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Viktor Kortschnoi : „Ich nehme ein Schachbrett mit ins Grab“

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Wer war Ihr Vorbild?

Am Anfang war das natürlich Michail Botwinnik. Er war mein Idol. Daß ich die Französische Verteidigung spiele, ist ein Dank an ihn. Dann hatte ich große Sympathien für Paul Keres. Es waren allerdings gemischte Gefühle, weil es sich bei ihm um meinen Angstgegner handelte. Heute kann ich mir vorstellen, daß sich jemand meine Person zum Vorbild nimmt.

Viele Schachstars waren oder sind sehr eitel. Darf ein Genie so sein?

Ja, natürlich. Ich bin auch mehr oder weniger eitel. Aber das ist normal. Eitelkeit ist doch ein menschlicher Charakterzug. Die Leute verstehen schon, daß große Leute kleine Eitelkeiten oder Schwächen haben können.

Wie würden Sie Ihren Schachstil charakterisieren?

Die Leute sagen, daß mein Stil an den von Emanuel Lasker erinnert.

Den einzigen deutschen Weltmeister.

Als Schachspieler war er gewiß stärker als ich. Aber ich glaube, daß ich Lasker überholt habe. Mein Eröffnungsrepertoire ist viel breiter als seines. Das Spektrum der Stellungen, die ich gut spielen kann, ist viel größer. Auch im Gebiet der Psychologie hoffe ich, daß ich diesen berühmten Mann überrundet habe.

Nennen Sie ein psychologisches Kunststück aus Ihrer Karriere.

Da gibt es viele, wie zum Beispiel beim WM-Kandidatenmatch 1971 gegen Jefim Geller. Dort hatten wir eine Hängepartie mit kleinen Vorteilen für mich. Bei der häuslichen Analyse konnte ich jedoch keinen Weg finden, seine Stellung zu durchbrechen. Mein Trainer Osnos hat mir damals ein Figurenopfer vorgeschlagen. Ich habe für die Analyse eine Extra-Auszeit genommen und diese Stellung drei Tage lang analysiert.

Wie ging die Sache aus?

Nach einer halben Woche saßen wir wieder am Brett, um die Hängepartie zu Ende zu spielen. Ich habe die Figur tatsächlich geopfert. Das war mit Risiko verbunden. Aber Geller hatte diesen Zug nicht analysiert und ohne Widerstand die gute Stellung verloren. Das war die entscheidende Partie des Wettkampfs. Danach gewann ich noch ein Spiel, und das Match war gelaufen.

Was halten Sie von Computern? Macht der Rechner das kreative Schach am Ende kaputt?

Ja! In dieser Hinsicht bin ich sehr pessimistisch. Für mich war Schach nie Wissenschaft, sondern alles andere: Sport, Kampf, Psychologie und Kunst.

Würden Sie, so wie Kasparow oder Kramnik es taten, ein Match gegen ein Schachprogramm spielen?

Nein, niemals. Der Computer verbessert sich so schnell allein, ich will ihm nicht noch bei seinem Fortschritt helfen.

Im vorigen Jahr haben Sie im Alter von 73 Jahren abermals Turniersiege gefeiert. Wie lange wollen Sie noch aktiv bleiben?

Wie Sie sehen, spiele ich ab und zu noch ganz passabel Schach. Und wenn ich einmal in drei Jahren ein gutes Turnier gewinne, ist das okay. Also spiele ich weiter.

Gibt es für Sie ein Leben nach dem Schach?

Nein.

Nehmen Sie ein Schachbrett mit ins Grab?

Ja, besser ist es. Aus meinem Buch kennen Sie die Geschichte mit Geza Maroczy, der kein Schachbrett hatte, als er vom Jenseits aus mit mir spielte. Ich werde also vorsorglich eins mitnehmen.

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