldungen durch, dass an allen Ecken und Enden gespart werden muss, um das Überleben in der bel etage zu sichern.

          Selbst für eine Sportart wie Volleyball, die finanziell noch nie auf Rosen gebettet war, sind die Zeichen alarmierend. Für Widmaier vor allem „eine Folge des 11. September, die ganze Wirtschaftssituation hat sich seitdem dramatisch verschlechtert“. Die Rezession trifft die Branche der Schmetterkünstler besonders hart, denn sie lebt seit jeher von der Hand in den Mund. Und wenn die Budgets sowieso gerade mal reichen, um sich über Wasser zu halten, wird es halt eng, wenn am wenigen auch noch gespart wird.

          Berlin schlägt Friedrichshafen

          Das Dilemma verdeutlicht Kaweh Niroomand, Manager des SCC Berlin. Dem Hauptstadtklub gelang zum Auftakt des Play-off-Finales ein überraschender 3:2 Erfolg beim Branchenführer Friedrichshafen, der seinen fünften Meistertitel in Folge einfahren will, um damit einen neuen Bundesliga-Rekord aufzustellen.

          Zwischen 1000 und 4000 Euro, sagt Niroomand, verdiene ein Bundesligaspieler. Im Grunde sei das für einen Profi nicht ausreichend: „Die Jungs trainieren zwei Mal am Tag und viele verzichten darauf, sich um ihre berufliche Laufbahn zu kümmern. Für das, was sie leisten, kriegen sie zu wenig. Für das, was Vereine zahlen können, zu viel.“

          „Schnell, dynamisch, charmant und sexy“

          Wobei man den Machern auf den Geschäftsstellen zugute halten muss, dass sie sich seit jeher auf enorm schwierigem Terrain bewegen. In den vergangenen Jahren ist es nur Wenigen gelungen, für ihre Netzartisten mit Geschick und Beharrlichkeit ein größeres Stückchen vom Vermarktungskuchen des Sports zu ergattern.

          Karbachs Manager Bernhard März hat sich in den vergangenen Jahren immer schwerer getan, den Interessenten die Ware Volleyball schmackhaft zu machen. Dabei wurde er nicht müde, sein Produkt als „schnell, dynamisch, charmant und sexy“ anzupreisen. Erhört worden ist er dabei viel zu selten. Genau wie viele seiner Kollegen. Und so hat sich die Lage so dramatisch zugespitzt, dass ausgerechnet im Jahr, da die Frauen-WM in Deutschland stattfindet, der Kollaps der obersten Spielklasse droht.

          Deshalb fordert Ulms Manager Heinz Widmaier auch, die Athleten müssten sich „nach dem Markt orientieren und Abstriche machen“. Widmaier sieht in der Krise jedoch auch „die Chance auf eine Selbstreinigung“. Selbst auf die Gefahr, „dass wir mittelfristig in Deutschland keine Profis mehr sehen, sondern Athletinnen, die mehr aus Spaß an der Freude spielen“.

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