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Viktor Kortschnoi : „Ich nehme ein Schachbrett mit ins Grab“

  • Aktualisiert am

Ein Leben nach dem Schach gibt es für Kortschnoi nicht Bild:

„Mein Leben für das Schach“ heißt seine veröffentlichte Biographie. Im Interview spricht Viktor Kortschnoi über eitle Großmeister, ungeliebte Computer sowie Anatoli Karpow und die Sowjetunion als Gegner.

          3 Min.

          Viktor Kortschnoi ist eine der interessantesten Persönlichkeiten der Schachgeschichte. Dreimal scheiterte er beim Versuch, den Weltmeistertitel zu gewinnen, an Anatoli Karpow - und der geballten Schachmacht der Sowjetunion, die den „Abtrünnigen“ mit allen Mitteln bekämpfte.

          Fünfzig Jahre nach seinem ersten internationalen Turnier, das er 1954 in Bukarest gewann, hat der 73 Jahre alte Wahl-Schweizer seine Autobiographie „Mein Leben für das Schach“ veröffentlicht, die Dagobert Kohlmeyer übersetzt hat und in der Kortschnoi auch einige seiner spektakulärsten Partien kommentiert.

          Sie haben den Kalten Krieg am Schachbrett in voller Härte erlebt. Wie stehen Sie heute zu Karpow?

          Natürlich waren die Beziehungen in unseren Wettkämpfen sehr gespannt. Karpow hat sich niemals bei mir entschuldigt, daß er bei drei Schachduellen das ganze Waffenarsenal der Sowjetunion gegen mich verwendete. Ich habe versucht, in seinem Verhalten menschliche Züge zu finden. Leider war das schwierig.

          Sie verloren gegen Karpow das WM-Kandidatenfinale 1974 und damit die Chance, Bobby Fischer herauszufordern (Karpow wurde dann kampflos Weltmeister, weil Fischer nicht antrat). Träumen Sie heute noch von einem Wettkampf gegen Bobby Fischer?

          Nein, das möchte ich nicht. Er ist kein glaubwürdiger Mensch. Er hat zum Beispiel behauptet, alle Wettkämpfe zwischen Karpow und Kortschnoi sowie zwischen Karpow und Kasparow seien abgesprochen gewesen. Der Mann scheint nicht besonders klug zu sein.

          Mal ganz ehrlich: Beim legendären WM-Kandidatenturnier 1962 in Curacao wurde Fischer doch von den Sowjets gelinkt?!

          Von mir nicht. Im zweiten Durchgang habe ich gegen Fischer nach groben Fehlern verloren. Das wahre Komplott wurde von Petrosjan organisiert und war gegen mich, Michail Tal und Fischer gerichtet. Aber nur er, der Amerikaner, konnte nach dem Turnier in den Zeitungen über „Foulplay“ sprechen.

          Sie haben Fischer, nachdem er schon etliche Jahre untergetaucht war, noch einmal getroffen.

          1977 hatte ich eine große Simultantour in den Vereinigten Staaten. In Kalifornien traf ich mich mit Fischer in Pasadena. Er schien sehr einsam, fast verloren in dieser Welt, aber sein Verstand arbeitete scharf, wenn wir über Schachstellungen sprachen. Doch danach geschah folgendes: Ich mußte am gleichen Tag nach Los Angeles, um einen Vortrag zu halten und eine Simultanvorstellung zu geben. Dort erzählte ich von meinem Treffen mit Fischer. Nach meiner Rückkehr in die Schweiz erhielt ich einen Brief von Bobby Fischer, in dem er mich bezichtigte, ein KGB-Mann zu sein. Seither will ich keine Beziehungen mehr zu ihm.

          Nach Jahren des Untertauchens ist Fischer in Japan festgenommen worden.

          Bobby Fischer ist kein Vorbild für die heutige Jugend.

          Und Sie selbst? Sie gelten in der Schachszene vor allem als ehrgeizig, kompromißlos und mutig.

          Früher war ich in der Tat sehr, sehr ehrgeizig. Nun bin ich zwar ein alter Mann, trotzdem ist noch ein gewisser Ehrgeiz vorhanden. Der Grund: Die jungen Leute sollen verstehen, daß sie noch etwas von mir lernen können - und müssen.

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